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Immer mehr Waffen in den USAWeisse tun sich in Bürgerwehren zusammen

Die Pandemie und die Anti-Rassismus-Proteste führen zu einem Anstieg beim Waffenkauf. Besonders wohlhabende Weisse fühlen sich bedroht.

Rund 80 Prozent mehr Waffen pro Monat: Weisser Protest gegen Corona-Massnahmen .
Rund 80 Prozent mehr Waffen pro Monat: Weisser Protest gegen Corona-Massnahmen .
Foto: Kevin Lamarque (Reuters)

1726053 – so viele Waffen haben die Amerikaner allein im Mai auf legalem Weg gekauft. Das sind 80 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Diese Zahl der Datenbank des National Instant Criminal Background Check System des FBI ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Amerikaner auch in den Monaten März und April deutlich mehr Waffen als im jeweiligen Vorjahreszeitraum gekauft haben, nämlich 71 und 80 Prozent. Knapp die Hälfte aller weltweiten Waffen in Privatbesitz befinden sich in den USA, konkret heisst das etwa 400 Millionen Exemplare. Experten prognostizieren, dass der Juni ein Rekordmonat sein wird.

Schon Mitte März, zu Beginn der Ausgangssperre wegen der Pandemie, prophezeiten Experten: Wer den Job verloren hat und nicht mehr weiss, woher er das Nötigste zum Leben bekommt, der könnte Leute in reicheren Gegenden überfallen und die rüsten sich dagegen, indem sie sich bewaffnen. Nun heizen die zum Teil gewaltsamen Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd die Ängste weiter an, und zwei ohnehin schon furchterregende Stürme verbinden sich zu einem Hurrikan.

Schwarze Wut: Demonstrant nach der Tötung eines Schwarzen durch die Polizei in Atlanta.
Schwarze Wut: Demonstrant nach der Tötung eines Schwarzen durch die Polizei in Atlanta.
Foto: Elijah Nouvelage (Reuters)

Vielleicht muss man das, was da im Grossen passiert, im Kleinen erklären. Hermosa Beach ist eine Strandstadt südlich von Los Angeles. Viele der knapp 20000 Einwohner sind wohlhabend, das mittlere Haushaltseinkommen liegt bei fast 125000 Dollar pro Jahr knapp doppelt so viel wie der landesweite Durchschnitt. Mit 85 Prozent bilden Weisse die große Mehrheit.

Hermosa Beach ist eine Kleinstadt, aber was hier gerade passiert, steht stellvertretend für viele Gemeinden in dem Land: Reiche, überwiegend weisse Amerikaner fürchten, dass jemand diese Blase mit einer kleinen Nadel platzen lassen könnte.

Er wolle seine Familie beschützen, er habe Angst

In Hermosa Beach begann es mit Einträgen im lokalen Facebook-Forum, wo gewöhnlich über zu laute Nachbarn oder Hundekot debattiert wird. Am vergangenen Wochenende fragte einer, ob es nicht sinnvoll wäre, sich zu bewaffnen. Er wolle seine Familie beschützen, er habe Angst. Die Antworten, ohne auch nur eine Ausnahme: Jawohl, man brauche derzeit ganz dringend eine Waffe!

Also ging der hellhäutige Fragesteller, der noch nie in seinem Leben eine Pistole in der Hand hatte, auf Ratschlag seiner Freunde hinüber zum hellhäutigen Nachbarn und borgte sich eine Glock 23. Damit sass er die ganze Nacht auf der Dachterrasse seines Hauses, von der aus man den Pazifik sieht, und wartete auf Bösewichte.

Wein schlürfen, Zigarren rauchen und Ausschau halten nach Eindringlingen.

Die Furcht erschien zunächst begründet: Wegen nächtlicher Ausschreitungen und Plünderungen wurde im Bezirk Los Angeles eine Ausgangssperre verhängt. Und es kursierten Twitter-Einträge, denen zufolge es die Demonstranten auf das, wie es hiess, «sehr weisse und historisch rassistische Hermosa Beach» abgesehen hätten. Die Geschäfte wurden zugenagelt, die Menschen besorgten Pistolen. Manche Bewohner luden Nachbarn zu sogenannten Curfew-Meetings ein: Wein schlürfen, Zigarren rauchen und auf der Dachterrasse Ausschau halten nach möglichen Eindringlingen.

Es passierte nichts in dieser Nacht, und später stellte sich heraus, dass der Anhänger einer Gruppe weisser Rassisten mit seiner Ankündigung Panik hatte auslösen wollen. Mit Erfolg. Laut Statistik wohnen 261 Afroamerikaner in Hermosa Beach. Einer davon ist Jeremiah Tshimanga, seit knapp einem Jahr in der Stadt. «Ich bin seitdem dreimal zufälligvon der Polizei angehalten worden», schrieb er auf dem Nachbarschaftsportal Nextdoor: «Meine Erfahrungen in dieser Gemeinde sind nicht angenehm gewesen. Ich habe auf Partys Rassismus erlebt und bin regelrecht verhört worden, wo ich arbeite.» Tshimanga ist Manager bei der Raumfahrtfirma Northrop Grumman. Er ist vermögend, aber er ist eben auch: dunkelhäutig.

Teenager organisieren Nachtwache

Es heisst derzeit, dass die Zahl der Waffenkäufe im Juni noch einmal kräftig ansteigen dürfte. «Wenn die Leute im Fernsehen die Gewalt sehen, das Plündern, die Zerstörung von Privateigentum, dann lässt sie das verständlicherweise nervös werden», sagte Dana Loesch, Autorin des Buchs «Hands Off My Gun», beim Fernsehsender Fox News. Sie sei nicht überrascht vom Anstieg der Waffenkäufe, sie begrüsse ihn: «Die Leute wollen sich und ihr Eigentum schützengerade jetzt, wo Proteste in Gewalt ausarten.»

Unlängst hat es eine Nachtwache gegeben am Pier in Hermosa Beach, organisiert von Teenagern. 300 Menschen kamen, obwohl viele Eltern ihre Kinder daheim liessen – es könnte ja doch was passieren. Es passierte: nichts, ausser dass 300 Leute 8 Minuten und 46 Sekunden lang schweigend knieten, während eine junge Frau «Amazing Grace» sang.

112 Kommentare
    Boris Fray

    Wenn sich die Weissen in Bürgerwehren zusammen ziehen, wurde ich als Antifa sehr gut überlegen, ob ich auch auf der Strasse gehe.