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Instagram-Live-VideosWie Djokovic missioniert und polarisiert

Der weltbeste Tenniscrack will im Zwiegespräch mit «Meistern» neue Wege zu körperlicher und geistiger Gesundheit aufzeigen. Urteilen Sie selbst, ob ihm das gelingt.

Novak Djokovic sieht die Realität so, wie er möchte. Im Tennis ist das eine seiner grössten Stärken.
Novak Djokovic sieht die Realität so, wie er möchte. Im Tennis ist das eine seiner grössten Stärken.
Foto: Clive Brunskill/Getty Images

Eines muss man Novak Djokovic lassen: Er schreckt vor Herausforderungen nicht zurück. In die Ära von Roger Federer und Rafael Nadal geplatzt, der vielleicht grössten Tennisspieler überhaupt, schickte er sich an, diese sportlich zu übertreffen. Was inzwischen nicht mehr so unrealistisch erscheint. Und nun hat er sich während der Corona-Zeit nichts Geringeres vorgenommen, als der Menschheit zu Gesundheit, Selbstbeherrschung und Glückseligkeit zu verhelfen.

#TheSelfMasteryProject heisst sein Vorhaben, in dem er im Zwiegespräch per Instagram Live mit «Meistern» anderer Gebiete Denk- und Handlungsweisen weitergibt. Zwischen 500’000 und 800’000 schauen sich seine bis zu 80-minütigen Videos an. Das erste erschien vor zweieinhalb Wochen mit einem durchtrainierten US-Iraner mit Hipsterbart und Sonnenbrille mit gelben Gläsern. Chervin Jafarieh, Ex-Immobilienmakler aus Los Angeles und inzwischen selbst ernannter Gesundheitspapst, predigt mit Nachdruck und vertreibt via seine Firma (Cymbiotika) gleich auch die Nahrungsergänzungsmittel, die der Körper offenbar braucht.

Karikatur: Felix Schaad

Djokovic hängt ihm, seinem «persischen Bruder von einer anderen Mutter», an den Lippen. Angeregt tauschen sie Ansichten zu Ernährung und Lebensführung aus, unterbrochen von Werbebotschaften für Produkte von Cymbiotika. So sagt Djokovic beispielsweise: «Ich trinke jeden Morgen ein Glas Wasser mit Zitrone, Himalaja-Salz und einem Tropfen des Silberwassers von Cymbiotika.» Jafarieh nickt zufrieden. Das Fläschchen mit fünf Millilitern gibt es für 120 Dollar, garantiert frei von Gluten, Soja und China. Das Wunderwasser soll die Immunabwehr stärken, was dieser Tage ja besonders wichtig ist.

Auf Jafarieh folgt als nächster Gesprächspartner auf Instagram Live der Holländer Wim Hof, genannt Iceman, weil er diverse Weltrekorde im Ertragen extremer Kälte hält. Dann Zarko Ilic, ein serbischer Reiki-Lehrer, der Djokovic seit fünf Jahren immer mal wieder auf der Tour begleitet und gemäss serbischen Medien mithalf, dass er und seine Frau Jelena wieder zueinander fanden. Und zuletzt Jay Shetty, ein britischer Motivationsredner, Bestsellerautor und Social-Media-Promi, der drei Jahre als Mönch in einem indischen Kloster verbrachte und seine Lehren mit der Welt teilt.

Novak Djokovic hört seinem «Guru» Chervin Jafarieh andächtig zu.
Novak Djokovic hört seinem «Guru» Chervin Jafarieh andächtig zu.
Screenshot Instagram Novak Djokovic

So engagiert, wie Djokovic seine Matchs zu führen pflegt, so sehr ist er auch hier mit Herz und Seele dabei. Die Gespräche sind für Zuhörer, die ein spirituelles Flair haben und auf der Suche nach neuen Rezepten sind, durchaus spannend. Iceman Hof erzählt, wie er dank eines täglichen Eisbades seinen Geist beruhigen konnte: «Im Eiswasser kannst du dich nicht mit deinen Sorgen oder einem gebrochenen Herzen befassen, denn das Eis verlangt, dass du komplett da bist.» Eine extreme Form, Achtsamkeit zu erzwingen.

Für die Gäste auf dem Kanal von Djokovic sind ihre Auftritte ideale PR. Shetty, der eloquente Londoner, nimmt den Serben und die Zuschauer in eine kurze Meditationssession mit. Wer mehr davon möchte, darf selbstverständlich seine Onlinekurse abonnieren. Erläutern Hof oder Shetty ihre Methode in einer Folge, ist Jafarieh ein Stammgast in diesem Videoprojekt. Die Bewunderung von Djokovic für diesen ist spürbar, und er versucht, diesen mit seinem Wissen und Eifer zu beeindrucken. Was nicht immer gut herauskommt.

Gemeinsames Meditieren: Der Engländer Jay Shetty und Djokovic  im Einklang.
Gemeinsames Meditieren: Der Engländer Jay Shetty und Djokovic im Einklang.
Screenshot Instagram Novak Djokovic

So äusserte der Serbe gegenüber Jafarieh auch die folgende Behauptung, die hohe Wellen schlug: «Ich habe Menschen erlebt, die durch energetische Transformation, durch die Kraft von Gebeten und Dankbarkeit, stark verschmutztes Wasser zu Wasser mit Heilkraft verwandelt haben. Denn Wasser reagiert. Japanische Wissenschaftler haben bewiesen, dass Wassermoleküle auf unsere Emotionen reagieren.» Eine steile These, die durch die Onlineportale der ganzen Welt eilte und Djokovic harsche Kritik eintrug.

Das seien ja gute Neuigkeiten für die Leute aus Flint, Michigan, spottete die Fernsehexpertin Mary Carillo am Tennis Channel. In der US-Stadt erkrankten wegen verunreinigten Wassers nach Sparmassnahmen der Stadtregierung Tausende von Einwohnern, darunter viele Kinder. Dokumentarfilmer Michael Moore thematisierte diese Tragödie in «Fahrenheit 11/9».

Nun gut, immerhin ging Djokovic nicht ganz so weit wie US-Präsident Donald Trump, der öffentlich davon sprach, dass es helfen könnte, sich gegen das Coronavirus Desinfektionsmittel zu spritzen. Der Tenniscrack forderte wenigstens niemanden auf, verunreinigtes Wasser zu trinken. Seine These ist, dass Essen und Trinken auf die Gefühle reagiert, die man ihm entgegenbringt. Und je achtsamer und liebevoller man ihm begegne, desto köstlicher werde es. Ein schöner Gedanke, der aber doch am gesunden Menschenverstand von Djokovic zweifeln lässt.

Djokovic und der holländische «Iceman» Wim Hof, der die reinigende Wirkung von Kälte predigt.
Djokovic und der holländische «Iceman» Wim Hof, der die reinigende Wirkung von Kälte predigt.
Screenshot Instagram Novak Djokovic

Dieser bemühte sich, der Wirkung seiner Worte offenbar nicht bewusst, in der nächsten Live-Session um Schadensbegrenzung. So sagte er: «Wir predigen nicht, wir teilen nur unsere Erfahrungen. Dies ist nur unsere Wahrnehmung der Dinge. Wir erzählen von unserer Reise, von unserer Transformation, was wir durchmachen mussten. Und hoffentlich inspiriert das die Leute auf ihrer Reise. Denn wir alle begegnen ähnlichen mentalen und emotionalen Herausforderungen.»

Prägend war für Djokovic schon immer der Umgang mit dem eigenen Körper. 2010 wurde ihm offenbart, dass er unter Zöliakie leide, unter Glutenunverträglichkeit. Diese hatte ihm in intensiven Matchs immer mal wieder einen Streich gespielt. Er stellte seine Ernährungsgewohnheiten radikal um und publizierte ein Buch mit seinen Tipps («Serve to Win»). Der Erfolg gab ihm recht.

Doch 2017 liess ihn sein Körper erneut im Stich, begann sein rechter Ellbogen zu schmerzen. Er schob eine Operation über ein Jahr hinaus, schluckte täglich Schmerzmittel, weil er einen Eingriff als Niederlage wertete. Im Februar 2018 liess er sich schliesslich in der Rennbahnklinik in Muttenz operieren. Danach sei er drei Tage lang immer wieder in Tränen ausgebrochen, offenbarte er Monate später, weil sein Glaube erschüttert worden war, der Körper heile sich selber.

Unbeeindruckt vom Publikum, das Roger Federer siegen sehen wollte: Novak Djokovic nach dem Wimbledon-Final 2019.
Unbeeindruckt vom Publikum, das Roger Federer siegen sehen wollte: Novak Djokovic nach dem Wimbledon-Final 2019.
Foto: Keystone

Auch die Corona-Krise stellt den 32-Jährigen nun wieder auf die Probe. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er Impfgegner ist. Und seine Livevideos zur Ermächtigung des Selbst sind wohl auch zu verstehen als seine Antwort auf die Ohnmacht dieser Tage. Wie gut es funktionieren kann, sich die Realität so zu modellieren, wie man möchte, bewies Djokovic im Wimbledon-Final 2019: Fast alle unterstützen lautstark Federer, doch er stellte sich jedes Mal vor, das Publikum rufe «Novak» statt «Roger» – und siegte nach zwei abgewehrten Matchbällen.

Verschmutztes Wasser mit positiven Gedanken zu reinigen, wäre dann wohl die nächste Stufe.