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Kommentar zu Übergriffen bei RTSWer nicht hinschaut, erfährt auch nichts

Die Übergriffe beim Westschweizer Radio und Fernsehen offenbaren ein Führungsproblem auf höchster Stufe der SRG. Generaldirektor Gilles Marchand muss sich jetzt beweisen.

Journalist Darius Rochebin bei einem Pressetermin im September in Paris.
Journalist Darius Rochebin bei einem Pressetermin im September in Paris.
Foto: AFP

Wie immer ist es erschütternd, wenn ein Heiligtum fällt. Darius Rochebin war in der Romandie eine Leuchtfigur – brillant, eloquent, beliebt. Und jetzt das: Gemäss einer Recherche von «Le Temps» soll Rochebin wiederholt Mitarbeiter und Geschäftspartner sexuell belästigt, seine Funktion und sein Ansehen benutzt haben, um jungen Berufseinsteigern näherzukommen. Dabei operierte er auch mit gefälschten Social-Media-Profilen.

Rund dreissig Personen berichten von Übergriffen, auch von weiteren RTS-Kadern, und fehlenden Konsequenzen. Damit hat nicht nur RTS ein Problem, sondern auch die SRG – insbesondere Generaldirektor Gilles Marchand. Er ist doppelt gefordert: als Gesamtverantwortlicher sowie als früherer RTS-Direktor bis 2017. Die Vorwürfe reichen weit in seine Amtszeit zurück. In einem Fall von Übergriffs- und Mobbingvorwürfen hat die Gewerkschaft SSM vor Jahren interveniert – erfolglos.

Nicht sehr souverän

RTS weist den Vorwurf, es habe die Fälle zu wenig ernst genommen, entschieden zurück. Das ist nicht sehr souverän. Wären die Verantwortlichen den Vorwürfen, Gerüchten und Beschwerden tatsächlich mit jener Sorgfalt und Entschiedenheit nachgegangen, wie sie es in der Medienmitteilung schreiben, dann gäbe es heute kein solches Zeugnis. RTS rechtfertigt sich auch damit, die Betroffenen hätten keine rechtlichen Schritte eingeleitet und es habe an Beweisen gemangelt.

Doch das ist nicht entscheidend. Was zählt, ist der Wille der Geschäftsleitung, ein von Belästigungen und Übergriffen freies Arbeitsklima zu schaffen. Wenn der Direktor nichts von kursierenden Vorwürfen gegen seine Kaderleute weiss, dann nur deshalb, weil er nichts wissen will. Er könnte deutlich signalisieren, dass er eine solche Störung des Arbeitsfriedens nicht duldet – und die Informationen würden automatisch zu ihm kommen. Nichtwissen ist Teil des Versagens.

Es hilft deshalb wenig, wenn RTS jetzt eine externe Aufarbeitung verspricht und auf die schon seit Jahren existierende interne Anlaufstelle hinweist. Diese war offenbar zahnlos. Die Strukturen sind sekundär, sie dienen mitunter sogar als Feigenblatt für fehlendes Engagement. Gravierende Fälle von Belästigung sind nicht Sache externer Berater oder einer Anlaufstelle, sondern der Geschäftsleitung und des HR. Ein schwieriges Thema, doch es gehört zur Kernkompetenz eines Direktors. Gilles Marchand kann nun nachträglich noch zeigen, dass er sie hat.

12 Kommentare
    Victor Brunner

    Scheinbar wussten viele von den Übergriffen, Betroffene, Journalisten, Vorgesetzte, Gewerkschhaften und erst nach dem Weggang von Rochebin wagen sich die Leute aus der Deckung. Was stimmt da nicht?