Stäfa

Wenn ein alltäglicher Brief ­ Sorgen verursacht

Die reformierte Kirche Stäfa organisiert ­ seit Mitte Septem­ber eine Schreib­stube. Freiwillige Helfer ­ unter­stützen Migranten bei der schriftlichen Kommunikation. ­ Dabei ­erfahren sie die aktuelle Flüchtlingslage unmittelbar.

Zwei Somalierinnen lassen sich im Stäfner Forum Kirchbühl beim Lesen und Schreiben von Schweizer Korrespondenz unterstützen.

Zwei Somalierinnen lassen sich im Stäfner Forum Kirchbühl beim Lesen und Schreiben von Schweizer Korrespondenz unterstützen. Bild: Reto Schneider

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Ein SBB-Logo im Briefkopf ­kann Angst machen. Selbst dann, ­wenn der Inhalt des betreffenden Briefes so banal ist wie die Infor­mation über Nachtarbeiten an den Gleisen. Mehrmals wech­selt das Papier am vergangenen Mittwoch­nachmittag im Forum Kirch­bühl in Stäfa die Hände. Köpfe mit beunruhigten Gesichtern biegen sich darüber, Schultern werden als Zeichen der Ratlosigkeit gezuckt.

Die Worte auf dem Brief, die um Verständnis für die Ruhestörung wegen der Gleisarbeiten bitten, werden nicht verstanden, ihre Harmlosigkeit nicht erfasst. Aber die formale Gestaltung, in die ­ sie gekleidet sind, weckte bei der Empfängerin ungute Erinne­rungen. Die Syrerin, die vor gut ­einem Monat in der Schweiz ange­kommen ist, dachte beim ­Anblick von amtlichem Brief­kopf, Anrede, Datum und Unter­schrift an eine staatliche Aufforderung, deren Nichtbeachtung gravie­rende Konsequenzen für sie ­haben könnte. So ist sie ins Forum Kirch­bühl gekommen, um sich ­ in der sogenannten Schreib­stube das verstörende Dokument erklären zu lassen. Dort nimmt sich als­bald Sihem Tanner der jun­gen Frau an und schaut mit ihr den Brief der SBB an.

Tanner stammt ursprünglich aus Tunesien und ist selber erst vor einem Jahr in die Schweiz gekom­men. Die deutsche Sprache beherrscht sie mittlerweile aber schon so gut, dass sie nun in der Schreibstube den jüngst angekommenen Flüchtlingen hilft, sich in der Schweiz besser zurechtzufinden. Nach wenigen Augen­blicken hat sich denn auch das besorgte Gesicht der ratsuchenden Syrerin etwas entspannt: Tanner hat ihr das Schreiben ins Arabische übersetzt und erklärt, was der Kriegsvertriebenen aus ihrer Herkunft unbekannt war. Ähnlich ergeht es auch zwei Soma­lierinnen. Je länger das ­Gespräch mit ihrer Helferin dauert, umso besser kommen ihnen auch die noch ungewohnten deutschen Wörter über die Lippen.

Breites Kontaktangebot

Allwöchentlich am Mittwoch­nach­mittag treffen sich im Stäfner Forum Kirchbühl bis zu 20 freiwillige Helfer und etwa sechs Migran­ten. Im Rahmen der Schreib­stube unterstützen die einheimischen Freiwilligen die Flüchtlinge in ihrem Alltag in ­ der Schweiz – primär in der schriftlichen Kommunikation. Dies geschieht im Auftrag der Kirchgemeinde Stäfa und in Kontakt mit den Verantwortlichen für das Asylwesen der Politischen ­Gemeinde. «Die Hilfesuchenden bringen häufig Papiere mit, die sie nicht verstehen, wie Kranken­kas­sen­formulare, Briefe der Schule oder aber allgemeine Informationsschreiben wie dasjenige der SBB», erklärt Rolf Kühni. Der refor­mierte Stäfner Pfarrer hat die Schreibstube initiiert; seit dem 23. September findet sie ­ nun regelmässig statt.

Sie soll daneben aber auch als Begegnungstreffen zwischen den unterschiedlichen Teilnehmern und ihren Schweizer Bezugspersonen fungieren. «Auf einem Anschlagbrett notieren wir auf einer Seite, was die Migranten benötigen, etwa ein Kindervelo oder ein Sofa, auf der anderen Seite vermerken unsere Leute, was sie abzugeben haben», sagt Kühni. Dadurch entstehen neue Kontakte und Beziehungen.

Kinder miteinbezogen

Die Tauschbörse erweise sich für manchen Flüchtling als Glücksfall, berichtet Kühni weiter. Ein Mann aus Sri Lanka sei so schnell zu einem Computer gekommen, den ein Kirchgemeindemitglied nicht mehr benötigte, der für ihn aber von grossem Nutzen für seine Weiterbildung war.

Zudem habe man den Termin für die Schreibstube absichtlich auf den Mittwochnachmittag ­gelegt, damit die Flüchtlinge ­ihre Kinder mitbringen können. «Die Kleinen kennen oft die Spiel­sachen nicht, die hier zur Verfügung stehen. Sie müssen lernen, mit ihnen umzugehen», sagt Tanner. So erfahren sie ein Stück Schweizer Kultur und lernen andere Kinder, auch aus der einheimischen Bevölkerung, kennen.

«Was wir jedoch an diesem Ort nicht bieten, ist die Vermittlung von Arbeit und Wohnungen ­ sowie reguläre Deutschkurse», gibt Kühni zu bedenken. Das Aufgabengebiet der Schreibstube als Hilfe im schriftlichen Verkehr müsse klar gegenüber den Mi­gran­ten kommuniziert werden, sagt er. Ansonsten werden falsche Hoffnungen geweckt. Er und sein Helferteam schauen aber mit den Ratsuchenden die Wohn- und Stel­len­angebote an, besprechen mit ihnen ihre Möglichkeiten, verweisen sie an die spezialisierten Ämter oder helfen ihnen, Motivationsschreiben zu verfassen.

Breite Erfahrung

Für alle diese Aufgaben könne er durch die Freiwilligen auf breite Erfahrung und Kompetenz zählen, sagt der Pfarrer, kommen ­diese doch aus den unterschiedlichsten Berufen. Jung und Alt, Frauen und Männer, machen als Helfer ihr Wissen zunutze. Kühni wünscht sich nun, «dass sich vermehrt Migranten, die schon länger in der Schweiz leben, in der Rolle der Vermittler einbinden».

Erstellt: 13.10.2015, 08:12 Uhr

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