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Coronavirus in TansaniaWenn Landkarten Leben retten

Viele afrikanische Städte sind nur grob kartiert. Eine Organisation in Tansania bekämpft mit äusserst genauen Karten Überschwemmungen und Mangelernährung – und nun das Coronavirus.

«Hausnummern gibt es hier nicht»: Asha Mustapher kartiert für die Organisation OMDTZ Dar es Salaam so genau wie nie zuvor.
«Hausnummern gibt es hier nicht»: Asha Mustapher kartiert für die Organisation OMDTZ Dar es Salaam so genau wie nie zuvor.
Foto: Tobias Zuttmann

Vollverglaste Bürogebäude ziehen vorbei, als der Tuk-Tuk-Fahrer mehrere Spuren der Schnellstrasse wechselt und nach rechts in einen unbefestigten Seitenweg abbiegt. Der klapprige Kabinenroller schlängelt sich über die hügelige Piste, die nach starkem Regen mit tiefen Pfützen gespickt ist. «Links oder rechts?», fragt der Fahrer auf Suaheli nach hinten in die Kabine. Wer in Tansanias grösster Stadt Dar es Salaam ein Taxi nimmt, muss navigieren können. Strassennamen sind in der Metropole mit sechs Millionen Einwohnern nicht viel wert, man orientiert sich an Gebäuden und grossen Märkten.

«Hier leben die Menschen auf so engem Raum – wenn eine Krankheit ausbricht, sind direkt Unmengen von Leuten betroffen», sagt Hawa Adinani, Sprecherin von Open Map Development Tanzania (OMDTZ). Die Organisation hat erstmals detaillierte Karten des Landes erstellt und macht so die Ausbreitung von Krankheiten nachverfolgbar. Das kann in Zeiten von Covid-19 Menschenleben retten.

«Viele Leute können drei Monate lang nicht in ihrem Haus wohnen, weil es komplett unter Wasser steht – jedes Jahr.»

Hawa Adinani, Sprecherin OMDTZ

Seit 2017 sucht OMDTZ nach Lösungen für humanitäre Probleme. Erklärtes Ziel der NGO ist es, auf lokaler Ebene datengetriebene Entscheidungen zu ermöglichen. Wo sollten Spitäler errichtet werden, um in von HIV besonders betroffenen Regionen möglichst viele Menschen versorgen zu können? An welchen Stellen müssen Abwassersysteme repariert werden, um Überflutungen zu verhindern? Wo ist der Ursprungsort einer Epidemie? All diese Fragen lassen sich mithilfe von detaillierten Karten leichter beantworten.

Entstanden ist die NGO aus einem Kooperationsprojekt zwischen der Weltbank und der Organisation Humanitarian Open Street Map Team, die international die Erstellung von Karten zu humanitären Zwecken unterstützt. Studierende der University of Dar es Salaam und der Ardhi University suchten 2015 nach Gründen für die regelmässigen Überflutungen in der Stadt – mithilfe von Open Data, also von Freiwilligen zusammengetragenen, frei zugänglichen Daten. «Ich wusste vorher gar nicht, wie extrem die Überflutungen hier sind», erinnert sich Adinani. «Viele Leute können drei Monate lang nicht in ihrem Haus wohnen, weil es komplett unter Wasser steht – jedes Jahr.»

Bedarf für akkurate Karten gibt es also. Der afrikanische Markt ist aber für kommerzielle Anbieter kaum interessant. Dabei sieht die Weltbank Karten als wichtiges Hilfsmittel, um die von den Vereinten Nationen ausgegebenen Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. So sollen Karten dabei helfen, das Ausmass und die Ursachen von Armut zu entdecken und zu bekämpfen, eine Wirtschaft zu entwickeln, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert, oder Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen.

Dar es Salaam besteht aus vielen illegal errichteten Siedlungen, weisse Flecken auf der Landkarte

Vor wenigen Jahren startete die Weltbank mit verschiedenen Partnern deshalb das Open Cities Africa Project in elf afrikanischen Städten. Eine davon ist Dar es Salaam mit dem OMDTZ.

Die Studierenden mussten vor möglichen Analysen aber erst eine Basis legen – es fehlten detaillierte Karten. Obwohl Dar es Salaam bereits vor fünf Jahren mehr Einwohner hatte als Berlin, war die Stadt damals nur in ihren groben Strukturen gemappt. Die Stadt besteht aus vielen Siedlungen, die ohne Erlaubnis der Regierung gebaut wurden. Gerade diese waren nur weisse Flecken.

Über tausend Freiwillige halfen dabei, das zu ändern. Sie liefen durch Dar es Salaam und trugen in spezielle Apps Gebäude, Strassen und markante Orte ein. Das GPS in den Handys lokalisierte diese Punkte, und das OMDTZ-Team fügte die gesammelten Daten zu einem genaueren Abbild der Stadt zusammen. Während ihrer Besuche in den Vierteln interviewten die Freiwilligen ausserdem Anwohner zu deren Wohnsituation. So machte die Gruppe beispielsweise Überflutungsursachen wie kaputte oder fehlende Abwassersysteme ausfindig.

Daressalam war nur in groben Strukturen gemappt. Nun haben über 1000 Freiwillige mit dazu beigetragen, die weissen Flecken mit Leben zu füllen.
Daressalam war nur in groben Strukturen gemappt. Nun haben über 1000 Freiwillige mit dazu beigetragen, die weissen Flecken mit Leben zu füllen.
Foto: Open Street Map

Heute rücken Gesundheitsthemen in den Fokus. Für das Amana Hospital in Dar es Salaam fertigte OMDTZ zum Beispiel hyperlokale Karten der angrenzenden Stadtbezirke an. Wenn man in der Schweiz ins Spital geht, gibt man Strasse und Hausnummer an. «Hausnummern gibt es hier aber nicht, und gerade kleine Strassen haben auch keine Namen», erklärt Projektleiterin Asha Mustapher. Stattdessen wurden im Spital nur die Stadtbezirke registriert. In den grössten Bezirken Dar es Salaams leben allerdings über 100’000 Menschen.

Um Krankheiten wirklich lokalisieren zu können, braucht es kleinere Einheiten. Jeder Stadtbezirk unterteilt sich in Strassenzüge, die von einzelnen Ortsvorstehern verwaltet werden. «Den Namen des eigenen Ortsvorstehers kennt jeder. Du bekommst hier weder einen Ausweis noch ein Bankkonto ohne seine Erlaubnis», sagt Mustapher. Karten dieser Bezirke gab es bisher aber nicht.

Heute nennen Patienten bei der Aufnahme im Spital den Namen ihres Ortsvorstehers. So können sie dank der detaillierten Karten von OMDTZ nun Stadtvierteln mit dreissig bis hundert Häusern zugeordnet werden. So habe man etwa Ärzten helfen können, Brennpunkte bei der Mangelernährung von Kindern zu finden, sagt Mustapher.

Auch über die geplanten Projekte hinaus haben die Karten Einfluss auf das Leben in der Stadt: «In Tandale, einem Stadtteil Dar es Salaams, gab es vor einiger Zeit einen Cholera-Ausbruch», erinnert sich Adinani. «Der Ortsvorsteher hat dann unsere Karten genommen, die verschiedenen Fälle markiert und so die Quelle gefunden.» Ähnlich wie in diesem Fall wurden die Ergebnisse der bisherigen Projekte zusammengeführt, um auch in der Corona-Krise zu helfen.

Seit Mai veröffentlicht die Regierung keine Infektionszahlen mehr

Als vor ein paar Monaten ein Ausbruch in Tansania immer wahrscheinlicher wurde, sah Adinani vor allen Dingen Dar es Salam gefährdet: «Wir erwarten, dass die Stadt als Wirtschaftszentrum des Landes von der Pandemie am härtesten getroffen wird», sagte sie im März. Die ersten Entwicklungen schienen ihr recht zu geben: In der mit Abstand grössten Stadt Tansanias stiegen die Zahlen verhältnismässig rasch an, auch das erste Todesopfer gab es in Dar es Salaam.

Doch all das lässt sich inzwischen kaum noch nachvollziehen. Denn seit Mai veröffentlicht die Regierung keine Infektionszahlen mehr. Offiziell gab es in Tansania deshalb nur 509 Infektionen und 21 Todesfälle. Zum Vergleich: Im Nachbarland Kenia sind bislang mehr als 22’000 Fälle gemeldet worden.

Laut Regierung sind seit Mai die Infektionszahlen stark gesunken, und die Spitäler sind wieder frei für andere Patienten. Oppositionspolitiker, ausländische Medien und Wissenschaftler zweifeln an dieser Darstellung. Die amerikanische Botschaft in Tansania warnte öffentlich vor einem «exponentiellen Anstieg» der Fälle, den man in Dar es Salaam beobachtet habe. Spitäler seien überfüllt, weil sie mit zahlreichen Covid-19-Patienten zu kämpfen hätten, die Grundversorgung der Bevölkerung ist nicht mehr gewährleistet. Hochrechnungen wie die MRC Centre for Global Infectious Disease Analysis des Imperial College London gehen davon aus, dass die Zahl der Erkrankten in die Zehntausende gestiegen ist.

Am 8. Juni erklärte Präsident John Magufuli das Land für coronafrei

Ganz anders sieht es die Regierung. Am 8. Juni erklärte Präsident John Magufuli das Land für coronafrei. Die Heilung kam seiner Meinung nach von ganz oben: Gott habe den von ihm angeordneten Gebetsmarathon erhört.

Schon zu Beginn der Pandemie fiel Magufuli mit absurden Aussagen auf: Er stellte öffentlich die Existenz des Virus infrage, pries einen aus Madagaskar importierten Kräutersaft als Wundermittel an und streute Zweifel an der Wirksamkeit von Labortests, indem er behauptete, eine von ihm eingeschickte Probe mit Papayasaft sei positiv auf das Virus getestet worden. Nach anfänglichen Bemühungen der Regierung, das Virus einzudämmen, sind inzwischen Schulen wieder geöffnet und Grossveranstaltungen erlaubt.

«Durch die Enge der Viertel sind die Menschen extrem gefährdet. Viele Menschen müssen sich Wasserstellen oder Toiletten teilen.»

Hawa Adinani, Sprecherin OMDTZ

Das könnte vor allem für die Ärmsten gefährlich werden. Potenzielle Corona-Hotspots lägen meist in illegalen Siedlungen, sagt Adinani. «Dort ist die Bevölkerungsdichte besonders hoch, und durch die Enge der Viertel sind die Menschen extrem gefährdet. Viele Menschen müssen sich Wasserstellen oder Toiletten teilen.» Sie könnten es sich ausserdem nicht leisten, auf Individualverkehr auszuweichen oder den Kontakt zu Menschen zu meiden. Infektionen seien daher auch in Kirchen, auf Märkten, in Apotheken oder den meist überfüllten Bussen wahrscheinlich.

Das OMDTZ-Team hat vor kurzem die gesammelten Daten fertig kartiert und sie auf frei zugängliche Internetplattformen wie Open Street Map hochgeladen. Ausserdem trafen sich die Kartografen mit Hilfsorganisationen wie Unicef und teilten Daten und Erkenntnisse. Dadurch helfen sie den Institutionen, zu entscheiden, wo Handwaschstationen, Brunnen und öffentliche Toiletten am dringendsten benötigt werden. Teilt sich die Bevölkerung auf mehr Orte auf, können dadurch Menschenansammlungen vermieden werden, hoffen die Kartografen. So können weitere Corona-Infektionen verhindert werden – ob von der Regierung erfasst oder nicht.