Bern/Winterthur/Brütten

Küsschen, Lob und eine Welle vom Volk und von Vereinen

Nun ist sein grosser Tag gekommen: Das Volk feiert seinen «Tschüge» herzlich. Eine Extrafahrt von Bern nach Winterthur, ein Umzug ins Stadthaus und weiter in die Wohngemeinde.

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Küsschen hier, Küsschen da. «Danke sehr, danke herzlich, merci, mon ami.» Der Zug rollt, die Fahrt ins Amtsjahr des höchsten Schweizers hat begonnen. Jürg Stahls Extrafahrt startet in Bern, da, wo viele Arbeitstage seit siebzehn Jahren enden. Da, wo er politisch zu Hause ist. Heute fahren seine Kollegen mit, es ist seine grosse Fahrt, sein grosser Tag.

Eine Zugfahrt, die ist lustig

«Sehr zum Wohl und guten Appetit.» Einmal durch alle Wagen, hindurch durch alle Parteien der Bundesversammlung und des Kantons, durch Vertreter der Stadt Winterthur und der Gemeinde Brütten. Bis ganz nach vorne, da warten im Salonwagen die Ehrengäste an der langen, weiss gedeckten Tafel, an Stahls Seite Bundesrätin Doris Leuthard: «1999 wurden wir gemeinsam in den Nationalrat gewählt, 2006 haben wir uns am Tag vor meiner Wahl zusammen ein WM-Spiel in München angeschaut. Sie haben uns für verrückt erklärt, die Nacht der langen Messer, und ihr wollt Fussball.» Alte Sportler seien sie eben, Turner, auch sonst nicht unähnlich: «Wir haben Disziplin und Teamarbeit gelernt. Jürg Stahl, das wird keine One-Man-Show. Er ist die ideale Besetzung.» Stahl und Sport, das gehört seit letzter Woche noch enger zusammen, am Freitag ist er zum Präsidenten von Swiss Olympic gewählt worden. «Natürlich wirds viel», sagt er, der in der Geschäftsleitung des Krankenversicherers Groupe Mutuel sitzt. Er werde sein Pensum um mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit reduzieren müssen, anders seien die Ämter nicht zu bewältigen.

«In meinen Anfängen als Politiker hätte ich mich wohl für den Sport entschieden, wenn nicht beides gegangen wäre», zum Glück sei da Adolf Ogi gewesen, «eine Schlüsselfigur, die mir gezeigt hat, dass sich Politik und Sport vertragen». Stahl hat sein Durchhaltevermögen als langjähriger Nationalrat bewiesen und beweist es an seiner Wahlfeier: keine Anzeichen der Erschöpfung im Bad der Aufmerksamkeit.

Ein kaltes Plättli und Weine aus der Zürcher Staatskellerei, Gelächter und Geplauder und ein sichtlich gerührter Gastgeber: «So bewegt wie die Herzlichkeit meiner Begleiter an diesem grossen Tag hat mich kaum etwas im Leben.» Er denkt zurück an den Moment, als sein Töchterchen vor einem Jahr zur Welt gekommen ist «man kanns ja nicht vergleichen und doch ...» – schon hält der Zug in Winterthur, da warten sie, seine Frau Sabine mit der kleinen Valérie, die sich unbeeindruckt von der Menschenmenge am Bahnhof zeigt.

Eine Welle für «Tschüge»

Sie lacht und winkt zusammen mit dem ganzen Gefolge, das nun hinter dem Musikverband Winterthur zum Stadthaus marschiert. «Eine Welle für Tschüge», hört man und «jesses, er hat es ganz nach oben geschafft, sein Vater hätte Freude».

Flankiert von seiner Weibelin strahlt Stahl in die Kameras von vielen Fotografen und noch mehr Mobiltelefonen, küsst seine Sabine und tut es wieder, als sich die Prominenz des Landes aus Sport, Gesellschaft und Politik zur Nationalhymne erhebt.

«Dank ihm sind wir für einen Tag die heimliche Hauptstadt», sagt Stadtpräsident Michael Künzle und findet schmeichelhafte Worte für den «Sohn der Stadt, auf den wir stolz sind».

Der Gefeierte selbst spricht vom «zarten Konstrukt Demokratie» und davon, dass er es gut machen wolle für «unser Land, unsere Freiheit.» Er dankt rundum und hebt die ehrenamtliche Hilfe seiner Vereinsfreunde hervor, die ihm heute alle so viel Freude bereitet hätten.

1300 geladene Gäste

Draussen warten sie alle, die Helfer, und weisen die Gäste in ein Dutzend Extrabusse, die mit Fahnen geschmückt und mit «Jürg Stahl» beschriftet sind. Die Gäste, eingeladen waren 1300, fahren nach Brütten, in die Wohngemeinde des Gefeierten.

Dort warten Nachbarn und Freunde, die Gemeinde präsentiert sich im schönsten Abendlicht. Links und rechts Fähnchen auch hier: Die Schulkinder haben sie gezeichnet und stehen Spalier. «Das sind mehr als tausend», sagt ein Mädchen, «kenne keinen und du?», fragt ein anderes. «Da, da, ruhig jetzt», sagt ein Nächster. «Das ist der Grund, warum wir alle unser Bestes geben müssen», wird Stahl später in seiner Ansprache im Chapf sagen, «unsere Kinder».

Oben angekommen auf dem Hochplateau wird Stahl von seinen Militärkollegen geehrt: Fünfzehn Fallschirmspringer gleiten durch den Sonnenuntergang. «Tschüügeeeee!» hört man durch die Klänge von Alphornbläsern hindurch, der erste ist gelandet und umarmt den ehemaligen Fallschirmaufklärer. Stahl sagt, das werde ja alles immer besser.

Hier und da isst einer den letzten Bissen seiner Cervelat, klopft Stahl auf die Schulter oder reibt sich die Hände: Es ist eisig kalt geworden. Stahl folgt der Menschenmenge in Richtung Gemeindesaal, es warten weitere Ansprachen und Huldigungen. Gemeindepräsident Rudolf Bosshart sagt, Stahls Werte würden Brütten optimal repräsentieren, «ein Glücksfall». Wenn es nach dem Amtsjahr als höchster Schweizer noch einen Schritt weiter gehen soll, dann könne er ja als Gemeindepräsident kandidieren. Mario Fehr, Regierungspräsident des Kantons Zürich, doppelt nach: «Oder aber als Regierungsrat.»

Erstellt: 01.12.2016, 08:59 Uhr

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