1000 Franken mehr bezahlen, nur weil man in der Schweiz bucht

Reisen kosten auf Schweizer Websites oft viel mehr als im Ausland. Wie man das umgeht.

Bei manchen Reiseanbietern kann man gar nicht auf die deutsche Website zugreifen, wenn man eine Reise buchen will. Foto: Urs Jaudas

Bei manchen Reiseanbietern kann man gar nicht auf die deutsche Website zugreifen, wenn man eine Reise buchen will. Foto: Urs Jaudas

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Ob ein paar sonnige Tage im Boutique-Hotel auf Rhodos oder eine Woche Kreuzfahrt im Mittelmeer: Wer seine Ferien in der Schweiz bucht, muss nicht selten tiefer in die Tasche greifen als Reisende aus dem nahen Ausland. Das musste auch Emilia A.* erfahren: Sie buchte auf der Website des Schweizer Reisebüros Kuoni eine 12-tägige Kreuzfahrt nach Grossbritannien mit MSC Cruises und zahlte für zwei Personen 3800 Franken; zum gleichen Preis wurde die Reise auch auf der Schweizer MSC-Site angeboten. Auf der deutschen Website entdeckte Emilia A. die gleiche Reise tags darauf für nur 2770 Franken.

Die Reederei mit Sitz in Genf weist nicht nur in diesem Fall höhere Preise aus. Ein Vergleich von Europa-Kreuzfahrten im Sommer 2019 zeigt, dass die Differenzen mitunter erheblich sind: Wer etwa Anfang Juli gebucht hat und ab 22. Juli mit der MSC Fantasia ab Palma de Mallorca im Mittelmeer kreuzt, zahlt für die Balkonkabine auf der deutschen Site 2280 Franken, in der Schweiz sind es für die gleiche Kategorie rund 4320 Franken – fast doppelt so viel. Auch andere Reedereien verlangen in der Schweiz zum Teil höhere Preise.

Orientierung an Kaufkraft

Auf Emilia A.s Beschwerde hin begründete MSC Cruises die Differenz mit den unterschiedlichen Marktvoraussetzungen: «Die Preisgestaltung im jeweiligen Ländermarkt orientiert sich an Angebot, Nachfrage sowie der Buchungs- und Marktlage und der Kaufkraft im jeweiligen Land. Wir bedauern auch sehr, dass die Preise in der Schweiz höher sind als in Deutschland.» Gegenüber dieser Zeitung führt die Reederei weiter aus, dass sie mit einem «nahezu identischen Basispreis» für jeden Markt operiere, es aber immer wieder Aktionen gebe, die auf die lokalen Märkte zugeschnitten seien.

Eine Kreuzfahrt mit MSC Cruises kostete bei Kuoni 3800 Franken, auf einer deutschen Website nur 2770 Franken. Foto: Keystone

MSC weist zudem darauf hin, dass ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, wie es in der Schweiz zu finden sei, mit höheren Betriebskosten verbunden sei. Dazu komme, dass Kreuzfahrten – wie andere Güter – je nach Land unterschiedlichen Steuern, Garantien, Serviceleistungen und Gesetzen unterliegen. Die Preisstrategie für Kreuzfahrten im Ländervergleich unterscheide sich somit nicht von der anderer Produkte, resümiert MSC.

Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, hat für die Erklärung von MSC Cruises kein Verständnis. Sie argumentiert, dass es für Preisdifferenzen dieser Grössenordnung keine triftigen Gründe gebe, schliesslich erhielten die Kunden unabhängig vom Buchungsland die gleiche Leistung. Unternehmen würden die Preise für den Schweizer Markt oft nach Gutdünken festlegen – nur, weil die Kaufkraft hierzulande höher sei. Die Konzerne schöpften die schweizerische Kaufkraft gezielt ab und hielten die Preise künstlich hoch. Sie bezeichnet das Vorgehen als «Abzocke der Schweizer Konsumenten».

Starke Schwankungen

Konfrontiert mit der Frage, ob Reisen in der Schweiz oft und deutlich teurer seien als im nahen Ausland, antwortet Kuoni, man teile diesen Eindruck nicht. Doch der Touristikkonzern räumt ein: «Preisunterschiede können nicht in jedem Fall ausgeschlossen werden. Gerade für kurzfristig buchbare Reisen hängt der Preis stark von der noch verfügbaren Kapazität für Flüge, Schiffe oder Unterkünfte ab. Auch die unterschiedliche Terminierung von Schulferien gilt es zu beachten. Schliesslich erschweren Währungsschwankungen einen ganzheitlichen Preisvergleich.» Bei den recherchierten MSC-Beispielen handle es sich um Spezialangebote.

«Preisunterschiede können nicht in jedem Fall ausgeschlossen werden», sagt der Tourismuskonzern Kuoni. Foto: Keystone

Dieser Darstellung widerspricht das deutsche Reisebüro Stiefvater, das mehrere Filialen nahe der Grenze zu den beiden Basel betreibt: Zwar gebe es Ausnahmen, doch in den meisten Fällen komme eine Buchung in Deutschland günstiger; vor allem bei Pauschalreisen lasse sich so viel Geld sparen.

Versteckte Preise

Emilia A. hat die Differenz nur bemerkt, da sie durch Zufall auf der deutschen Site von MSC gelandet ist. Das ist bei anderen Reiseanbietern gar nicht möglich: Versucht man beispielsweise, von der Schweiz aus TUI.de anzusteuern, wird man automatisch auf die Schweizer Site des Touristikkonzerns umgeleitet. Nur mit technischen Tricks wie etwa einem VPN, das es dem Computer erlaubt, den eigenen Standort zu verbergen, gelangt man auf die deutsche Website. Dort zeigt sich: Auch TUI berechnet Schweizer Kunden zum Teil höhere Preise, wobei die Differenzen bei den recherchierten Stichproben geringer ausfallen als bei MSC.

So kostet eine Woche im Hotel Rhodos Park Suites & Spa Ende August bei TUI.ch 1300 Franken pro Person, wer auf der deutschen TUI-Site bucht, zahlt 150 Franken weniger. Eine Woche im Alpen Resort Hotel in Zermatt im Dezember kostet 815 Franken respektive 775 Franken pro Person. TUI weist darauf hin, dass Hotels wie das Rhodos Park Suites & Spa, die nicht zur TUI-Gruppe gehören, ihre Preise selbst festlegen können. Je nach Nachfrage in den unterschiedlichen Ländern könne es daher zu Differenzen kommen.

Beim zweiten Beispiel handle es sich hingegen um das gleiche Grundpreisbild, jedoch könne man aufgrund des Euro-Verkaufskurses und zusätzlicher Kreditkartengebühren nicht mit dem aktuellen Wechselkurs von 1,12 rechnen. Beim Kauf in Euro müsse man genau umrechnen und allfällige Gebühren beachten. Generell rät TUI, über einen Schweizer Veranstalter oder ein Schweizer Reisebüro zu buchen – nur so profitiere man vom Schweizerischen Reisegesetz.

«Eine Abzocke der Schweizer Konsumenten.»Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz

Sara Stalder lässt dieses Argument nicht gelten. Sie weist darauf hin, dass das Reisegesetz der EU in der Regel mehr Schutz für den Kunden biete als das der Schweiz. Sie stösst sich auch daran, dass man die deutsche TUI-Website nicht ohne technische Tricks ansteuern kann, sowie an der Tatsache, dass man auf die deutsche MSC-Site zwar zugreifen, dort aber keine Buchung tätigen kann: Das Formular akzeptiert nur Wohnorte in Deutschland. Stalder plädiert für die Annahme der Fair-Preis-Initiative, bei der beide Ausprägungen des sogenannten Geoblockings in Zukunft unterbunden würden.

Vergleichen lohnt sich

Nicht alle Anbieter verrechnen einen «Schweiz-Zuschlag». Bei Ebookers beispielsweise waren die Hotelpreise auf der deutschen und der Schweizer Site in allen vorgenommenen Stichproben identisch. Und manchmal kommt es sogar günstiger, in der Schweiz zu buchen. Die Preise für einige Karibik-Kreuzfahrten von MSC Cruises beispielsweise liegen aufgrund von auf die Schweiz beschränkten Aktionen auf deutschem Niveau oder sogar darunter.

Für Kunden lohnt es sich also, die Preise auf verschiedenen Plattformen aus dem In- und Ausland zu vergleichen. Gelingt es aufgrund technischer Hindernisse nicht, die ausländische Website anzusteuern oder auf dieser zu buchen, bietet sich der Weg über ein Reisebüro im Ausland an.

Erstellt: 10.07.2019, 14:26 Uhr

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