Winterthur

Sie schrien: «Allahu Akbar, wir haben ihn!»

Neun Männer aus der An’Nur­-Moschee kommen wegen Freiheitsberaubung vor ­Gericht. Die Staatsanwaltschaft schildert, wie es zum ­Gewaltausbruch kam.

Die mittlerweile geschlossene An'Nur Moschee war in Winterthur jahrelang in den Schlagzeilen.

Die mittlerweile geschlossene An'Nur Moschee war in Winterthur jahrelang in den Schlagzeilen. Bild: Heinz Diener

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Die Halle steht in einer Industriezone am Winterthurer Stadtrand. Am Boden kauert ein Mann, benommen von Schlägen und umringt von seinen Peinigern. Einer packt ihn am Kiefer und stopft ihm eine Geldnote in den Mund. Ein anderer sagt: «Wie willst du sterben: Sollen wir deinen Schädel zerstören oder sollen wir dich köpfen?»

Die seit Dienstag zugänglichen Anklageschriften zeigen, was sich an jenem folgenreichen Novemberabend im Jahr 2016 in der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee mutmasslich zutrug.

Der Auslöser

Grund für die Eskalation ist ein Ereignis drei Wochen davor: Am 3. November 2016 veröffentlicht der Journalist Kurt Pelda (heute für die Redaktion Tamedia tätig), in der «Weltwoche» den Artikel «Aufruf zum Mord». Pelda hat eine Aufnahme, die zeigt, wie ein Prediger in der An’Nur-Moschee eine Hasspredigt hält. Es folgen Razzien, Festnahmen und die Verurteilung des Predigers.

Währenddessen treibt das enge Moscheeumfeld die Frage um, wie Pelda an die Aufnahme gelangt ist. Eine Gruppe junger Männer glaubt schliesslich, zwei Spitzel ausgemacht zu haben.

Die Festnahme

Gemäss Anklageschrift zwingen sie in der Moschee ihr erstes Opfer, sein Mobiltelefon mit Sperrcode herauszurücken. Sie wollen belastendes Material finden. Weil sich der Mann weigert, erhält er einen ersten Faustschlag, gefolgt von mehreren Ohrfeigen, dann noch einen Schlag.

Das zweite Opfer setzt auf der Toilette einen Hilferuf per SMS an die Nummer eines Kantonspolizisten ab, bevor es ebenfalls geschnappt wird. Die beiden sehen sich nun einer Gruppe von neun jungen Männern gegenüber, sie sind zwischen 17 und 24 Jahre alt und wütend. Die Tür wird verriegelt. Für die Opfer beginnt ein anderhalbstündiges Leiden.

Die Sache mit der Geldnote

Die Männer umstellen die beiden Opfer und – immer gemäss Anklage – wollen sie für den Verrat zur Rechenschaft ziehen. Es wird zugeschlagen, bespuckt und beschimpft (später wird bei einem Opfer eine Hirnerschütterung diagnostiziert). Dann die Episode mit der Geldnote: Vom Opfer wird verlangt, sie zu schlucken – es habe seine Religion für Geld verkauft, und das hier sei Geld. Am Ende schluckt der Mann.

Als ein Opfer den Code für sein Telefon herausrückt, finden die Männer darauf einen verdächtigen Chat. Dem «Spion» wird gesagt: «Du solltest nicht hier in der Moschee sterben, dein Blut ist zu dreckig für die Moschee. Wir bringen dich irgendwo anders hin, wo du dann stirbst.»

Ein Imam stösst hinzu

Bevor es so weit kommt, ruft einer aus der Gruppe seinen Vater an. Dieser ist in der Moschee eine Respektsperson, der Öffentlichkeit wurde er bekannt unter dem Predigernamen Abu Mohammed. Er war der Imam der An’Nur-Moschee, als diese wegen Verbindungen zu Jihad-Reisenden in Verruf geriet.

Abu Mohammed holt die Opfer im Gebetsraum ab und führt sie ins moscheeeigene Büro, wo der ebenfalls herbeigerufene Vereinspräsident bereits wartet. Auch die Bürotür wird verriegelt. Um die Opfer vor dem Mob zu schützen? Oder um sie an der Flucht zu hindern?

Zwei «Geständnisse»

Von draussen schreien die Jungen gemäss Anklageschrift: «Wir haben ihn gefunden!». Und: «Allahu Akbar!» Lauthals fordern sie, die Polizei nicht zu rufen.

Der Präsident will von den Gefangenen ein Geständnis, sonst werde er sie «aus dem Büro jagen» – zum wütenden Mob. In der Folge wiederholen die Opfer, was Präsident und Imam ihnen vorsagen, einmal auf Deutsch, einmal auf Arabisch. Diese «Geständnisse» werden mit einem Telefon aufgezeichnet. Um 21.15 Uhr trifft die Kantonspolizei mit einem Grossaufgebot ein.

Der Prozess und 300 Seiten

Die Vorwürfe gegen die jungen Männer und die beiden Moschee-Leitfiguren werden ab 1. Oktober am Bezirksgericht Winterthur behandelt. Der Prozess ist auf vier bis fünf Tage angesetzt, im Anschluss befasst sich das Jugendgericht mit dem einzigen zum Tatzeitpunkt minderjährigen Beschuldigten.

Die neun Anklageschriften erstrecken sich auf über 300 Seiten und sind von drei verschiedenen Staatsanwältinnen verfasst worden. Sie fordern Freiheitsstrafen in Höhe von 30 bis 36 Monaten für Freiheitsberaubung, Nötigung und mehr. Vier der Männer könnten bei einer Verurteilung des Landes verwiesen werden, darunter Abu Mohammed und der Präsident. Die restlichen Beschuldigten haben die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Die Widerrede

Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe weitgehend. Laut einer gut informierten Quelle sagten sie in Einvernahmen teils widersprüchlich aus. Aus ihrer Sicht sind die «Spione» die Täter.

Mit den Sicherheitsvorkehrungen, der hohen Zahl an Involvierten und ihren Vertretern sowie dem grossen Medieninteresse stellt der Prozess für den Gerichts­betrieb eine Herausforderung dar. Der Hauptsaal wird den Prozessparteien vorbehalten sein, weshalb die Verhandlung in zwei weitere Räume übertragen wird. Allerdings weist das Gericht darauf hin, dass der Platz für weitere Zuschauer nebst den Medienvertretern begrenzt ist. (Landbote)

Erstellt: 04.09.2018, 10:58 Uhr

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