Winterthur

Taxifahrer warnen vor Betrüger

Mit der immer gleichen Mitleidsgeschichte bringt ein etwa 40-Jähriger gutgläubige Winterthurer um Schlaf und Geld. Jetzt haben die Taxifahrer genug und warnen vor dem Schwindler.

Das Taxi als Betrugsinstrument: Ein Mann bittet Personen mit einer Mitleidsgeschichte um Geld für eine Fahrt.

Das Taxi als Betrugsinstrument: Ein Mann bittet Personen mit einer Mitleidsgeschichte um Geld für eine Fahrt. Bild: Marc Dahinden

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Seit etwa drei Wochen hält ein Trickbetrüger die Winterthurer Taxifahrer auf Trab. Die Masche ist immer die gleiche. Der Mann klingelt nachts an fremden Haustüren (besonders in Seen) und erzählt, er habe sich zuhause ausgeschlossen. Da sein Kind in der Wohnung sei, müsse er dringend zu seiner Frau, die im Spital in Frauenfeld (oder St. Gallen) arbeitet, um den Schlüssel zu holen.

Mit dem Handy der Opfer bestellt er ein Taxi und einigt sich mit dem Taxifahrer auf einen Fahrpreis in Höhe von 100 bis 300 Franken. Das Geld dafür leiht er sich vom gutgläubigen Opfer und verspricht, es sofort zurückzubringen. Das passiert dann aber nie. Kaum im Taxi, taucht der Schlüssel wieder auf und der Gast steigt im Zentrum oder in Wülflingen aus. Er bezahlt die kurze Fahrt und behält das restliche Geld.

«Ich wollte das Geld zurückbringen – da wurde er aggressiv»

«Die Opfer rufen nach etwa zwei Stunden in unserer Zentrale an und fragen nach», sagt Nicolas Egli, Nachtschicht-Leiter bei Heidi Taxi. «Unsere Fahrer können dann nur berichten, dass der Gast nie nach Frauenfeld gefahren ist.» Name und Adresse, die er dem Opfer hinterlassen hatte, sind falsch. Nachdem zwei- oder dreimal solche Meldungen eingegangen waren, sei ihm klargeworden, dass dahinter ein System steckt, sagt Egli.

«Ich habe den Mann auch schon im Taxi gehabt», sagt Egli. «Am Montag nach 23 Uhr erlebte ich einen solchen Fall selbst mit. Ich wurde stutzig, als er schon nach kurzer Fahrt aussteigen wollte. Ich verlangte, mit dem Geldgeber zu telefonieren, damit ich ihm persönlich das Geld zurückbringen konnte. Da wurde der Mann aggressiv und versuchte, mir das Handy zu entreissen.» Egli fuhr direkt zum Polizeiposten, der Mann flüchtete aber zu Fuss.

Deliktsummen zu klein für Festnahme

Bei der Stadtpolizei ist man über die Betrugsfälle informiert. Bisher haben neun Personen Anzeige erstattet, wie Peter Gull, Sprecher der Stadtpolizei, auf Anfrage sagt. Die Täterschaft sei bekannt. Bisher geht man von einem Einzeltäter aus, die Ermittlungen seien aber noch im Gang.

Da es sich jeweils nur um geringe Deliktsummen handle, könne man ihn aber nicht verhaften. Der Anzeigenrapport der Polizei wird demnächst an die Untersuchungsbehörden weitergeleitet. Ob ein Verfahren eröffnet wird, entscheide aber nicht die Polizei, sagt Gull. «Ich hoffe, dass diese Fälle bald aufhören werden», sagt Gull. Weil die Deliktsumme bisher in jedem Fall unter 300 Franken blieb, darf die Polizei keine genauere Angaben zum Täter oder ein Bild veröffentlichen, sagt Gull. Taxifahrer Egli beschreibt den Mann als Schweizer, der zwischen 40 und 50 Jahre alt sein dürfte. Er vermutet, dass sich der Täter mit den Delikten seine Drogensucht finanziert. Die Taxifahrer selbst können den Mann nicht anzeigen, da ihre Fahrten bezahlt werden, sie also nicht die Geschädigten sind.

Weil die Polizei das Treiben vorerst nicht stoppen kann, griffen die Taxi-Chauffeure zur Selbsthilfe. In einem Rundschreiben warnte Heidi Taxi die anderen Taxi-Unternehmer – wie sich herausstellte, hatten auch sie in den letzten Wochen mehrfach dieselbe Masche erlebt. Eine Warnung auf der Facebook-Seite von Heidi Taxi wurde bereits mehrere Tausend Mal gelesen und über 600 Mal geteilt. In den Kommentaren melden sich viele Opfer zu Wort und solche, die das falsche Spiel rechtzeitig durchschaut hatten. Allein in der Nacht, als Egli den Betrüger zur Rede stellte, hatte er es noch mindestens zwei Mal versucht, um ein Uhr und drei Uhr nachts. «Für uns ist das Ganze doppelt ärgerlich», sagt Egli. «Einerseits tut es uns um die Kunden leid, die so übers Ohr gehauen wurden. Andererseits verursacht uns das auch Aufwand und - wenn wir die Kunden aus Kulanz entschädigen - kostet uns Geld.» In den acht Jahren im Taxigeschäft habe er nicht selten erlebt, dass Fahrgäste versuchten, die Chauffeure zu überlisten. «Dass wir als Mittel zum Betrug eingesetzt werden, war mir dagegen neu.» Egli hofft, dass seine Warnung sich möglichst weit herumspricht und der Spuk bald ein Ende hat.

Erstellt: 23.09.2015, 12:12 Uhr

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