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Interview mit Christoph Berger«Wir müssen Pflegenden die Impfung sehr empfehlen»

Das Risiko von Corona-Ausbrüchen sei in Altersheimen viel grösser als anderswo. Eine hohe Impfquote unter Pflegenden wäre dort deshalb wichtig, sagt Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen: Empfiehlt den Pflegenden in Altersheimen dringend die Impfung
Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen: Empfiehlt den Pflegenden in Altersheimen dringend die Impfung
Foto: Peter Schneider (Keystone)

Nachfragen bei Altersheimen zeigen, dass sich nur ein Drittel der Angestellten gegen Corona impfen lässt. In der Bevölkerung liegt die Impfrate bei knapp über 50 Prozent. Reicht das für eine Herdenimmunität?

Wahrscheinlich nicht, aber das ist im Moment auch nicht das primäre Ziel. Es geht derzeit darum, die besonders gefährdeten Personen, also Senioren oder Menschen mit Vorerkrankungen, zu schützen. Wenn wir diese Gruppe gut erreichen, wird das zur Reduktion der schweren Fälle und der Hospitalisationen führen. Davon profitiert auch die breite Bevölkerung, denn dann sind die Spitäler weniger ausgelastet.

Was sagen Sie zur tiefen Impfquote der Angestellten in Altersheimen?

Es ist interessant, was jetzt passiert. Die einen sagen, sie kämen in den Spitälern nicht mehr zur Arbeit, wenn sie sich nicht impfen könnten. Und dann sieht man andererseits, dass sich nur eine Minderheit der Pflegenden in Altersheimen impfen lassen will. Es wäre schön, wenn die Impfrate höher wäre, denn Seniorinnen und Senioren sind beispielsweise darauf angewiesen, dass sie gepflegt und betreut werden.

Könnte man mit einer höheren Impfquote Ausbrüche in Altersheimen verhindern?

Menschen, die in einem Alters- und Pflegezentrum arbeiten, sind stark exponiert. Mit der Impfung können sie sich selber schützen. Und wenn sie geimpft sind, werden sie weniger krank. Das ist wichtig, denn das Gesundheitssystem ist am Anschlag, und wenn diese Leute nicht wegen Krankheit ausfallen, hilft das dem System. Zudem sind diese Orte ganz besonders von Covid-19 betroffen. Die Betreuer und Betreuerinnen bewegen sich lange in den gleichen Räumen, sehr nahe bei den Leuten viel intensiver als im Spital. Es leben dort oft auch sehr alte, manchmal auch demente Menschen, die sich nicht mehr so gut an Schutzmassnahmen halten können. Das Risiko eines Ausbruchs ist also viel grösser als andernorts. Deshalb müssen wir die Impfung den Pflegenden sehr empfehlen. Aber natürlich kann jeder selber entscheiden.

Was kann man gegen die tiefe Impfrate bei Pflegenden tun?

Wir müssen uns fragen, was ihre Bedenken sind. Auf keinen Fall dürfen wir Druck aufbauen. Man muss viel Zeit investieren, um mit den Bewohnern und dem Personal zu reden, bevor man mit den mobilen Equipen für die Impfung vor dem Altersheim vorfährt. Dafür braucht es Vertrauenspersonen wie Hausärzte oder Heimärzte, die sich für Gespräche die Zeit nehmen.

«Eine hohe Impfrate wird dann sehr wichtig, damit das Virus in der gesamten Bevölkerung viel weniger zirkuliert.

Christoph Berger, Präsident der Kommission für Impffragen und Infektiologe am Kinderspital Zürich

Bald sollten wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, ob die Impfung auch die weitere Verbreitung verhindert. Was würde das bedeuten?

Dann kommt tatsächlich etwas Neues hinzu. Je mehr sich dann in einem Heim impfen lassen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass da noch das Coronavirus zirkulieren kann. Eine hohe Impfrate wird dann sehr wichtig, damit das Virus in der gesamten Bevölkerung viel weniger zirkuliert. Das wäre der Moment, eine Herdenimmunität anzustreben.

Das Wissen könnte bereits in ein paar Wochen vorliegen. Sind Sie optimistisch, dass die Impfrate dann steigt?

Ja, klar. Wenn die Daten zeigen werden, dass die Impfung nicht nur die Geimpften selbst schützt, sondern auch weitere Ansteckungen verhindert, werden sich viel mehr dazu entschliessen, sich impfen zu lassen. Denn wenn zum Beispiel in einem Heim oder einem Fussballclub alle geimpft sind, könnte man auch Schutzmassnahmen lockern. Das ist dann kein Zwang, aber vielleicht überzeugt es manche, sich doch impfen zu lassen. Aber auch dann müssen zuerst die besonders Gefährdeten an die Reihe kommen.

Was ist Ihre Hoffnung? Wie könnte diese schwierige Zeit ausgehen?

Wenn wir diejenigen geschützt haben, für die das Virus gefährlich ist, müssen wir versuchen, die Viruserkrankungen möglichst in der Gesamtbevölkerung zu reduzieren. Vielleicht kommt es dann auf die ähnliche Situation heraus wie bei der Grippe. Die bringen wir auch nicht weg, aber wir können mit immer wieder aufgefrischten Impfungen damit leben. Sicher weiss ich das nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es in diese Richtung gehen wird. Das würde bedeuten, dass wir im Alltag weitgehend aus dieser jetzigen Situation herauskommen.

76 Kommentare
    Franziska De Min

    Impfen, ja.

    Impfkampagnen auch notwendig.

    Trotzdem möchte ich auch anregen, dass auch Personen der vulnerablen Gruppe viel Einfluss auf ihren eigenen Schutz ausüben können, wenn sie denn in der Lage sind, die Situation zu verstehen.

    Bewohnende von Alters- und Pflegezentren, Spitexpatient*innen, etc. können und sollen wenn irgend möglich ebenfalls Masken tragen, wenn sie gepflegt werden oder mit anderen Bewohnenden Kontakt haben. Es gab und gibt sowohl bei der jüngeren wie auch bei der älteren Bevölkerung noch viele, welche die Maske nicht korrekt tragen. Mit Nase draussen nützt die Maske nichts!