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Fernunterricht im ersten LockdownSchulen geben sich gute Noten

Schweizer Schulleiterinnen und -leiter beurteilen Corona-bedingtes Homeschooling klar positiver als ihre deutschen Kollegen – und auch positiver als die eigene Lehrerschaft.

Schule zu Lockdown-Zeiten: Eine Lehrerin der Primarschule Wileroltigen, Kanton Bern filmt ihren Schulinhalt.
Schule zu Lockdown-Zeiten: Eine Lehrerin der Primarschule Wileroltigen, Kanton Bern filmt ihren Schulinhalt.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Kinder, die den Anschluss zu verlieren drohen, weil ihre Eltern keinen Internetanschluss haben. Lehrerinnen, die ihre Arbeitsblätter persönlich zu den Schülern nach Hause bringen müssen. Jugendliche, die beim Lernstoff mehrere Monate im Rückstand sind. Es sind Erfahrungen, wie sie von Lehrerinnen und Lehrern aus den vergangenen zehn Monaten berichtet wurden. Gemäss Untersuchungen erlebten viele vor allem den Fernunterricht während des Lockdown im Frühjahr 2020 als belastend.

Wie sich nun zeigt, beurteilen die Vorgesetzten der Lehrkräfte die Situation offenbar optimistischer. Dies lässt eine neue, länderübergreifende Studie erahnen, für die im Herbst über tausend Schulleiterinnen und Schulleiter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (ohne Lehrkräfte) befragt wurden. S-CLEVER nennt sich das Forschungsprojekt, das laut eigener Beschreibung zum Ziel hat, den Umgang der Schulen «mit den pandemiebezogenen Herausforderungen nachzuzeichnen».

Auffällig ist dabei nicht zuletzt, wie gut gestimmt die Schweizer Befragten im Direktvergleich mit ihren Nachbarn sind, vor allem mit den deutschen. Das veranschaulichen folgende Beispiele:

- 62 Prozent der Schweizer Schulleiter sind uneingeschränkt der Meinung, die «pädagogische Qualität» könne «trotz der aktuellen aussergewöhnlichen Situation» aufrechterhalten werden. In Deutschland äusserten nur 37 Prozent diese Gewissheit.

- In der Schweiz halten es 64 Prozent für zutreffend, dass man ungeachtet der schwierigen Lage «pädagogische Fortschritte» erzielen kann. In Deutschland liegt dieser Anteil bei nur 45 Prozent.

- 58 Prozent der hiesigen Schulleiterinnen und -leiter waren «zufrieden» damit, wie es im Frühjahrs-Lockdown an ihrer Schule lief, 30 Prozent gar «sehr zufrieden». Unter den Deutschen liegen diese Anteile bei 50 respektive 16 Prozent.

Auffällig ist ferner, wie reichlich Schweizer Schulen mit digitalem Equipment ausgestattet sind. So verfügten die meisten Lehranstalten schon vor der Pandemie über Laptops. Und seit dem Lockdown gab es für die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler «dienstliche» E-Mail-Adressen. In Deutschland sind die entsprechenden Quoten deutlich tiefer. In Österreich liegen sie in der Mitte.

Die Schweizer Studienleiterin Katharina Maag Merki, die an der Universität Zürich lehrt, warnt allerdings vor simplen Ländervergleichen: Die Zusammenhänge seien komplex. Richtig ist aus Sicht von Maag Merki: «Je höher der Digitalisierungsgrad einer Schule, desto geringer wurden die Herausforderungen während des Lockdown erlebt.»

Eine wichtige Rolle spielten auch die Behörden: Wo man die Informationspolitik und die Vorgaben als hilfreich empfunden habe, seien die Probleme als geringer empfunden worden. Generell hatten Primarschulen gemäss Maag Merki mehr Schwierigkeiten als Sekundarschulen; auch für Schulen mit vielen Kindern aus bildungsfernen Familien war die Situation besonders herausfordernd. Insgesamt aber sei die Zufriedenheit der Schulleiterinnen und Schulleiter darüber, wie es in ihrer Schule lief, erstaunlich hoch gewesen, sagt Maag Merki.

«Einseitig positives Bild»

In der Lehrerschaft kommt man denn auch zu einem weniger rosigen Fazit: Die Schulleitungen hätten eine «andere Rolle» und vielleicht auch eine «andere Wahrnehmung», sagt Beat A. Schwendimann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. «Sie wollen nach aussen Erfolge kommunizieren und ein positives Bild vermitteln. Es ist ja auch die eigene Arbeit, die sie hier bewerten.»

Viele Schulen seien von der Entwicklung im letzten Frühjahr völlig überrumpelt worden, so Schwendimann. Nur dem aussergewöhnlichen Einsatz der Lehrpersonen sei es zu verdanken, dass «der Notfall-Fernunterricht so rasch umgesetzt werden konnte». Erschwerend hinzugekommen sei, dass der Bundesrat keine einheitlichen Schutzvorschriften für die Schulen erlassen habe. «Alles in allem können wir das einseitig positive Bild der Schulleiter nicht bestätigen.» (Mehr dazu: Drei Lehrkräfte erzählen aus ihrem Alltag)

Das S-CLEVER-Team seinerseits wird im Februar die nächste Befragungsrunde starten. Dann dürfte sichtbar werden, ob sich nicht auch auf der Chefetage die Stimmung inzwischen eingedunkelt hat.

10 Kommentare
    Reinhild Asmuth

    Es fehlt noch die Meinung der Eltern, das stimmt. Ehrlich gesagt, Lehrer wissen fast immer, wer ohne Unterstützung nicht weiter kommt. Wo man helfen kann. ( ich bin eine 76 jährige KLeinklassen Lehrerin).

    Es ist noch Geld genug auf der SNB, mitsamt Not-Fond, den man aufstocken könnte, der auch noch nicht verbraucht ist, um solche Unterstützung zu finanzieren, bzw. den Kantonen solche finanzielle Unterstützung zu zu sprechen, damit ein Notklassen Ersatz aufgebaut würde.

    Das entspricht den früheren Kleinklassen, die inzwischen abgeschafft wurden.

    Mitsamt täglichen Tests wäre eine Klein Gruppen Betreuung zu verantworten. Schliesslich will man nicht jahrelang mit dem Virus leben.

    Man könnte auch Schul- und KLassen- Abschlüsse einfach um ein halbes Jahr verschieben.

    Ob das Schuljahr zu Jahresbeginn statt im Sommer startet, spielt kaum eine Rolle. Der Druck auf Lehrer und Schüler wäre viel erträglicher. Ich frage mich, ob das nicht viel wichtiger ist: Motivation und Lebensfreude der Jugendlichen zu unterstützen, nebst Eigeninitiative, als strikt Pläne ein zu halten. Mit frischem Mut klappt vieles besser.

    All die eher besorgt ehrgeizigen Eltern, könnten ihre Kinder "Home mässig" unterstützen und zusehen, dass die so quasi eine KLasse überspringen, wenn es mit den Abschlüssen eilt!

    Ausserdem könnten Spätfolgen besonders für Kinder gefährlich sein!

    Das Thema Schulen schliessen oder offen halten ist wichtiger als man meint.