Winterthur

Falken verdrängen Flagge

An der reformierten Kirche Wülflingen hingen zum 1. August keine Fahnen. Das ärgerte Anwohner. Doch vier Falkenjungen rettete dieser Entscheid das Leben.

Warten, bis die Eltern Fressen vorbeibringen: Die drei jungen Falken auf dem Kirchenturm Wülflingen.

Warten, bis die Eltern Fressen vorbeibringen: Die drei jungen Falken auf dem Kirchenturm Wülflingen. Bild: zVg/Stephan Denzler

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Eine fehlende Flagge an der Kirche Wülflingen zum 1. August sorgte im Dorf für Gesprächsstoff. In einem Leserbrief, der am letzten Samstag im «Landboten» erschien, schreibt ein Bewohner, es scheine in der reformierten Kirche Mode geworden zu sein, sich staaatsfeindlich zu zeigen (Leserbrief online nicht verfügbar). Bestätigt sieht er sich in seiner These auch durch das Editorial im Kirchenblatt, das der Wülflinger Pfarrer Stephan Denzler verfasst hat. Dort wirft Denzler die Frage auf, ob Kirchen den 1. August feiern sollen. «Eine heikle Sache», findet er, mit Blick auf die Geschichte.

Der wahre Grund, weshalb Kantons- und Stadtflagge dieses Jahr nicht am Kirchenturm wehten, ist aber nicht auf politischer Ebene zu suchen: «Seit vier Jahren nisten im Kirchturm wieder Falken», sagt Pfarrer Denzler. «Diese werden bei der Aufzucht ihrer Jungen gestört, wenn wir den Kirchturm beflaggen.» Denn die Halterung für die Fahnen sei just oberhalb der Luke, wo die Vögel ein- und ausfliegen. «Vor einigen Jahren ist eine Brut fast verhungert, weil die Eltern in der wehenden Flagge eine Bedrohung sahen.» Dieses Jahr sind es vier Jungtiere, die auf dem Sims der Dachluke in etwa 35 Metern Höhe auf ihr Futter warten.

Dohlen sind weniger empfindlich

Man habe von der Kirchenpflege zwar den Auftrag, zu bestimmten Feiertagen jeweils die rot-weisse Winterthurer und die blau-weisse Zürcher Flagge aufzuhängen. Doch wenn der Falken-Nistkasten besetzt ist, werde diese Regel ausgesetzt, sagt der 58-Jährige. Damit sich die Greifvögel wohl fühlen, wurde vor drei Jahren sogar ein spezieller Nistkasten aufgestellt. Denn die Jungtiere konnten damals zu Beginn der Flüggezeit nicht richtig fliegen, weil die Eltern in einem zu kleinen Kasten gebrütet hatten.

Vögel im Kirchturm gibt es auch in Andelfingen; hier gehören die Dohlen, die den Turm der reformierten Kirche umkreisen, gewissermassen zum Ortsbild. Probleme mit der 1.-August-Beflaggung gebe es deswegen nicht, versichert Ursula Hagenbucher, Mitglied der Kirchenpflege und Aushilfssigristin. Anders als in Wülflingen werde die Schweizer Fahne nicht am Turm, sondern auf dem Kirchendach gehisst, und das in einiger Entfernung. Zudem hänge die Fahne nur kurzzeitig, meist weniger lang als eine Woche, und die Dohlen seien insgesamt eher wenig empfindlich. Zu reden gibt die Sache dennoch: Als die Fahne einmal länger gehisst blieb, wollten Dorfbewohner beobachtet haben, dass die Vögel vermehrt über Kleinandelfingen flogen – «sie fliegen aber sowieso manchmal bis über die Thur».

Politische Flaggen andernorts verboten

Denzler hat den Leserbriefschreiber, den er persönlich kennt, angerufen und ihm die Umstände erklärt. «Dafür zeigte er Verständnis.» Daran, dass man den 1. August nicht in der Kirche sondern besser an einem Gemeindeanlass feiern soll, hält Denzler fest. «Vor allem die europäische Geschichte hat uns gezeigt, dass Religion und Nationalismus eine schwierige Verquickung ist.» Und er ergänzt: «Wir sind nicht staatskritisch, aber es braucht eine heilsame Distanz von Staat und Kirche, damit eine kritische Reflexion stattfinden kann.» Im Kanton Basel-Stadt sei die politische Beflaggung von Kirchen im Übrigen verboten.

Erstellt: 08.08.2016, 16:37 Uhr

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