Forschung

«Bei den Kindern ansetzen, die zuschauen»

Gewaltfantasien sind bei Jugendlichen verbreitet. Bei den Männlichen denkt jeder Fünfte öfters daran, jemanden umzubringen. Manuel Eisner forscht in diesem Gebiet und hat letzte Woche in Winterthur einen Vortrag zum Thema gehalten.

Die überwiegende Zahl der Gewalttaten wird von fünf Prozent der Jugendlichen begangen.

Die überwiegende Zahl der Gewalttaten wird von fünf Prozent der Jugendlichen begangen. Bild: Symbolbild: Johanna Bossart

Ganz konkret gefragt: Welcher Anteil der Jugendlichen entwickelt ein Problem mit Gewalt?
Manuel Eisner*: Wir haben vor ein paar Jahren eine einfache Formel aufgestellt, der sagten wir 75-20-5. Etwa 75 Prozent der Jugendlichen sind nicht gewalttätig, sie machen fünf Prozent der Taten aus. Bei 20 Prozent ist Gewalt etwas stärker, aber oft beschränkt sie sich auf das Alter zwischen 12 und 17. Nur fünf Prozent sind es aber, die für die überwiegende Zahl der Gewalttaten verantwortlich ist.

Und die Tendenz bei der Jugendgewalt zeigt stetig nach unten?
Wir hatten einen starken Rückgang in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren bei der Anzahl Tötungsdelikte.

Wird dafür die Gewalt immer brutaler?
Ich kenne die neusten Zahlen für die Schweiz nicht gut, aber diese Vermutung kann nicht stimmen, sonst gäbe es auch wieder mehr Tote durch Gewalt. In England hingegen haben seit zwei Jahren die Messerstechereien zugenommen, in ganz bestimmten Quartieren.

Ist das auf die Einwanderung zurückzuführen? In Schweden gibt es dieses Phänomen.
Nein überhaupt nicht. Oft passieren die Messerstechereien in afro-amerikanischen Gemeinschaften. Diese Menschen leben oft schon in der dritten Generation in England.

Wie erklärt man sich diese Zunahme?
Es gibt eine aus meiner Sicht plausible Erklärung: Seit die Konservativen regieren wird teilweise rigide gespart, unter anderem ist die Polizei davon überdeutlich betroffen. So sind weniger Polizisten auf den Strassen unterwegs. Gleichzeitig hat England die Repression, die Härte der Strafen, verschärft.

Was löst die Gewalt bei Jugendlichen aus? Meistens die Eltern?
Nein, das kann man nicht sagen. Natürlich spielen die Eltern und die Erziehung eine Rolle. Aber dazu kommen viele Faktoren, die Eltern nicht beeinflussen können. Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, wie es auch bei ADHD oder depressiven Störungen der Fall ist. Faktoren, die die Hirnentwicklung beeinflussen, wie Fehlernährung, die psychische Gesundheit der Mutter während der Schwangerschaft, nach der Schwangerschaft haben einen Einfluss darauf, wie gut man eine Beziehung aufbauen kann zum Kind. Dazu kommen Erfahrungen in der Schule mit Gleichaltrigen, anderen Erwachsenen, mit Medien. Eine unserer Studien zeigt, dass es unter Schülern weniger Aggressionen gibt, die ein gutes Verhältnis zu ihren Lehrern haben.

«Der IS war wie  eine Jugendgang. In  England sagte man: The greatest gang in town.»Manuel Eisner

Welche Rolle spielen Medien, wenn Jugendliche gewalttätig werden?
Internetbasiertes Mobbing ist ein neues Phänomen, das grosse Sorgen macht. Gleichzeitig deutet sich in unseren Daten an, dass Kinder und Jugendliche, die über das Internet gemobbt werden, gleichzeitig Face-to-Face gemobbt werden. Internetbasiertes Mobbing passiert fast ausschliesslich zwischen Leuten, die sich kennen. Es geht darum, einen zusätzlichen Kanal zu nutzen. Ich denke deshalb, dass die Prävention von Mobbing breit angelegt sein und sowohl das reale, wie auch das virtuelle Mobbing adressieren sollte.

Welche Strategien gibt es, um dem entgegenzuwirken?
Dieses Feld entwickelt sich ständig. Ein Projekt, das ich spannend finde und das in die Schweiz gebracht werden sollte ist Kiva aus Finnland. Eine wichtige Grundidee davon ist, dass man die Rolle der Zuschauer stärkt. Dahinter steht die Auffassung, dass ein wichtiger Faktor, ob einer, der mobbt, weitermacht, ist, ob die anderen Kinder mitziehen. Man setzt also nicht beim Täter oder Opfer an, sondern bei den Kindern, die zuschauen.

Sind das nicht oft Mitläufer, also keine Jugendlichen, die sich gern exponieren?
Doch aber es ist Teil des Trainingsprogramms, dass man die Kinder schult, zum Beispiel mit Computerspiele, die solche Situationen simulieren. Die Schüler müssen im Spiel entscheiden, wie sie in so einer Mobbingsituation reagieren.

Zu einem anderen Thema: Sie sprachen an der Fachtagung in Winterthur über Gewaltfantasien. Wie sehen die aus bei den heutigen Jugendlichen?
Es ist erstaunlich, wie viele Jugendliche Gewaltfantasien haben. Etwa 20 Prozent der männlichen Jugendlichen haben im letzten Monat daran gedacht, jemanden umzubringen.

Und bei den Frauen?
Dort sind es etwa sechs, sieben Prozent. Noch grösser sind die Unterschiede bei den Vorstellungen sexueller Gewalt. Bei den Mädchen gibt es sie kaum, bei den Buben haben sie 5 bis 10 Prozent.

Wie erklärt man diesen Unterschied?
In Bezug auf sexuelle Gewalt ist es uns noch nicht klar, es gibt aber sicher einen Zusammenhang mit dem Pornografiekonsum. Allgemein Gewaltfantasien sind auf den Charakter von Jugendlichen zurückzuführen. Und es ist biologisch bedingt, dass tendenziell Männer gewalttätiger sind. Das ist in allen Gesellschaften so.

Welchen Inhalt haben die Gewaltfantasien?
In allen Kulturen drehen sie sich darum, Rache zu nehmen. Mobbing ist da ein wichtiger Faktor, oder man wurde von den Eltern oder von den Freunden geschlagen, eine Liebesbeziehung ging auseinander, man wurde betrogen. In der Fantasie will man dem anderen alles Böse antun. Zum Glück setzen die wenigsten diese Fantasien in Taten um.

Korrelieren diese Fantasien mit Filmen oder Computerspielen?
Ja, sie korrelieren ganz stark mit gewalttätigem Medienkonsum. Medien spielen aber in beide Richtungen eine Rolle. Ein Junge mit viel Gewaltfantasien interessiert sich für Ego-Shooter-Games. Gleichzeitig kultiviert er diese Fantasien durch das Spiel.

«Etwa 20 Prozent der männlichen  Jugendlichen haben im letzten Monat daran gedacht, jemanden  umzubringen.»Manuel Eisner

Wie kommt man dem problematischen Medienkonsum bei?
Man hat dort den Jugendschutz in den letzten Jahren massiv verstärkt. Für einen 14-Jährigen ist es heute schwieriger, an Ego-Shooter-Games zu gelangen. Aber es ist eine schwierige Geschichte mit dem Effekt von Medieninhalten. Wir sind uns immer noch nicht einig, ob Medien Gewalt verursachen oder Gewalt einfach Ausdruck verleihen.

Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich bin unsicher, weil, wenn Computerspiele einen so grossen Einfluss hätten, hätte die Gewalt massiv zunehmen müssen in den letzten 20 Jahren. Die Zahlen gehen aber wie gesagt zurück.

Gewalt ist nicht immer physisch, manche Jugendliche richten sie gegen sich selbst.
Ja, ich erschrecke jedes Mal darüber, wie hoch das selbstschädigende Verhalten bei Jugendlichen ist. Wir haben Zahlen zur verbreitung von Selbstmordfantasien im Alter von 17 Jahren: Etwa 23 Prozent der Mädchen und 14 Prozent der Buben. Depressive Störungen, Angststörungen sind eigentlich verbreiteter als aggressives Verhalten. Sie sind einfach weniger sichtbar.

Welche Jugendlichen richten die Gewalt gegen sich selbst, welche gegen aussen?
Das kommt auf die Persönlichkeit an. Die Risikofaktoren überschneiden sich aber teilweise. Auch selbstschädigendes Verhalten wird ausgelöst durch Opfererfahrungen: Trennung der Eltern, Ausschluss von Freunden, Versagen in der Schule können zu aggressivem Verhalten und internalisierenden Störungen führen.

Wie sieht genau eine Gewalttherapie aus?
Eine kleine Anzahl Jugendlicher hat regelmässig intensive Gewaltfantaisen. Ich kann mir vorstellen, dass das diese Jugendlichen belastet. Fantasien passieren uns ja einfach. Ich kann mir vorstellen, Ansätze zu entwickeln, mit einem Patienten daran zu schaffen, diese Fantasien besser zu kontrollieren. Dazu gehört sicher die Kontrolle der eigenen Wut. Es gibt schon Programme, i n denen aggressive Jugendlichen am Ausrasten arbeiten.

Welche Möglichkeiten hat man mit schwer therapierbaren Jugendlichen wie Carlos?
Dafür habe ich keine Lösung, aber in der Schweiz sollte man stolz darauf sein, dass man eine recht tiefe Gewaltbereitschaft erreichen kann, ohne dass man sehr repressiv ist. Das Jugendstrafrecht ist nach wie vor primär auf Therapie und Intervention ausgerichtet, das Erwachsenenstrafrecht ist im internationalen Vergleich nicht scharf. Das ist so, weil in der Mehrzahl der Fälle die therapeutischen Interventionen erfolgreich sind. Die Leute einfach ins Gefängnis setzen, einfach auf Repression setzen, kommt längerfristig teurer. Denn wie gesagt begehen fünf Prozent der Jugendlichen den Grossteil der Gewalttaten, bei ihnen muss man intensiv intervenieren.

Trotzdem. Woran muss man noch arbeiten?
An einer besser wissenschaftlich fundierten Intervention. Wir brauchen Richtlinien mit Massnahmen, die wirklich durch wissenschaftliche Evidenz abgestützt sind, damit man sagen kann, dass die Steuergelder für etwas ausgegeben werden, das was bringt.

Wie erkennt man den Punkt, in dem es sinnvoller ist, einen Jugendlichen von den Eltern zu trennen?
Die Meinung dazu wechselt alle fünf Jahre. Zuletzt wurde man vorsichtiger mit Fremdplatzierungen, weil man damit viel Schaden anrichten kann. Man hat gleichzeitig die Ausbildung von Pflegeeltern und die Qualitätskontrolle verbessert. Wobei die Schweiz da hinterherhinkt.

Ein anderes Phänomen sind radikalisierte Jugendliche, die sich dem IS anschliessen wollen. Gibt es da schon bewährte Methoden?
Nicht wirklich. Aber ich gehe davon aus, dass dieses Phänomen am Verschwinden ist. Der IS war in vielerlei Hinsicht wie eine Jugendgang. In England sagte man: The greatest gang in town. Sie waren die coolsten, die brutalsten, und sie gewannen. Und Jugendliche mit Aggressionspotential wollen sich der coolsten Gang anschliessen – das war der IS. Sich einer Gang anschliessen, die verliert, ist nicht mehr attraktiv.

Erstellt: 13.03.2018, 16:28 Uhr

*Manuel Eisner hat Geschichte und Soziologie studiert, seit 2000 lehrt er an der Universität Cambridge Kriminologie und leitet das Zentrum für Gewaltforschung. Eisner leitet zudem eine Langzeitstudie an der Universität Zürich, in der 1400 Jugendliche seit ihrem Eintritt in die Primarschule 2004 regelmässig zu ihrem Sozialverhalten befragt werden. (Bild: Marc Dahinden)

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