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Blindflug in ungewisse ZukunftFerien nach Corona

Schweiz statt Swaziland, Freude am kleinen Ausflug, mehr Authentizität: Sieben Prominente und Experten sagen, wohin die Reise mit dem Tourismus gehen könnte.

Wenn aus dem Bikini ein Trikini wird …
Wenn aus dem Bikini ein Trikini wird …
Illustration: Stephan Liechti

Max E. Katz, Präsident Schweizer Reise-Verband

Max E. Katz
Max E. Katz
PD

«Die Reisebranche ist krisenerprobt und hat auch schon schwere Zeiten erlebt. Viele Unternehmen haben die Herausforderungen der Digitalisierung gemeistert und sich im veränderten Umfeld erfolgreich behauptet. Das Ausmass der Konsequenzen von Covid-19 ist jedoch nicht vergleichbar mit irgendeiner bisherigen Krise. Es geht für viele Unternehmen ums Überleben. Aber ein Grossteil wird dank Bundeshilfe auch diese Krise bewältigen.
Die Zukunft? Virtuelles Reisen wird auch künftig keine Alternative zu den persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen auf der Welt sein. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich die Art des Reisens verändert und sich vermehrt Richtung Individualität, Natur und Ursprünglichkeit entwickeln wird.»

Röbi Koller, Journalist und Moderator

Röbi Koller
Röbi Koller
PD

«Ich bin viel gereist in meinem Leben. Zeitweilig zu viel. Oftmals beruflich, darum hatte ich immer eine Ausrede, wenn von Mässigung oder Flugscham die Rede war. 2018 zum Beispiel war ich innerhalb von acht Monaten auf den Philippinen, in Hongkong, Kolumbien, Mallorca, Deutschland, Frankreich und Island: für die Hilfsorganisation Comundo, als Reisebegleiter auf einem Expeditionsschiff, auf einer Chorreise und mehrmals für die Sendung <Happy Day>».
Ich habe überall Grossartiges erlebt und trage viele Erinnerungen in meinem Gedächtnis. Aber ich gebe zu, dass durch mein ständiges Unterwegssein das Reisen an Glanz verloren hat. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass mir dieser Reisestopp, den uns die «besonderen Umstände» auferlegen, guttut. Ich bin wieder mehr bei mir, beobachte meine nähere Umgebung aufmerksamer und spüre unbändige Vorfreude auf einen kleinen Ausflug: zum Röschibachplatz, vorbei am Landenbergpark und runter ans Ufer der Limmat.»

Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin Grüne Schweiz

Regula Rytz
Regula Rytz
PD

«Die Corona-Krise ist eine Zäsur in der modernen Reisewelt. Der Massentourismus liegt am Boden; überall wurden Grenzzäune hochgezogen. Viele möchten, auch aus wirtschaftlichen Gründen, rasch in die Vor-Corona-Zeit zurück. Doch es gibt kein Zurück, denn die nächste Krise steht schon vor der Tür. Es ist die Klima- und Umweltkrise. Sie verändert die Welt viel stärker als jedes Virus. Steigender Meeresspiegel, tödliche Hitze, Waldbrände, giftige Müllberge – die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen sind bedroht. Nutzen wir die Zäsur deshalb für einen Umbau des Reisens. Investieren wir in europäische Bahnverbindungen, in Ferienerlebnisse vor der Haustür und in Bildungsangebote für Menschen, die heute von umweltschädlichen Tourismusformen leben. Sie brauchen neue Perspektiven.»

Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement, Universität St. Gallen

Christian Laesser
Christian Laesser
PD

«Wir haben einen Drang zum Erkunden und damit zum Reisen in den Genen und hören damit wohl erst auf, wenn wir nicht mehr sind. Mit unseren Reisen und insbesondere den damit verbundenen Ausgaben treiben wir darüber hinaus eine der grössten ökonomischen Umverteilungsmaschinen an. Destinationen werden freiwillig kaum auf tourismusgetriebenen Wohlstand verzichten. Menschen werden ihre Erkundungen entsprechend ihren Möglichkeiten fortsetzen. Lokaler oder regionaler Arrest ist, wie wir jetzt wissen, kein Wunschzustand. Die vielen Destinationen dieser Welt werden viel Geld ausgeben, die Reisenden zurückzuholen. Der bereits länger dauernde Trend zu mehr gemeinsamer Zeit mit Freunden und Verwandten wird sich darüber hinaus aufgrund unserer digitalen Müdigkeit und zeitweiser Über-Virtualisierung nach Corona beschleunigen.»

Martin Nydegger, Direktor Schweiz Tourismus

Martin Nydegger
Martin Nydegger
PD

«Ich denke, dass sich die Welt nach Covid-19 nur leicht, aber nachhaltig verändern wird. Die gemachten Erfahrungen waren zu gravierend, als dass sich nichts ändern wird. Aber für eine totale Veränderung ist der Mensch zu träge. Ich glaube fest daran, dass sich, gerade im Tourismus, ein Zeitalter der Besinnung einstellen wird. Das Bedürfnis nach Mobilität, Konsum und Freiheit wird zwar hoch bleiben, aber es wird geprägt sein von der Besinnung aufs Lokale. Schweizerinnen und Schweizer werden mehr Ferien im eigenen Land machen, und zwar nicht wegen der viel zitierten Flugscham. Sondern aus Überzeugung und Hingabe zum Heimatland. Wir verlieben uns aufs Neue in die Schweiz.»

Christoph Ammann, Leiter Reisen Redaktion SonntagsZeitung/Tamedia

Christoph Ammann
Christoph Ammann

«Die Pandemie und ihre Vorläufer verhagelten mir den Messebesuch in Berlin, eine Reise nach Asien, Recherchen in Wien und auf Guernsey sowie Ferien in Deutschland. Vielleicht lasse ich das dichtgedrängte Programm einrahmen und hänge es ins Homeoffice. Denn auch nach überstandener Krise werden wir uns vornehmlich an Gedankenspiele und Erinnerungen halten müssen. Erstens wird es elend lange dauern, bis alle Grenzen wieder öffnen, zweitens werden unzählige touristische Player verschwinden, und drittens wird die Angst vor einer Covid-19-Ansteckung unsere Pläne lähmen: Wie, bitte, sollen wir uns am stark frequentierten Strand entspannen oder im Gipfelrestaurant inmitten begeisterter Ausflügler die Aussicht geniessen?
Das sind die kurzfristigen Perspektiven. Längerfristig wird sich das Reisegeschäft gesundgeschrumpft und umweltverträglicher wieder einpendeln. Und vielleicht wirds doch irgendwann was mit Guernsey und Wien.»

André Lüthi, Präsident & CEO Globetrotter Group

André Lüthi
André Lüthi
Franziska Scheidegger

«Nach dem Virus wird wieder gereist – ohne Zweifel. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass wir in alte Muster zurückfallen – Überkapazitäten, Billigtourismus, Instagram-Hektik, Overtourism und Klimasünden. Oder doch nicht? Hat das Virus der Tourismuswelt vielleicht doch aufgezeigt, dass Verzicht oder «reduce to the max» viel Gutes in sich trägt? Wird bei den touristischen Anbietern wie bei den Reisenden dank Corona ein verändertes Bewusstsein aufkommen? Wird zukünftig mit mehr Respekt gegenüber den besuchten Ländern gereist? Wird tiefgründiger statt immer oberflächlicher gereist? Realisieren wir, dass das wahre Reisen und Entdecken ein Geschenk ist – und nicht einfach ein Konsumgut, das auch noch reingezogen werden muss?»

56 Kommentare
    Nicki

    Regula Rytz "Doch es gibt kein Zurück, denn die nächste Krise steht schon vor der Tür. Es ist die Klima- und Umweltkrise. Sie verändert die Welt viel stärker als jedes Virus. Steigender Meeresspiegel, tödliche Hitze, Waldbrände, giftige Müllberge – die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen sind bedroht."

    Total richtig. Die Kinder die nun auf die Welt kommen haben absolut keine Zukunft. Aber man tut wie man es nicht wüsste.