Zum Hauptinhalt springen

Schweizer Autobranche unter DruckWegen Corona kommen die Klima-Ziele für Autos ins Wanken

Die Corona-Krise trifft die Autobranche hart. Strittig ist, welche Folgen sie für den CO2-Ausstoss der Neuwagen hat – und die Einführung eines verschärften Klimaziels.

Autos ohne Kunden: Im März ist der Verkauf von Neuwagen gegenüber dem Vorjahresmonat um 40 Prozent zurückgegangen.
Autos ohne Kunden: Im März ist der Verkauf von Neuwagen gegenüber dem Vorjahresmonat um 40 Prozent zurückgegangen.
Foto: Christian Pfander 

In der Krise meiden die Menschen teure Anschaffungen. Im März sind in der Schweiz nur noch etwas mehr als 17500 Personenwagen neu immatrikuliert worden ein Minus von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Und das dürfte erst der Anfang sein. Die wahre Wucht der ausbleibenden Bestellungen und Lieferungen werde erst im Laufe der nächsten Monate ersichtlich, schätzt Auto Schweiz, die Vereinigung der offiziellen Importeure. Bereits jetzt ist der Rückstand zum Vorjahr beträchtlich: Nach dem ersten Quartal beträgt der Marktrückgang im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum fast ein Viertel.

Die Covid-19-Pandemie trifft die Branche zweifelsohne hart. Strittig ist dagegen, wie sie sich auf den CO2-Ausstoss der Personenwagen auswirken wird. Interessanterweise legen derzeit Steckerfahrzeuge, also reine Elektroautos und Plug-in-Hybride, im Vergleich zu den Fahrzeugen mit Benzin- und Dieselantrieb zu. Ihr Marktanteil betrug im März fast 14 Prozent, im ersten Quartal fast 10das sind Rekordwerte. Zur Einordnung: Auto Schweiz will den Anteil der Steckerfahrzeuge in diesem Jahr auf 10 Prozent steigern, gegenüber 2019 also nahezu verdoppeln.

Die Importeure befürchten indes, dass die Zulassungen neuer Steckerfahrzeuge «noch stärker zurückgehen als der Gesamtmarkt», dies «aufgrund der nachlassenden Nachfrage und Lieferschwierigkeiten», denkbar etwa bei Autobatterien. Wäre dem so, würde es für die Branche noch schwieriger, das verschärfte Klimaziel des Bundes zu erreichen: Ab diesem Jahr dürfen die Neuwagen durchschnittlich nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen, analog zur EU. 2018 waren es realiter aber 138 Gramm, 8 Gramm mehr als erlaubt. Die Konsequenz: Die Importeure mussten 31,7 Millionen Franken Bussen zahlen.

Debatte auch in der EU

Vor diesem Hintergrund denkt Auto Schweiz nun laut über Erleichterungen nach. In der EU steht zur Debatte, den verschärften Zielwert erst 2021 oder später einzuführen. Sollte die EU der Forderung des Verbands der europäischen Automobilhersteller nachkommen, will sich Auto Schweiz hierzulande für die Umsetzung entsprechender Massnahmen starkmachen und «damit eine zusätzliche Belastung der gesamten Volkswirtschaft durch exorbitante Sanktionen verhindern».

Eine Verschiebung ist auch in Bundesbern ein Thema. «Das ist für mich denkbar, wenn die geltend gemachten Probleme nachgewiesen sind und beispielsweise auch die EU Anpassungen vornimmt», sagt Martin Schmid (FDP), Präsident der ständerätlichen Umweltkommission. Der Freisinnige könnte sich einen Aufschub um ein halbes Jahr vorstellen. Kritik kommt dagegen von den Grünliberalen. «Die Autolobby versucht, einen Profit aus der Corona-Krise zulasten des Klimaschutzes zu schlagen», sagt Präsident Jürg Grossen. Die Autobranche solle die aktuelle Krise besser als Chance nutzen, «um endlich auf einen wirksamen Klima- und Umweltschutz umzuschwenken», so Grossen, der dem Elektromobilitätsverband Swiss E-Mobility vorsteht.

Im Nachgang zur Finanzkrise sank der CO2-Ausstoss der Neuwagen überdurchschnittlich stark.

Für das Bundesamt für Energie (BFE) dagegen ist es noch zu früh, konkrete Aussagen zu machen. Es gelte jetzt, die Entwicklungen genau zu beobachten, sagt Christoph Schreyer, beim BFE Leiter Sektion Energieeffizienter Verkehr. Denn immerhin zeigten Beobachtungen aus früheren Wirtschaftskrisen, «dass die Konsumenten in unsicheren Zeiten beim Autokauf vermehrt auf günstigere Fahrzeuge mit tiefem Verbrauch setzen».

So könnte es laut Schreyer auch bei den Neuzulassungen in der Schweiz eine deutliche Zunahme bei effizienteren Fahrzeugen geben, wie dies bereits ab 2008 im Nachgang der weltweiten Finanzkrise der Fall war. Die Leergewichte der Autos sanken damals, der 4×4-Anteil stagnierte, der durchschnittliche Hubraum der Fahrzeuge nahm ab. Entsprechend gingen in den Jahren 2008 bis 2011 die CO2-Emissionen der Neuwagenflotte in der Schweiz überdurchschnittlich stark zurück, jeweils um etwa 4 Prozent pro Jahr, in den Jahren zuvor waren es nur 2 Prozent pro Jahr, nach 2011 rund 1,5 Prozent, ehe die Emissionen ab 2017 gar wieder zu steigen begannen. Schreyer sagt, dieser Effekt könnte nun auch im Zuge der Corona-Krise eintreten. «Damit würde der durchschnittliche CO2-Ausstoss der Neuwagenflotte zurückgehen, was es den Importeuren erleichtern würde, die CO2-Zielvorgaben zu erreichen.»

Flacht E-Boom ab?

Noch unklar ist zudem, ob es bei E-Autos wie von Auto Schweiz befürchtet zu stärkeren Lieferengpässen kommt als beim Rest der Fahrzeuge. Wichtige Produktionsländer von Batterien für E-Fahrzeuge wie Südkorea und Japan hätten die Ausbreitung der Pandemie offensichtlich früh eindämmen können, und in China laufe die Produktion zurzeit wieder an, so Schreyer.

Offen ist zudem, ob der E-Boom in der Krise weiter anhält, da E-Autos in der Anschaffung in der Regel noch immer teurer sind als vergleichbare Modelle mit fossilem Antrieb. Auf Kunden, die der Krise wegen tendenziell preissensibler sind, könnte das abschreckend wirken. BFE-Experte Schreyer verhehlt dieses Risiko nicht, betont aber, ein E-Auto sei im Vergleich günstiger, wenn man auch die Unterhalts- und Betriebskosten einrechne. Die nächsten Monate werden zeigen, inwieweit die Konsumenten solch umfassende Kalkulationen machen werdengerade in der Krise.