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ZUgespitztWas ein Tattoo über den Lockdown lehrt

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen Redaktorinnen und Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

Sharon Saameli, Redaktorin.
Sharon Saameli, Redaktorin.
Foto: Johanna Bossart

Die meisten von uns haben seit Mitte März einige sehr verschiedene Grenzerfahrungen machen müssen: Homeoffice, Kurzarbeit, Stellenverlust, Kinderbetreuung, Homeschooling, 12-Stunden-Schichten in der Pflege. Der Verlust von Zeitgefühl und Freiheit. Zu Beginn brachten mich bereits Kleinigkeiten – etwa, das Salz im Pastawasser zu vergessen – zum Weinen, einfach, weil der Lockdown mir so viele Ressourcen wegstahl.

Doch die Zeit verging, und ich, kinderlos, gewöhnte mich. Dann wurde es diese Woche Dienstagnachmittag. Ich hatte meinen Tätowiertermin. Das Tattoo war seit Monaten geplant, die Vorfreude riesig – nicht zuletzt, weil ich mit meinem Tätowierer einst in einer WG gelebt und ihn sehr lieb gewonnen hatte. Das Vertrauen zu ihm war nötig, damit ich mich unter die Nadel legen konnte. Und so machte ich am Dienstag drei Stunden lang Atemübungen und summte zur Musik, um das Summen der Maschine zu übertönen.

Vergessen waren der Lockdown und der Weg in die sogenannte Normalität. Vergessen waren die geschlossenen Geschäfte, die wirtschaftlichen Folgen der Krise, die Absagen von Konzerten, Theaterstücken und dem Zürich Openair; vergessen waren der befürchtete Anstieg häuslicher Gewalt, die Beklemmung in den Asylzentren, die jetzt noch viel prekärere Lage Obdachloser und von Armut Betroffener, die durch Staatsgrenzen getrennten Familien und die isolierten Seniorinnen und Senioren in den Heimen. Vergessen die Angst, diese verfluchte Angst vor dem Virus. Ich atmete nur in meine Schutzmaske hinein, hielt mich an der Schmusedecke fest. Und summte.

Aus meinem Endorphin-Cocktail kehrte ich danach allmählich in die «Normalität» zurück. Das Tattoo wird zur Erinnerung an die Krise – und das ist ein enormes Privileg. Während für mich die nächste Sitzung voll stechendem, aber selbst gewähltem Schmerz ansteht, bedeutet diese Zeit für viele andere eine Verschärfung von Ungleichheit und existenzieller Bedrohung. Auch wenn die Corona-Krise uns alle getroffen hat, sind die Folgen davon nicht gleich verteilt. Das dürfen wir auch nach dem Ende des Lockdown nicht vergessen.