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Leser fragenWas treibt Trolle an, Opfer zu beschimpfen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur Kommunikation.

Statt Mitgefühl reizt das Opfersein den Sadismus der anderen: Kate und Gerry McCann, die Eltern der seit 2007 vermissten Maddie McCann.
Statt Mitgefühl reizt das Opfersein den Sadismus der anderen: Kate und Gerry McCann, die Eltern der seit 2007 vermissten Maddie McCann.
Foto: Keystone

Nach 13 Jahren ist ein neuer Verdächtiger im Fall des verschwundenen englischen Kleinkindes Maddie McCann aufgetaucht. Was mich in all diesen Jahren immer wieder beschäftigt hat: Die bedauernswerten Eltern bekamen zwar Bekundungen des Mitgefühls von vielen Menschen, aber immer wieder auch Schmähungen, Beleidigungen und Drohungen der allerschlimmsten Art. Dasselbe geschieht auch der als Kind entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Natascha Kampusch; auch sie muss sich mit bösartigen, verletzenden Kommentaren von Unbekannten herumschlagen. Was treibt diese Trolle an? Beneiden sie vielleicht diese vom Schicksal geschlagenen Menschen um die grosse öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird? S.M.

Liebe Frau M.

Ich fürchte, man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass Opfer grundsätzlich das Mitleid aller anderen Menschen wecken. Der seltsame perverse Neid, den Sie angesprochen haben, spielt bei diesen Bösartigkeiten gewiss eine Rolle.

Ein Teil des Antisemitismus speist sich schliesslich aus der Unterstellung, die Juden schlügen über Gebühr aus der Shoa Profit. Leute, die solche Ressentiments hegen, dürften sich selber als Opfer fühlen, aber als unbeachtete Opfer, während die Juden, die Kampuschs, die Schwarzen, die Frauen, die McCanns, die Schwulen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geniessen und daher glauben, dass sie etwas Besseres seien. Das aber kann man ihnen doch nicht durchgehen lassen. Statt Mitgefühl reizt das Opfersein den Sadismus der anderen.

Vielleicht, weil die Einfühlung in die Opfer einem vor Augen führen müsste, wie fragil jede Normalität ist und wie zerbrechlich Menschen sind. Der aktive Sadismus schützt dann vor dem quälenden Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. «Du Opfer» ist dann eine naheliegende Beschimpfung. Der Vorwurf, jemand spiele sich als Opfer auf, mündet meist in verbale Ausbrüche von Wut. Einer Wut, die man häufig auch in der Gegenwehr zum vermeintlichen Terror der politischen Korrektheit beobachten kann: In diesem Kampf wird man selber zum Opfer, weil man von diesen selbsternannten, sich moralisch erhöhenden «Opfern» verfolgt und gedemütigt wird.

Und dann gibt es noch eine andere Art von Wut, die sich über die McCanns und Natascha Kampusch ergossen hat. Es ist dies die Wut von Leuten, die mit dem generalisierten Gefühl leben, dass man sie für dumm verkaufen möchte. Leute, die anfällig sind für Theorien, die erklären, dass in Wirklichkeit alles ganz anders ist, als man ihnen weismachen will. Sie aber wissen: Die vermeintlichen Opfer sind gar keine. Es gibt ja so viele Ungereimtheiten ... Warum rücken diese angeblichen Opfer nicht endlich mit der Wahrheit heraus?

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

4 Kommentare
    Toni Kuster

    Die Schmähungen und Beleidigungen denen ein Teil der Opfer ausgesetzt ist (in diesem Fall speziell die McCanns und N.Kampusch), hat nicht mit Empathielosigkeit oder gar Sadismus zu tun, sondern damit, dass ihre „Mitschuld“ resp. ihr „dazu tun“ bis heute nicht restlos aufgeklärt ist. Andernfalls wäre jedes Opfer Ziel von Niedertracht - was aber bei weitem nicht der Fall ist!