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Gutscheine gegen CoronaWie rette ich meine Lieblingskneipe, meine Buchhandlung?

In Berlin kaufen Kunden Gutscheine, damit es ihr Lieblingscafé oder -kino überhaupt noch gibt, wenn es wieder öffnen darf.

Die Zukunft lässt auf sich warten: Geschlossenes Café am Berliner Gendarmenmarkt.
Die Zukunft lässt auf sich warten: Geschlossenes Café am Berliner Gendarmenmarkt.
Foto: Reuters

Als Manuela Molnos vor fünf Wochen ihre kleine Buchhandlung in einer Seitenstrasse des Kurfürstendamms zusperrte, wusste sie, dass die Krise nicht nur ein paar Tage dauern würde. Als Erstes kämpfte sie sich durch den «Dschungel der Hilfsangebote», mit denen der Staat kleine Unternehmen wie ihres retten wollte. Ihre Mitarbeiterin machte sie zudem auf «Helfen.Berlin» aufmerksam.

Plattform – oder selber machen

Über diese Internetplattform verkaufen mittlerweile 2500 Berliner Läden und Lokale Gutscheine. Kunden leihen ihren «Lieblingsorten» damit faktisch Geld und helfen ihnen, die Zeit bis zur Wiedereröffnung zu überstehen. Die ganzen Umtriebe bis hin zur Auszahlung erledigt Helfen.Berlin. «Super Idee», dachte die Buchhändlerin Molnos. Bis ihr erste Zweifel kamen: «Mit wurde schnell klar, dass ich so etwas nicht in fremde Hände legen wollte.»

Gutscheine verkaufen und um Solidarität werben, kann ich auch selber, sagte sie sich – und erst noch «mit meiner eigenen Handschrift». Sie klebte zwei Plakate an ihre geschlossene Buchhandlung und warb bei den Stammkunden um den Kauf von Gutscheinen. Dann ging es los.

Die Gutscheinwirtschaft

In Berlin, aber auch in vielen anderen Städten Deutschlands, hat sich im Shutdown eine eigentliche Gutscheinwirtschaft entwickelt. Helfen.Berlin ist nur eine unter vielen ähnlichen Plattformen. Gemeinsam ist den digitalen Helfern, dass sie selbst keinen Profit suchen, aber kleinen Kneipen, Restaurants, Cafés, Clubs, Läden, Buchhandlungen, Theatern oder Kinos helfen wollen, die Krise zu überleben.

«Pay now, eat later», das deutschlandweit bereits Gutscheine für Restaurants im Wert von 750'000 Euro vermittelt hat, erklärt das Prinzip in seinem Namen kurz und bündig. Tausende von unterstützungswürdigen «Lieblingsorten» alleine in Berlin findet man auch auf den Plattformen «Kiezretter» oder «Support your local». Der junge SPD-Vize Kevin Kühnert hat vor kurzem eine Initiative zur Rettung der typischen Berliner Eckkneipen ins Leben gerufen, die ebenfalls auf Gutscheine setzt.

Fünf Wochen nach der Schliessung ihrer Buchhandlung zieht Molnos ein erfreuliches Fazit. Mit den Soforthilfen von Bund und Land Berlin in Höhe von zusammen 14’000 Euro konnte sie die weiterlaufenden Kosten für Miete und Löhne weitgehend decken. Dazu hat sie in drei Wochen 50 Gutscheine veräussert, die noch einmal 3000 Euro einbrachten: ein Treuebeweis – aber auch Geld, das sie jetzt flüssig hat, für Bücher, die sie erst in Zukunft verkauft.

«Wichtiger als das Geld ist der Kontakt mit den treuen Kunden.»

Manuela Molnos, Buchhändlerin

Das Geld sei dabei gar nicht das Wichtigste, betont Molnos. «Viel wichtiger war, dass wir mit unseren Kunden persönlich in Kontakt bleiben konnten.» Die Gutscheine hätten einen Austausch ermöglicht, der gerade in der Kontaktsperre sonst schmerzlich fehle. Von «Streicheleinheiten» spricht die Buchhändlerin unumwunden.

Gerade macht sie sich bereit, ihren Laden wieder zu eröffnen – wie Tausende andere kleine Läden in Berlin auch. «Ich freue mich darauf, meine Kunden wieder zu sehen», sagt Molnos. Auf die Schutzmassnahmen, die sie dafür ergreifen muss – nicht mehr als zwei Kunden im Laden, Spuckschutz etc. –, weniger. «Immerhin haben die Berliner in der Zwischenzeit bereits gelernt, wie es läuft.»

Ein Buch als «Überlebensmittel»

Gemischte Gefühle hegt sie auch, weil sie ihre Buchhandlung im Grunde gar nie hätte schliessen müssen: Berlin entpuppte sich überraschend als einzige deutsche Grossstadt, die es Buchhandlungen erlaubte, offen zu bleiben. Molnos sperrte ihren Laden vorsorglich zu – zwei Tage bevor die meisten Geschäfte geschlossen wurden. Sie hält dies auch im Rückblick noch für «richtig und sinnvoll». Auch wenn sie sich manchmal fragt, ob sie ihre Kunden nicht zu lange alleine gelassen habe. Immerhin hat ihr eine Kundin geschrieben, Bücher seien zwar keine Lebensmittel. Dafür «Überlebensmittel».

3 Kommentare
    Werner Wenger

    Und was machen alle Gutscheinbesitzer, wenn die Beiz vielleicht noch aufgeht, aber kurz danach doch noch did Bilanz deponieren muss? Dann ist der Gutschein futsch!