Winterthur

Musik und Museen, Klassisches zuerst

Michael Künzle hat gestern ein klassisches Kulturleitbild präsentiert: Fördern will er primär das Stadtorchester und die Kunstmuseen. Und wo bleibt die Rockmusik?, fragen sich Bands, deren Proberäume aufschlagen.

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86-mal steht das Wort «Förderung» im neuen Kulturleitbild, 21-mal ist von der «Kulturstadt Winterthur» die Rede. Das Wort «Rock» erscheint nur einmal im Papier – dort, wo vom Barockhäuschen berichtet wird. Und noch ein paar Zahlen mehr: 15- mal erscheint der Begriff «Musikkollegium», je zweimal kommen Kraftfeld und Salzhaus vor. Und die Künstlergruppe Winterthur wird im Gegensatz zu vielen anderen Gruppierungen des Kultur­lebens gar nicht erwähnt.

So viel Zahlenspielerei muss sein, bevor es etwas papieren wird. Denn ein Kulturleitbild ist weder der Ort für präzise Zahlen noch für kreative Spielerei. Das neue Leitbild ist «ein Kompass, keine Landkarte», wie Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) sagte.

Leitbild legt Prioritäten fest

Auf 32 Seiten werden darin acht «Leitgedanken» formuliert und ebenso viele «Handlungsfelder»; flankiert werden diese von «langfristigen Perspektiven» und den «wichtigsten Massnahmen».Das braucht niemanden zu wundern oder zu stören, das liegt in der Natur von Leitbildern: Kluge Einschätzungen sind da zu lesen neben banalen Sätzen, aber eine Newssendung ist ein Leitbild nie.

Gibts mehr Geld für die Musikfestwochen? Wird die Villa Flora überleben? Bekommen die Kulturfilmtage einen besser dotierten Subventionsvertrag? Solche Fragen beantwortet das Leitbild nicht. Es legt Prioritäten fest.

Das Orchester soll so bleiben

Diese kulturpolitischen Schwerpunkte liegen mehrheitlich dort, wo sie seit langem sind. Der Stadtrat hat (schon am 17. Dezember 2014) beschlossen, «den Fokus auf die beiden Bereiche Museen und Musik zu legen aufgrund der Tradition und des Renommees».

Konkret heisst das: Das Orchester Musikkollegium darf mit einer «Subventionierung im bisherigen Rahmen» rechnen, und die (nicht näher bezeichneten) Musikfestivals sollen unterstützt werden «bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen». Bei den Museen ist in erster Linie von den Kunstmuseen die Rede, zudem explizit von einer Neuausrichtung des Historischen Museums, das heute im Lindengut darbt. Das Fotomuseum ist hingegen im Abschnitt der Schwerpunktförderung nicht speziell erwähnt.

Input von aussen floss ein

Stadtpräsident Künzle betonte mehrfach, wie wichtig ihm und dem Stadtrat das «Bekenntnis zur Kulturstadt Winterthur» sei – trotz des aktuellen Spardrucks. Laut seiner Kulturchefin Nicole Kurmann (siehe Interview unten) stehen derzeit rund 12 Prozent weniger Gelder für die Kultur zur Verfügung als vor der Sparrunde.

Kurmann wies zudem dar­auf hin, wie sehr der partizipative Prozess von Kulturschaffenden und Politikern zum neuen Leitbild beigetragen habe: «Die acht Leitgedanken, die dort formuliert wurden, stehen jetzt eins zu eins im Kulturleitbild.» Zwei Wünsche aus dieser Diskussionsrunde sind diese: Winterthur soll eine rechtliche Grundlage schaffen für die Kulturförderung – so wie das der Bund und die Kantone kennen. Zudem wurde der dringende Wunsch nach Freiräumen laut, günstige Räume, wo noch nichts organisiert ist, Nischen und Brachen, wo Neues entstehen kann.

«Wir konnten nicht allen Ansprüchen gerecht werden»

Gerade in diesem Punkt droht nun aber ein erster Widerspruch zwischen Leitbild und politischem Tagesgeschäft. Die bis anhin vergünstigten Musikübungsräume will die Stadt jetzt massiv verteuern, was viele Bands nicht hinnehmen wollen. Im Leitbild heisst der entsprechende Passus, den sie in ihr Protestschreiben gleich integrieren können: «Die Stadt schafft Rahmenbedingungen, welche Freiräume für innovatives Kulturschaffen ermöglichen. Die Stadt bietet und vermittelt günstige Produktionsräume.»

Das neue Kulturleitbild ersetzt das alte aus dem Jahr 2003 und soll nun rund zehn Jahre lang Gültigkeit haben. Stadtpräsident Künzle sagte zusammenfassend: «Wir konnten nicht allen Ansprüchen gerecht werden, die in den Diskussionen von Kulturschaffenden vorgebracht wurden, aber wir konnten viele Anliegen aufnehmen.»

Erstellt: 06.04.2015, 10:20 Uhr

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Wie es nun weitergeht

Das Kulturleitbild ist quasi das erste Papier, worauf nun weitere Arbeiten aufbauen werden. Schon im April will Stadtpräsident Künzle das Museumskonzept präsentieren; dann wird man unter anderem über die Zukunft der Villa Flora Klarheit haben.

Noch vor den Sommerferien hofft Künzle, die Kongresshaus-Studie präsentieren zu können. Sie dient als Entscheidungshilfe, ob das Theatergebäude renoviert oder abgebrochen und durch ein privates Kongresszentrum mit Theatersaal ersetzt wird. Für das heutige Theater hatten sich mehr als 6000 Personen engagiert.

Dieses Jahr beginnt die Neubeurteilung und Neuverhandlung der Subventionsverträge für Kulturinstitutionen, die ab 2017 gelten. Aus dem Leitbild lässt sich nicht ableiten, wer wie viel erhält und wer allenfalls leer ausgeht.

Für das Münzkabinett sucht der Stadtrat noch immer eine neue Trägerschaft, und er wird die Richtlinien für Kunst am Bau neu ausarbeiten.

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