Winterthur

«Viele Kollegen, die auch Turner sind, können am Jodlerfest nicht helfen»

Weil das Jodlerfest in Wülflingen gleichzeitig mit dem Eidgenössischen Turnfest in Aarau stattfindet, plagen viele Vereine Personalsorgen. Am Freitag wird dennoch ein ganzes Dorf bereitstehen.

Letzte Handgriffe im Jodlerdorf. Am Freitag soll alles bereit sein, 60000 Jodelfreundinnen und -freunde werden in Wülflingen erwartet.  Foto: Madeleine Schoder

Letzte Handgriffe im Jodlerdorf. Am Freitag soll alles bereit sein, 60000 Jodelfreundinnen und -freunde werden in Wülflingen erwartet. Foto: Madeleine Schoder

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Am Ende kam der Aufruf von ganz oben: Josef Lisibach, der frühere Baustadtrat der SVP, der heute als OK-Präsident des Jodlerfestes in Wülflingen amtet, suchte via Facebook freiwillige Helfer für die grösste Festbeiz im Wülflinger Jodlerdorf. Und er garnierte seinen Appell mit einem Anreiz: «Der Festwirt entschädigt Helfereinsätze.»

Hätte ein Verein alle Schichten übernommen, er hätte tatsächlich gut 15000 Franken für die Vereinskasse verdienen können. Hätte – denn es bleibt beim Konjunktiv. «Wir haben keinen Verein mehr gefunden, der die Schichten übernimmt», sagt Martin Fausch, der Wirt von Henris Catering, der die Festbeiz mit 600 Plätzen betreibt.

Fast zwei Monate habe man erfolglos gesucht. Schade sei das, sagt Fausch. Denn alle hätten profitieren können. «Für die Vereine ist es eine Gelegenheit, etwas zu verdienen, ganz ohne Risiko. Und für uns ist es etwas günstiger.» Jetzt hat Fausch die offenen Schichten mit professionellen Kräften des Catering-Unternehmens besetzt.

Kollision nicht vermeidbar

Personalprobleme kennen auch viele der Vereine, die sich in Wülflingen beteiligen. Und dafür gibt es vor allem einen Grund: In Aarau findet zur gleichen Zeit das Eidgenössische Turnfest statt. Ein Mega-Anlass, wie es ihn nur alle sechs Jahre gibt. Das Nordostschweizerische Jodlerfest, der zweitgrösste Jodleranlass der Schweiz, findet jeweils alle drei Jahre statt. Die beiden heimatlichen Anlässe, die sich viel Publikum teilen, haben sich just gekreuzt.

«Wir haben das Datum lange diskutiert, es gab keine Alternative.»Josef Lisibach 
OK-Präsident des Nordostschweizerischen Jodlerfestes

Böses Blut gibt es deswegen aber nicht, wie eine kleine Umfrage unter den Festvereinen zeigt. «Es gibt einfach so viele Anlässe, und alles konzentriert sich auf die Monate Mai und Juni, da sind Kollisionen schlicht nicht zu vermeiden», sagt Sylvia Hirschle, Co-Präsidentin von Männerriege und Frauenturnverein Wülflingen. Für die aktiven Turner habe natürlich das Turnfest Priorität. Nun müssten eben die älteren Turner in der Festbeiz in die Bresche springen. Einige verzichteten ganz aufs Turnfest, andere kämen früher zurück. Auf das Jodlerfest zu verzichten, war für Hirschle keine Option. Jodler und Turner seien in Wülflingen eng verwoben. «Da ist es klar, dass man sich unterstützt.»

Ähnlich tönt es bei der Schützengesellschaft Bertschikon: «Viele Kollegen, die Turner sind, können nicht», bilanziert Christian Enzler. «Wir haben jetzt das Gleiche gemacht wie alle anderen auch und im weiteren Umfeld nach Helfern gesucht, vom Vater eines Kollegen bis zum Göttibueb.» Die letzten offenen Schichten blieben dann am Vorstand hängen. «So ist es halt.»

Auch Jürg Schönenberger vom Schwingklub musste sich bei der Rekrutierung etwas einfallen lassen. «Viele Schwinger sind auch Turner», sagt er. Allerdings hatte er einen Trumpf im Ärmel: Die Karten fürs Eidgenössische Schwingfest, über die der Club verfügt, seien begehrt. Wer sich engagiere, bekomme natürlich eher ein Billett, sagt Schönenberger. Der Schwingklub sei nun sehr gut vorbereitet.

Ganz einheitlich ist das Bild nicht. Das Fasnachtskomitee als Dachorganisation ohne Basis hatte grosse Mühe, seine Festbeiz mit Helfern zu bestellen. Und noch immer sind nicht alle Schichten gesichert. «Es geht rauf und runter», sagt Fakowi-Präsident Peter Moll. Hingegen hatten die festerprobten Winti Warriors keine Probleme. Die Unterstützung von Familie und Freunden sei gross, sagt Marcel Trieb. «Wir könnten schon heute loslegen.»

10000 Arbeitsstunden

OK-Präsident Lisibach sagt, die Terminkollision mit dem Turnfest sei vor langer Zeit eingehend diskutiert worden, man habe aber keine Alternative gehabt. «Wir brauchten ein Wochenende im Fenster zwischen Mitte Juni und den Sommerferien. Wären wir eine Woche später dran, wäre gleichzeitig das Albanifest, noch eine Woche später das Züri-Fäscht.»

Freiwillige, die sich engagierten, seien heute schwieriger zu finden als Konsumenten, sagt Lisibach. Umso mehr lobt er die Helfer. «Wir haben allein für den Aufbau des Jodlerdorfes in Wüflingen jeden Tag 20 bis 40 Freiwillige auf dem Platz, alle unentgeltlich.» Und allein das Organisationskomitee habe rund 10000 Stunden freiwillige Arbeit geleistet.

Erstellt: 19.06.2019, 16:33 Uhr

Fünf Franken Eintritt zum Festdorf und die Fairness-Frage

Dass der Zutritt ins Jodlerdorf in Wülflingen fünf Franken kostet, passt nicht allen. Einige Festwirte befürchten eine abschreckende Wirkung, wie sie hinter vorgehaltener Hand erzählen; wer nur kurz eine Bratwurst essen wolle, sollte doch eigentlich gratis Zugang zum Gelände haben, finden sie.

Andere sagen, sie unterstützten den Eintrittspreis. Der Aufwand, der für das Jodlerdorf betrieben werde, sei enorm und die Infrastruktur inklusive einer Brücke über die Salomon-Hirzel-Strasse beeindruckend. OK-Präsident Josef Lisibach spricht von einem «freiwilligen Eintritt». Wer nicht zahlen wolle, werde auch so auf das Gelände zugelassen.

Für ihn sei es aber eine Frage der Fairness zu bezahlen. «Ein Fünfliber entspricht einem Bier – wenn das jemandem zu teuer ist, dann ist das eben so.» Lisibach gibt zu bedenken, dass die rund 1,4 Millionen Franken, die das Fest trotz 2000 freiwilligen Helfern kostet, irgendwoher kommen müssten.

Sonderbusse ab dem HB

60'000 Besucherinnen und Besucher werden am Nordostschweizerischen Jodlerfest erwartet. Die Stadt rät, für die Anreise den öffentlichen Verkehr zu benutzen.

Von Freitag bis Sonntag fahren ab HB Entlastungsbusse zum Festgelände (ab Haltekante G). Zu Verkehrsbehinderungen kommt es am Sonntagnachmittag während des Festumzugs durch Wülflingen, zwischen 13.30 und 16 Uhr bleibt die Wülflingerstrasse gesperrt.

Busse und Postautos werden in dieser Zeit über die Salomon-Hirzel-Strasse geführt und bedienen eine Ersatzhaltestelle beim Schloss.

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