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Ferien in der Notstands-ZoneWie ich versuchte, als erster Tourist in Italien ins Meer zu springen

Gleich nach der Grenzöffnung machte sich unser Autor auf die Reise. Es fühlte sich an wie in einer anderen Welt.

Erst das Selfie, dann ins Wasser: Ankunft in Arenzano.
Erst das Selfie, dann ins Wasser: Ankunft in Arenzano.
Foto: Joseph Khakshouri

Es ist 6.30 Uhr morgens, als wir auf die Grenzstation Chiasso-Brogeda zufahren. Noch wenige Augenblicke, dann sind wir in Italien. Falls man uns denn durchlässt. Auf der Autobahn warnten mehrere Informationstafeln: «Ausreise beschränkt». Und gestern noch appellierte der Bund an die Bevölkerung, bitte nicht von der neuen Reisemöglichkeit Gebrauch zu machen: «Die Schweiz hält eine gegenseitige Aufhebung der Beschränkungen für verfrüht.»

Davon lassen wir uns nicht abhalten. Die Südgrenze ist seit Mitternacht offiziell geöffnet, explizit auch für Touristen. Italien hat dies einseitig so beschlossen. Zum Ärger des Bundesrats. Aber was solls. Wir wollen ans Meer. So rasch wie möglich.

«Benvenuti in Italia», heisst es am grossen Bildschirm vor dem Zoll. Wenn das keine Begrüssung ist! Auf der Schweizer Seite kontrolliert niemand die Ausreise. Auf der italienischen stehen fünf Grenzbeamte mit Mundschutz gelangweilt herum. Sie würdigen uns keines Blickes. Ohne zu stoppen, fahren wir durch. Erstaunlich, wie einfach man nach drei Monaten Abriegelung über die Grenze kommt.

Italien, wir kommen! Grenzübertritt in Chiasso-Brogeda.
Italien, wir kommen! Grenzübertritt in Chiasso-Brogeda.
Foto: Joseph Khakshouri

Diese Hürde ist also überwunden. Jetzt gilt es, sich auf das eigentlich Ziel zu konzentrieren: als erste internationale Touristen im Mittelmeer zu baden.

Erstaunlich, wie einfach man nach drei Monaten Abriegelung über die Grenze kommt.

Um vier Uhr in der Früh waren der Fotograf und ich in Zürich losgefahren. Laut Plan sollten wir spätestens um neun in Arenzano eintreffen, dem zur Schweiz nächstgelegenen Badeort an der ligurischen Riviera.

Auf der fast leeren A2 kommen wir schnell voran. Gegen fünf hellt sich der Himmel langsam auf. Über dem Vierwaldstättersee erscheinen mächtig die Silhouetten der Berge. Eine Stunde später spiegeln sich die ersten Sonnenstrahlen im Luganersee. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Was für ein Auftakt in den Tag!

Dass wir an diesem 3. Juni bereits ans Meer fahren können, ist einem politischen Hickhack zu verdanken. Deutschland, Frankreich, Österreich und die Schweiz haben vor drei Wochen gemeinsam entschieden, ihre Grenzen am 15. Juni zu öffnen. Italien fühlte sich übergangen. Aus Trotz ermöglichte das Land die bedingungslose Einreise schon ab dem 3. Juni. Was Österreich wiederum veranlasste, seine Grenzöffnung auf den 4. Juni vorzuverlegen.

Von nun an sind Masken Pflicht.
Von nun an sind Masken Pflicht.
Foto: Joseph Khakshouri

Kein Land möchte im Kampf um Touristen in Rücklage geraten. Das gilt insbesondere für Italien, wo der Bereich 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beisteuert. Hunderttausende von Menschen leben direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr. Das durch die Corona-Krise schwer getroffene Land buhlt verzweifelt um jeden Gast.

Italien will uns – wir kommen! Mit der Badehose im Gepäck und Adriano Celentano im Autoradio. Aber sind wir auch die Ersten? Bei der Einreise in Chiasso sind fast ausschliesslich Autos mit italienischem Nummernschild zu sehen. Und einige wenige Tessiner. Nichts deutet auf mögliche Badetouristen hin.

An der ersten Autobahn-Zahlstelle allerdings entdecken wir ein Fahrzeug mit Velos auf dem Dachträger. Sieht schweizerisch aus. Tatsächlich: Es hat ein Glarner Nummernschild! Da ist also doch Konkurrenz.

Bei einer Pause in einem Autogrill fällt auf: Alle Leute tragen eine Maske. Ohne Ausnahme. Die Verkäuferinnen und Verkäufer sind gleich dreifach geschützt: durch eine Maske, einen transparenten Gesichtsschutz und ein fixes Plexiglas an der Theke. Auch wir haben eine Maske aufgesetzt. Zum Trinken des Espresso ziehen wir sie nach unten. Wirklich genussvoll ist dies nicht.

Dreifach geschützt: Barista im Autogrill.
Dreifach geschützt: Barista im Autogrill.
Foto: Joseph Khakshouri

Das ist sie also, die Welt, vor der man uns vor der Fahrt gewarnt hatte. Eine Welt, in der man nicht mehr sieht, ob man angelächelt wird oder nicht. In der trotz Grenzöffnung und anderer Lockerungen noch immer höchste Vorsicht herrscht. Aber die Menschen dennoch ausgesprochen freundlich sind. Und erfreut, wenn sie hören, dass wir aus der Schweiz kommen. Endlich wieder ausländische Gäste! «Die Deutschen dürfen ja noch immer nicht kommen», sagt ein Arbeiter bei der Tankstelle. Stimmt. Weil die Schweizer sie vor dem 15. Juni nicht durchlassen.

Auf dem Autobahnring um Mailand geraten wir in den morgendlichen Berufsverkehr. Ärgerlich. Unser Ziel müssen wir um eine Stunde nach hinten verschieben: Es dürfte zehn Uhr werden, bis wir das Salzwasser an den Lippen spüren.

Kurz vor Genua stockt der Verkehr erneut. Das Navigationsgerät empfiehlt, über eine kurvenreiche Landstrasse auszuweichen. Gute Idee. Die bewaldeten Hügel Liguriens sind eine Augenweide. Doch je näher wir an die Küste kommen, desto dunkler werden die Wolken. Irgendwann setzt sogar leichter Regen ein. Egal. Die Freude, bald am Meer zu sein, überwiegt.

Dann erreichen wir endlich Arenzano, diesen etwas heruntergekommenen Badeort, wo alte Villen und Paläste auf den Glanz vergangener Zeiten hinweisen. Freie Parkplätze hat es mehr als genug. Nun rasch umziehen und ab an den Strand! Die kostenpflichtigen Abschnitte mit den Sonnenschirmen sind alle geschlossen. «Wir öffnen erst am Samstag», sagt ein älterer Herr, der Liegestühle säubert.

Die Touristen lassen noch auf sich warten: Strand in Arenzano.
Die Touristen lassen noch auf sich warten: Strand in Arenzano.
Foto: Joseph Khakshouri

Also suchen wir eine öffentliche Stelle. Noch immer steht da ein Absperrgitter mit dem Hinweis der Gemeinde, dass der Zugang bis zum 2. Juni verboten ist. Bei Zuwiderhandlung droht eine Busse. Heute gilt das zum Glück nicht mehr. Der Blick auf die Uhr zeigt: 9.30 Uhr. Auf gehts ins Wasser!

Ob wir tatsächlich die ersten ausländischen Touristen im Mittelmeer seit dem Lockdown sind, wissen wir natürlich nicht. Aber es fühlt sich so an. Wie wenn wir das ganze Meer für uns hätten!

Der Geruch, die Wellen, das Salz – so kurz nach einem Verbot ist der Genuss noch viel grösser als sonst. Knapp 20 Grad beträgt die Wassertemperatur. Nach einigen Minuten fühlt es sich wohlig warm an, zumal die Luft eher etwas kühler ist.

Der Genuss ist kurz nach dem Verbot noch grösser: Autor Bandle im Mittelmeer.
Der Genuss ist kurz nach dem Verbot noch grösser: Autor Bandle im Mittelmeer.
Foto: Joseph Khakshouri

Beim Abtrocknen sehen wir einige hundert Meter entfernt andere Leute im Meer. Eine Familie mit Kindern. Später begegnen wir ihr beim Parkplatz. Sie stammt aus der Region. Auch für Einheimische war das Baden im Meer bis heute untersagt. Diese Familie hat wie wir die erste Gelegenheit gepackt, um trotz nassen Wetters ins Meer zu springen. Ein Tag der Freude.

An der Strandpromenade spazieren einige Leute. Alle tragen eine Maske – obschon dies eigentlich nur in geschlossenen Räumen obligatorisch wäre, also in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln. Erstaunlich, diese Disziplin.

Die meisten Hotels sind noch geschlossen. Beim imposanten Grand Hotel an der Strandpromenade werden gerade die Fenster geputzt. «Seit heute haben wir wieder offen», erklärt die maskierte Rezeptionistin hinter dem Plexiglas. «Sie sind unsere ersten Gäste!»

Im Dorf herrscht erstaunlich viel Betrieb. Fast alle Läden und Restaurants haben geöffnet. Die Leute bewegen sich allerdings viel vorsichtiger als bei uns. Trotz der Masken werden die Abstandsregeln strikt eingehalten. Und überall steht Desinfektionsmittel bereit. Auch in den Restaurants herrscht Maskenpflicht. Ausziehen darf man den Gesichtsschutz erst, nachdem man sich hingesetzt hat.

Angespannte Stimmung: Spaziergang im Dorf.
Angespannte Stimmung: Spaziergang im Dorf.
Foto: Joseph Khakshouri

Die über 30000 Corona-Toten Italiens und die schrecklichen Bilder aus den Spitälern stecken den Menschen noch in den Knochen. Erst seit kurzem dürfen sie sich überhaupt wieder draussen frei bewegen.

Für alles gibt es strikte Regeln, selbst am Strand. Die Sonnenschirme müssen drei Meter voneinander entfernt stehen, insgesamt sind mindestens zehn Quadratmeter pro Schirmplatz vorgesehen. Für die Badegäste gilt ein Mindestabstand von anderthalb Metern – sollte der Touristenstrom tatsächlich noch einsetzen diesen Sommer.

Es kommt kaum Ferienstimmung auf, wenn man durch die vielen Massnahmen ständig daran erinnert wird, dass man sich in einem Seuchengebiet befindet.

Gegen Abend bläst ein rauer, aber doch warmer Wind. Das Meer ist unruhig, im Hintergrund erhellen die Lichter Genuas den Nachthimmel. Eine wunderbare Stimmung für ein letztes Glas Wein auf der Hotelterrasse.

Am nächsten Morgen regnet es in Strömen. Den geplanten Sprung ins Meer vor der Heimfahrt lassen wir sein. Im Frühstücksraum stehen die Brötchen und Gipfeli bereits auf den Tischen bereit – ein Buffet ist verboten.

Dann machen wir uns auf den Weg zurück. Anfangs stehen wir wieder eine halbe Stunde im Stau. Dann geht es zügig bis zur Grenze. Ist der Übertritt wieder so einfach? Nachdem Italien die einseitige Grenzöffnung bekannt gegeben hatte, kündigte der Bundesrat mögliche «grenzsanitarische Massnahmen» für Italienreisende an. Theoretisch könnten wir unter Quarantäne gestellt oder für eine Kontrolle zu einem Arzt geschickt werden.

Doch nichts passiert. Die Schweizer Grenzbeamten tragen nicht einmal eine Maske. Einer fragt uns, wo wir waren. «Am Meer, zum Baden.» – «Haben Sie etwas gekauft?» – «Nein.» Und schon können wir weiterfahren. Einkaufstourismus ist zwar verboten, doch die Zöllner machen sich nicht die Mühe, in den Kofferraum zu schauen.

Die Schweiz erweist sich im Vergleich einmal mehr als Insel der Freiheit. Oder doch eher: des Leichtsinns?

In der Raststätte nach dem Gotthardtunnel genehmigen wir uns ein Sandwich. Die Menschen wirken entspannt. Niemand trägt hier einen Gesichtsschutz. Als hätte es so etwas wie Corona nie gegeben.

Ohne lästige Maske herumzulaufen, wirkt befreiend. Man kriegt wieder Luft. Die Schweiz erweist sich einmal mehr als Insel der Freiheit. Oder doch eher: des Leichtsinns? Dafür gibt es angesichts der wenigen Neuansteckungen in den letzten Wochen glücklicherweise keine Anzeichen.

Ob sich für Italien die frühe Grenzöffnung gelohnt hat, erscheint nach dieser Reise zweifelhaft. So unvergleichlich schön es ist, im Meer zu schwimmen, und so ausgeprägt die Gastfreundschaft – es kommt kaum Ferienstimmung auf, wenn man durch die vielen Massnahmen ständig daran erinnert wird, dass man sich in einem Seuchengebiet befindet.

Anstatt ein Gefühl der Sicherheit erzeugen die Restriktionen eher das Gegenteil: Man wird ängstlicher und vorsichtiger. Sodass man bei der Heimreise aus Bella Italia für einmal nicht Bedauern verspürt, sondern so etwas wie Erleichterung .

Tipp:
Auch in der Schweiz gibt es Orte, die mediterrane Gefühle wecken.

62 Kommentare
    B. Fisch

    unnötiger Artikel