Winterthur

«Du willst nie die Musik deiner Eltern hören»

In einer Sondernummer setzt sich das in Winterthur herausgegebene Hiphop-Magazin «Lyrics» mit Sexismus, Drogen, Gewalt und Antisemitismus im Rap auseinander. Ein Gespräch über «Bitches» und «Schlampen» im Kinderzimmer.

Seit drei Jahren bringen Severin Gamper, Elia Binelli und Emanuel Ernst ihr Hiphop-Magazin «Lyrics» heraus. In der aktuellen Ausgabe dreht sich alles um Sexismus und Gewalt.

Seit drei Jahren bringen Severin Gamper, Elia Binelli und Emanuel Ernst ihr Hiphop-Magazin «Lyrics» heraus. In der aktuellen Ausgabe dreht sich alles um Sexismus und Gewalt. Bild: Marc Dahinden

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Hausbesuch auf der Redaktion des Magazins «Lyrics» in Winterthur. Auf dem Sitzungstisch liegt die aktuelle 15. Ausgabe. «Hat Rap ein Problem?», steht in dicken Buchstaben auf der Titelseite. Darüber spannt sich eine Fotocollage mit einer Rolex, einer Frau mit grossen Brüsten in einem engen Bikini, einem Ferrari und vergoldeten Rapper-Zähnen. Das Cover sieht aus wie irgendeine Vorgängernummer. Nur dass der Sexismus der Szene diesmal selbst zum Thema wird.

Hinter «Lyrics» stehen Chefredaktor Elia Binelli und Cheflayouter Severin Gamper. Zusammen hatten sie 2015 die erste Ausgabe herausgebracht, für Binelli war es die Matur-, für Gamper die Lehrabschlussarbeit. Heute zählt das vierteljährlich erscheinende Magazin 2000 Printabonnenten und beschäftigt allein für den Online-Auftritt 15 Teilzeitmitarbeiter. «Unsere Webseite wird 24/7 bespielt», sagt Binelli.

Er selbst, Gamper, Marketingchef Emanuel Ernst und drei weitere Mitarbeiter können seit etwa zwei Jahren vom Magazin leben. Vor einem Jahr haben die drei Freunde die ESE Media GmbH gegründet. Sie hat ihren Sitz in der Gleisspange neben dem Parkhaus des Kantonsspitals Winterthur. Mit ihrer Firma veranstalten sie auch ein «Lyrics-Festival» sowie Workshops für Schulklassen.

Das Printmagazin sei aber immer noch das «Herzstück», sagt Binelli. Dann kommt das Gespräch auf die aktuelle Nummer.

Wie ist es denn nun, hat Rap ein Problem oder doch nicht?
Elia Binelli: Jeder, der die aktuelle Ausgabe liest, darf sich diese Frage selbst beantworten. Unser Ziel war es, verschiedene Perspektiven zusammenzubringen und damit aus der Hiphop-Bubble auszubrechen.

Emanuel Ernst: Rap ist Kunst, und Kunst muss man nicht erklären. Aber es ist wichtig, dass man über Kunst diskutiert, und das tun wir in diesem Heft.

Der erste Text im Heft heisst «Von den Beatles zu Bushido». Diese Parallele ist gewagt.
Binelli: Überhaupt nicht. Es ist auch heute so, dass eine Generation mit der anderen abschliesst. Du willst nie die Musik deiner Eltern hören. Da kommt es auch nicht darauf an, ob diese Generation tolerant oder intolerant war. Über drei der vier Themen im Heft – Sexismus, Drogen und Gewalt – gab es bei den Beatles genauso Debatten wie heute bei Bushido. John Lennon sagte damals, er habe mehr Einfluss auf die Jugend, als Jesus, das löste einen Shitstorm aus. Im Hiphop haben wir aktuell eine Debatte über Antisemitismus. Eine Kultur wie der Rock’n’Roll konnte ganze Generationen prägen und beeinflussen – in unserer Generation ist diese Kultur der Hiphop.

Die Debatten sind heute andere als bei den Beatles, in den Sechzigern war Sex eine Antithese zur bigotten, verkrusteten Sittengesellschaft. Die heutige Debatte dreht sich um einen pornografischen Blick auf die Frauen.
Ernst: Klar hat sich seit der 60er Jahren einiges verändert. Wenn damals meine Mutter als junges Mädchen die Beatles gehört hat, kam ihr Vater und nahm die Nadel vom Plattenspieler, weil er die Musik und deren Aussagen für unzüchtig hielt. Als ich ein Kind war und im Auto zum Beispiel Bushido laufen liess, wechselte meine Mutter den Sender, weil sie die Texte als zu vulgär empfand. Die Parallele liegt in der Gegenbewegung, die die Musik auslöst.

Ohne einen kritischen Impetus - was war Ihre Motivation, diese Themen aufzugreifen?
Binelli: Die Themen dieser Ausgabe sind das, was uns seit jeher verbindet. Wir könnten tage- und nächtelang darüber diskutieren. Wir fragten uns, was sind die aktuellen Brennpunkte im Hiphop und kamen auf Sexismus, Drogen, Gewalt, Antisemitismus. Wir hatten auch einen externen Mentor, einen Journalisten, der in Havanna lebt. Er hat uns darin bestärkt, eine Ausgabe zu diesem Thema zu machen.

Sind Sie anders vorgegangen bei der Recherche als sonst, um - wie Sie sagten - aus der Bubble auszubrechen?
Severin Gamper: Wir haben einerseits mit Illustratoren gearbeitet. Das war naheliegend, weil es teilweise schwierig ist, diese Themen zu bebildern. Andererseits war die Arbeit an diesem Heft auch für die Journalisten anders, weil sie ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen konnten.

Ernst: Wir haben darum auch intensiver und kritischer über die Texte diskutiert.

Hat Sie bei der Recherche etwas überrascht?
Ernst: Mich hat überrascht, dass sehr viele Leute sehr offen sind gegenüber Hiphop und offen sind, sich damit auseinanderzusetzen. Und Leute aus dem Hiphop sind ebenso offen, sich mit den Brennpunkten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig gab es auch die Leute, die sich bei gewissen Themen schon quer stellten, ohne sich damit befasst zu haben. Es gab beide Pole und ich habe gemerkt, dass ich von niemandem sagen kann, wo er steht, bevor ich mit ihm gesprochen habe.

Mich hat überrascht, wie abgeklärt die 11- bis 13-Jährigen in Ihrem Heft über die expliziten Texte einiger Rapper sprechen.
Ernst: Das hat uns weniger überrascht, weil das unser tägliches Brot ist. Für uns war das Meiste bereits Realität, und das Geile ist nun, dass wir diese Realität mit diesem Heft an die Öffentlichkeit bringen können.

Wird Hiphop in den Medien häufiger kritisiert als andere Genres, und passiert das zurecht oder zu unrecht?
Gamper: Sicherlich ist man Hiphop gegenüber kritischer eingestellt als gegenüber anderen Genres, weil die Texte mehr im Zentrum stehen und man Rapper mehr darüber, als über Stimme und Musikalität wahrnimmt. Dabei haben viele weltberühmte Pop-Songs sehr explizite Texte, die aber seltener und mit weniger Argwohn analysiert werden.

Zum Beispiel?
Gamper: Zum Beispiel Whistle von Flor Rida oder Blurred Lines von Robin Thickle.

Robin Thickle hat mit Blurred Lines international eine Sexismus-Debatte losgetreten. Aber bleiben wir beim Hiphop: In einem Text der oft kritisierten Farid Bang & Kollegah heisst es: «Ich ficke deine schwangere Frau (ah). Danach fick’ ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe.» Würden Sie sagen, solche Reime gehören ins Kinderzimmer?
Binelli: Ich kenne diese «Line» nicht. Aber solche «Lines» können durchaus problematisch sein.

Gibt es einen Rapper, dessen Texte Ihnen zu weit gehen?
Binelli: Ja, zum Beispiel Deso Dogg. Weil er einen Extremismus spreadet, hinter dem ich gar nicht stehen kann.

Ein Teil im Hiphop ist Pose. Aber wie viel, und wie soll man das unterscheiden?
Binelli: Das ist das Schöne im Hiphop, dass er so facettenreich ist. Die Künstler sind so unterschiedlich in ihrer Herangehensweise und ihrem Charakter. Zum Beispiel Sido: Obwohl er den Mainstream bedient, ist er einer der authentischsten Rapper Deutschlands. Er hat einfach gecheckt: «Ich muss mich selbst sein und so liebt man mich». Er ist aufgewachsen als Strassenrapper, kommt aus dem Ghetto und ist gleichzeitig ein Promi. Er hat beide Charakterzüge und lebt sie aus: Wenn er keinen Bock hat auf ein Interview, raucht er dabei auch mal einen Joint. Wenn er mehr Geld braucht, schreibt er einen Radiohit.

Es kommt auch vor, dass Kunstfigur und Privatperson verschmelzen.
Binelli: Ja, es gibt Fälle, da wird der Künstler privat immer mehr zu seiner Kunstfigur. Das konnte man bei Kollegah sehen, der im letzten März die Antisemitismusdebatte ausgelöst hat. Er hat einst im Kinderzimmer mit einem billigen Mikrofon zu rappen angefangen, aus der Sicht eines Zuhälters, der ganz viele Bitches hat und viel Kokain schmuggelt. Zehn Jahre später sagte er sich: Ich lebe jetzt das, was ich damals gerappt habe.

Die Schweiz hatte ihre eigene, harmlosere Debatte. Was halten Sie von den Sexismus-Vorwürfen gegen den Song 079 von Lo und Leduc?
Ernst: Ich bin da einig mit Lo und Leduc, dass man darüber diskutieren sollte, wenn gewisse Leute den Song als sexistisch empfinden.

Ihr Fazit scheint immer dasselbe zu sein: Alles geht in Ordnung, solange man es diskutiert?
Ernst: Musik ist Kunst, und Kunst soll frei sein. Von meinem subjektiven Standpunkt aus finde ich, dass nicht alles gut ist, wie es ist, auch nicht im Hiphop. Aber deshalb möchte ich darüber reden und mich mit dem, was mich stört, auseinandersetzen, anstatt den Anspruch zu erheben, etwas zu verbieten oder zu zensieren.

Erstellt: 16.12.2018, 17:31 Uhr

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