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Leser fragenWie kann ich weniger urteilen?

Wir sind kritische Wesen. Und manchmal kritisieren wir genau das.

Vielleicht hat er ja gute Gründe, Socken in Sandalen zu tragen.
Vielleicht hat er ja gute Gründe, Socken in Sandalen zu tragen.
Foto: Getty Images

Wenn immer ich wach bin und die Augen offen habe, kritisiert und beurteilt mein Hirn. Schön, hässlich, zu dick, zu schlank, unpassend, wie kann man auch etc. etc. Die negative Kritik nimmt sicher deutlich mehr Platz ein als eine positive. Eigentlich möchte ich Zeiten haben, in denen ich einfach da sein kann und nicht Urteile bilde. Ist das ein persönliches Problem, eine Verhaltensweise von uns Menschen im Allgemeinen? M.S.

Lieber Herr S.

Das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Ich verstehe gut, dass Ihnen Ihre Urteilsmodus-Default-Einstellung selber auf den Sack geht. Von «uns Menschen im Allgemeinen» halte ich so wenig wie davon, die Urteilerei lediglich zu einem rein persönlichen Problem zu erklären: angesichts der Tatsache, dass man beständig dazu aufgerufen wird, alles und jedes zu bewerten.

Die Episode «Nosedive» der Serie «Black Mirror» handelt davon, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der sich Menschen dauernd mit einer Smartphone-Contact-App Noten verteilen. Spoiler: Es ist kein angenehmes soziales Leben.

Ich kann Ihnen kein Trainingsprogramm anbieten, wie Sie in zehn Tagen garantiert zu einer total buddhistischen Haltung der Welt und den Menschen gegenüber finden können. Selbst wenn ich es könnte, wollte ich es nicht: Man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten; aber etwas mehr Urteilsenthaltung täte vielen Mitmenschen sicherlich gut. Nicht nur die Welt würde dadurch ein bisschen besser, auch man selber würde etwas zufriedener, wenn man sich nicht ständig von unpassend gekleideten über- oder untergewichtigen Idioten umzingelt fühlte.

Sie werden feststellen, dass das Schlimmfinden oft schlimmer als das Schlimme ist.

Zunächst hilft es einmal, den Blick umzukehren, das heisst, sich selber zu fragen, wie man es eigentlich fände, unablässig be- und vor allem abwertenden Blicken ausgesetzt zu sein. Wenn man sich das nur realistisch genug vorstellt, dürfte einem schon einmal etwas vom Urteilsfuror vergehen.

Der zweite Trick besteht darin, einzelne Menschen nicht nur als Exemplare einer verachteten Gattung (z.B. der Socken-in-Sandalen-Träger) zu sehen, sondern sich zu diesen Menschen Geschichten zu erfinden: sich z.B. auszudenken, was einen bewegen kann, Socken in Sandalen zu tragenvielleicht gesundheitliche Probleme wie Druckstellen an den Füssen –, ganz konkret und ganz trivial. Das mindert die Entfremdung, die mit dem Urteilen einhergeht. Dann können Sie sich fragen: Und was ist eigentlich so schlimm an diesem oder jenem? Und Sie werden feststellen, dass das Schlimmfinden oft schlimmer als das Schlimme ist.

Füttern Sie nicht den Troll in Ihnen, der seine Befriedigung aus der traurigen Leidenschaft bezieht, die Menschen um ihn herum unmöglich zu finden. Menschenfreundlichkeit tut gut.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch.