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Die Anfänge einer GrossstadtWie Berlin zur Weltstadt wurde

Vor 100 Jahren schlossen sich acht Städte und Dutzende Gemeinden zu «Gross-Berlin» zusammen – zu der Stadt, wie wir sie heute kennen.

Damals noch eine blutjunge Grossstadt: Berlin in den 1920er-Jahren.
Damals noch eine blutjunge Grossstadt: Berlin in den 1920er-Jahren.
Foto: akg-images

Der Ausgang der Abstimmung in der Preussischen Landesversammlung hing an einem seidenen Faden: Ein paar Stimmen weniger, und die gewaltige Fusion wäre gescheitert. Die Linke war geschlossen dafür, die Rechte leidenschaftlich dagegen. Am Ende entschieden einige Liberale.

Am 27. April 1920 verschmolzen die Abgeordneten mit einem Federstrich 94 Gemeinden zu einer. Berlin schloss sich mit den umliegenden Städten Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf zusammen, aus dem weiteren Umland stiessen weitere 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke dazu.

Plötzlich die drittgrösste Stadt der Welt

Berlin wurde offiziell zu einer Welt-Metropole, seine Bevölkerungszahl verdoppelte sich auf 3,8 Millionen, seine Fläche sprang auf das Dreizehnfache. Mit einem Schlag war die deutsche Kapitale hinter London und New York die drittgrösste Stadt der Welt. Nach der Fläche sogar die zweitgrösste, nach Los Angeles. Heute haben allein in China 19 Städte mehr Einwohner.

Berlin war damals eine blutjunge Grossstadt, geboren aus stürmischem Wachstum im preussischen Kaiserreich zwischen 1871 und 1918. Doch Berlin wuchs nicht, es wucherte – anarchisch und weitgehend ungeplant, zerrissen in Gebiete, die sich eher bekämpften als zusammenzuarbeiten. Im Grossraum Berlin gab es allein Dutzende von kommunalen Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerken, die alle miteinander konkurrierten. Die sozialen Gräben waren tief.

Um die Entwicklung Berlins besser zu steuern, gab es seit 1862 Versuche, eine grössere Einheit zu schaffen. Der sogenannte Hobrecht-Plan ermöglichte eine halbwegs konzertierte Planung von Bahnlinien und -ringen, Ausfallstrassen und Siedlungssternen. Gegen mehr Einheit wehrten sich aber nicht nur die betroffenen Gemeinden, sondern auch der preussische König: Berlin sollte auf keinen Fall zu einem Staat im Staate werden.

Die Einheit von Gross-Berlin leitete eine Blütezeit ein, die «Goldenen 20er-Jahre».

So eröffneten erst der verlorene Krieg und die Novemberrevolution 1918, welche die Monarchie wegfegte und zur Weimarer Republik führte, Berlin den grossen Sprung in die Moderne. Die Vereinigung leitete eine Blütezeit ein, die die Bewohner auch 100 Jahre danach noch die «Goldenen 20er-Jahre» nennen. Paris, zum Vergleich, träumt bis heute von der Vereinigung mit seinen Vororten. Greater London existiert als Verwaltungseinheit erst seit 1965.

Bis heute blieb das damals geschaffene Berliner Stadtgebiet und dessen Gliederung in politisch weitgehend autonome Bezirke im Wesentlichen erhalten. Diese Stabilität ist bemerkenswert, schliesslich wurde im 20. Jahrhundert kaum eine Grossstadt so von der Geschichte zerbrochen wie Berlin – insbesondere mit der Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung nach 1989.

Brutale soziale Gegensätze

1920 erwuchsen die Widerstände gegen die Fusion vor allem aus den sozialen Gegensätzen. Der Grossraum Berlin war in Norden und Süden gespalten. Im Südwesten lebten vermögende Bürger in Villen, die Steuerfüsse lagen tief, gewählt wurde konservativ. Der Nordosten dagegen beherbergte die armen Arbeiter und Dienstmägde, der Staat war bedürftig, gewählt wurde sozialistisch, gerne auch revolutionär. Am Ende kam die Einheit nur zustande, weil viele in der politischen Mitte merkten, dass sie für die Weiterentwicklung der Stadt nötig war – gerade auch für den sozialen Ausgleich. Verblüffenderweise teilte später die Mauer die Stadt erneut zwischen Nordost und Südwest, zwischen der sozialistischen DDR und der kapitalistischen BRD.

Selbst wer heute nach Berlin zieht, merkt bald, dass diese Stadt eher eine Ansammlung von Städten als eine Grossstadt ist. Dass man in Zehlendorf anders lebt als in Marzahn, in Charlottenburg anders als in Köpenick. So wirken die alten Verhältnisse nach, auch 100 Jahre nach der Gründung von Gross-Berlin.