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TV-Kritik: GNTM-FinaleWas ist noch mal Persönlichkeit?

Das Label «Zicke» ist für eine Kandidatin von «Germany's Next Topmodel» zur sehr realen Gefahr geworden. So kann es mit der Sendung nicht weitergehen.

Die Finalistin Jacky von «Germany’s Next Topmodel» geht über den Laufsteg.
Die Finalistin Jacky von «Germany’s Next Topmodel» geht über den Laufsteg.
Prosieben / Richard Hübner

Die grösste Lüge, die «Germany’s Next Topmodel» seit nunmehr 15 Jahren erzählt, ist die von der Persönlichkeit. Angeblich braucht man sie, um es im Modegeschäft, das bei GNTM immer für das Leben an sich steht, zu etwas zu bringen. Die Persönlichkeit, oder besser die «Personality», darf nicht zu blass sein, sonst ist man langweilig. Sie darf aber auch nicht zu auffällig sein, denn das könnte «die Kunden» abschrecken. Es ist unklar, was die Personality ist. Klar ist nur: Sie muss sein.

Deshalb sagt Sarah aus Österreich, die, seit sie ein kleines Mädchen war, davon träumt, bei GNTM dabei zu sein, dass sie eine «megageile Persönlichkeit» habe. Sie sagt das in einem der üblichen Werbeeinspieler, die die Finalistinnen über sich selbst filmen müssen. Meistens klingt das peinlich bis demütigend, aber auf Österreichisch wunderbarerweise überhaupt nicht. Man glaubt Sarah einfach sofort, dass ihre Persönlichkeit so ist, wie sie sagt, was auch immer das heisst, und möchte, dass sie immer weiterspricht. Ob man Heidi Klum auf Österreichisch nachsynchronisieren könnte? Oder gleich alle Mitwirkenden der Show? Nur so ein Gedanke.

Umso enttäuschender ist dann aber diese mehr als dreistündige Finalsendung, die selbst so gar keine Persönlichkeit hat und die, schlimmer noch, mit ihrem leitenden Personal das Gegenteil von dem beweist, was sie immer behauptet: Man braucht offenbar überhaupt keine tolle Persönlichkeit, keine angenehme und auch keine megageile, um es im Modegeschäft zu etwas zu bringen.

Vielleicht ist sie sogar hinderlich. Sonst sässe da doch nicht der hinter seiner Schlufi-Optik mit Hipsterbrille und Bart ziemlich autoritär wirkende Modefotograf Christian Anwander auf der Bühne, um die «Mädchen» zu bewerten. Und schon gar nicht sässe da der hypernarzisstische Modedesigner Philipp Plein, für dessen Auftritt sich die Show offenbar selbst die Challenge gestellt hat, ihn noch unsympathischer rüberkommen zu lassen, als er ohnehin schon ist. Man beschloss, ihn in einen Cadillac mit Leopardenlackierung und Wackelfunktion zu setzen, aus dem er nach langem Gewackel zu Rockmusik ausstieg. Was soll man sagen? Es hat funktioniert.

Die Show zum Finale der 15. Staffel von «Germany’s Next Topmodel» war in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Wegen der Corona-Bestimmungen fand sie ohne Publikum statt – im überschaubaren Friedrichstadtpalast in Berlin statt in der riesigen Lanxess-Arena in Köln. Statt echten Applaus gab es welchen aus der Konserve.

Klum und der eingefrorene Bildschirm

Sie fand ohne Heidi Klum statt, jedenfalls ohne Heidi Klums physische Präsenz. Weil sie während der Corona-Pandemie nicht nach Deutschland reisen wollte, wurde sie über einen grossen Flachbildfernseher aus Los Angeles zugeschaltet. Ein Umstand, von dem sich die Produzenten der Show offenbar viel komisches Potenzial versprochen hatten. Sie liessen dann Heidi kurz so tun, als wäre das Bild eingefroren, und Christian Anwander schlug gegen den Bildschirm. Humor zählt offenbar auch nicht zum Anforderungskatalog an eine erfolgreiche «Personality».

Trotzdem vermisste man Heidi Klum irgendwann. Als buntes, weibliches Gross-Ego zum Ausgleich für die grossen, schwarz gekleideten Männer-Egos. Spätestens vermisste man sie, als die Finalistinnen Jacky (die Gewinnerin) und Sarah ihren Entscheidungswalk mit Glitzerbikini und verführerischen Blicken hinlegten. Das taten sie nämlich vor zwei mehrlagig angezogenen Männern – Anwander und Thomas Hayo – und das sah dann doch einen Tick zu sehr nach Stripclub aus, um noch irgendwie erträglich zu sein. Aber das war gar nicht mal das Schlimmste.

Neben den Corona-Abstandsregeln hatte diese Finalshow einen traurigen Hintergrund. Die Finalistin Lijana, 23, der in diesem Jahr die klassische GNTM-Rolle der sozial inkompetenten Aussenseiterin zugefallen war, muss seit Wochen mit einem bisher unbekannten Ausmass an Publikumshass umgehen. Sie erhält Morddrohungen. Die Polizei fährt laut Medienberichten zehnmal am Tag vor ihrem Elternhaus in Kassel Streife. In ihrem Garten sollen Giftköder für ihren Hund gelegen haben. Lijana berichtet, dass ein Mann sie auf offener Strasse angespuckt habe mit den Worten «drei Millionen wollen deinen Tod».

Dass ein Dutzend sehr junger Frauen, die täglich auf Aussehen und «Performance» geprüft werden und nur videoüberwachten Kontakt zur Aussenwelt haben, sich untereinander zanken, ist zu erwarten. Aber dass Leute reagieren wie ein mittelalterlicher Mob, weil eine junge Frau die anderen mal nicht anfeuert – das ist beängstigend.

Es zeigt: Die klassische Castingshow-Dramaturgie, die eine «Zicke» braucht und sie unter den jungen Persönlichkeiten, die sich ihr anvertrauen, auch immer findet, diese Dramaturgie ist – so sieht die deutsche Gesellschaft im Jahr 2020 aus – lebensgefährlich geworden. Dass ein Fotoshooting in der diesjährigen Staffel die «Tribute von Panem»-Filme zum Thema hatte, passt zu dieser wahr gewordenen Dystopie.

Häme aus dem Fernsehen trifft auf ein aufgeheiztes Klima im Netz

GNTM stellte dem etwas hilflos eine kleine Kampagne gegen Cybermobbing entgegen, auf die in den Werbepausen hingewiesen wurde. Lijana, eine der erfreulich zahlreichen nichtweissen Kandidatinnen in diesem Jahr, kam tapfer auf die Bühne. Bei ihrem Eröffnungswalk schälte sie sich aus einem schwarzen Sack, auf den Beleidigungen geschrieben waren, und öffnete dann phönixgleich einen hellrosa Federkranz. Dann hielt sie eine bemerkenswert selbstbewusste Rede gegen den Hass und trat dann freiwillig vom Finale zurück. Dass sie sogar noch betonte, an dem Hass, der ihr entgegenschlägt, gewachsen zu sein, zeigt, wie tief die Logik von Challenge, Feedback und Selbstoptimierung sich ins gesellschaftliche Bewusstsein gefräst hat.

Zu leicht sollte man die Macher von «Germany’s Next Topmodel» mit ihren Beteuerungen gegen den Online-Hass nicht davonkommen lassen. Die Mechanismen der Show mögen aus einer Zeit stammen, in der die Menschen noch keine Morddrohungen gegen Nachwuchsmodels verschickten, sondern am nächsten Tag in der Kantine ein bisschen mit den Kollegen in die Gulaschsuppe geiferten. Diese Zeit ist vorbei. Jede Häme aus dem Fernsehen trifft heute auf ein so aufgeheiztes Klima im Netz, dass das Label der «GNTM-Zicke» nicht mehr nur ein lustiges Ehrenabzeichen ist, das man im Dschungelcamp ausschlachten kann. Es ist eine Zielscheibe, die man einer jungen Frau an den Rücken heftet.

Wenn es denn sein muss, dass diese Show immer weiter und weiter geht, sollte sie sich wenigstens fragen, ob das trotzdem weiterhin zu ihrer Persönlichkeit gehören soll.