Der Weltwirtschaft geht es besser, als man meint

Währungskrise in Argentinien, Sorgenkind Italien: Die globalen Finanzmärkte sind nervös. Doch die Weltwirtschaft wächst – mit einzelnen Ausnahmen.

Die Auftragsbücher der Industrie sind voll: Ein Arbeiter beim Schweizer Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler Rail. Foto: Keystone

Die Auftragsbücher der Industrie sind voll: Ein Arbeiter beim Schweizer Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler Rail. Foto: Keystone

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Währungskrisen in Argentinien und der Türkei, ein schwelender Handelskonflikt und zunehmende Zweifel an Italiens Haushaltsdisziplin – es mangelt derzeit nicht an Themen, die an den globalen Finanzmärkten für erhöhte Nervosität sorgen. In der Realwirtschaft ist davon aber noch kaum etwas zu spüren, abgesehen von ein paar lokalen Ausnahmen. Die Auftragsbücher sind voll, Leute werden eingestellt, und selbst in Europa steigen die Löhne. Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet mehr als 4 Prozent gewachsen. Für Deutschland ergibt sich eine Jahreswachstumsrate von 2 Prozent.

Auch das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) expandiert so schnell wie nie seit der Aufhebung des Euromindestkurses. Trotz der eingangs genannten Konjunkturrisiken deuten die neusten Indikatoren auch für das dritte Quartal keine Trendwende an. Im August ist der Schweizer Industrie-Einkaufsmanagerindex fast 3 Punkte auf 64,8 gestiegen und notiert damit nahe am Rekordhoch.

Der Purchasing Managers Index (PMI) der Industrie wird über Umfragen unter den Chefeinkäufern von Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe ermittelt. Sie geben an, ob die Lage in Bezug auf Auftragseingang, Produktion, Beschäftigung, Lagerbestand und Preise zum Vormonat besser, schlechter oder gleich geblieben ist. Aus den Antworten wird ein Index berechnet: 50 bedeutet, dass sich positive und negative Antworten aufheben. Die Geschäfte laufen dann gleich gut wie im Vormonat. Bei einem Wert über 50 überwiegen die positiven Antworten, das signalisiert Wachstum (vgl. Grafik). Werte unter 50 deuten dagegen auf eine Kontraktion im Industriesektor hin.

PMI der Industrie in den letzten sechs Jahren

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Obwohl das verarbeitende Gewerbe gesamtwirtschaftlich an Bedeutung verloren hat, sind die Umfrageergebnisse ein zuverlässiger Frühindikator für die Konjunktur, sowohl in der Schweiz als auch in allen anderen Ländern, in denen ein PMI erhoben wird. Da konjunkturelle Wendepunkte für die Beurteilung von Anlagen zentral sind, halten auch Investoren die PMI fest im Blick.

Sorgenkind Italien

In der Eurozone liegen die Indikatoren für die Stimmung der Wirtschaft ebenfalls im grünen Bereich. Das deutsche Ifo-Geschäftsklimabarometer ist im August nach mehreren Rückgängen wieder kräftig gestiegen. Der Industrie-PMI notiert mit 55,9 deutlich in der Expansionszone. In der Währungsunion insgesamt ist der Frühindikator gegenüber Juli nur leicht, von 55,1 auf 54,6, gesunken und liegt damit immer noch über dem langfristigen Mittelwert. Nach dem Einbruch der Stimmungsindikatoren Anfang Jahr habe sich die Lage stabilisiert, fassen die Ökonomen von HSBC zusammen.

Wesentlich eingetrübt hat sich die Stimmung nur in der italienischen Industrie. Seit Anfang Jahr ist der PMI von hohen 59 sukzessive auf unterdessen 50,1 gefallen. Die vierjährige Expansion steht damit womöglich vor dem Ende. In Frankreich und Spanien geht es den Unternehmen besser: Die Industrie-PMI sind dort im August leicht, auf 53,5 und 53, gestiegen.

Bruchstelle Schwellenländer

Am ehesten zeigen sich die Folgen des Handelsstreits in den Umfrageergebnissen in den Schwellenländern. Der nach Wirtschaftsleistung gewichtete Emerging Markets PMI ist auf ein Jahrestief von 50,8 gefallen. Doch so schlecht, wie es die Nachrichtenlage vermuten lässt, ist die Situation auch wieder nicht. Trotz Abwärtstrend halten sich die chinesischen Industrie-Einkaufsmanagerindizes seit Monaten über der kritischen Grenze von 50. Auch in Indien, Brasilien und Mexiko zeigen die Frühindikatoren Wachstum an. Der PMI für die Asean-Region ist im August sogar leicht gestiegen, von 50,4 auf 51.

Scheinbar unbekümmert vom Protektionismus ihres Präsidenten strotzen die US-Unternehmen vor Optimismus.

Doch die Probleme einzelner Schwellenländer kommen auch in den Einkaufsmanagerumfragen zum Ausdruck. Die russische Industrieproduktion ist demnach seit vier Monaten auf Schrumpfkurs. Südafrika befindet sich offiziell in einer Rezession, was der PMI schon seit längerem signalisiert hat. Unter dem Eindruck des anhaltenden Kapitalabflusses und der schwachen Währung ist der südafrikanische Frühindikator im August noch weiter abgestürzt. Das Gleiche gilt für die Türkei, wo der Industrie-PMI im Zuge der Währungskrise scharf gefallen ist, von 49 auf 46,4, den tiefsten Stand seit dem misslungenen Militärputsch im Sommer 2016. Das Nachlassen der Dynamik im Welthandel dürfte die exportorientierte Industrie in den Schwellenländern in den kommenden Monaten weiter unter Druck setzen.

Scheinbar unbekümmert vom Protektionismus ihres Präsidenten strotzen die US-Unternehmen vor Optimismus. Der Industrie-PMI des Institute for Supply Management (ISM), das über sechzigjährige Original, ist im August auf 61,3 hochgeschossen. So gut ging es der amerikanischen Industrie seit 2004 nicht mehr.

Der globale, nach Bruttoinlandprodukt gewichtete Industrie-PMI hat sich im August leicht verschlechtert, von 52,8 auf 52,5. Das deutet laut IHS Markit, die den Index zusammen mit JP-Morgan herausgibt, auf ein solides Weltwirtschaftswachstum um die 3 Prozent hin. Bei der Berechnung für die USA verwenden die Indexprovider anstelle des ISM-PMI einen eigenen Index, der im August auf ein Neunmonatstief von 54,7 gefallen ist. Mit den ISM-Daten wäre der globale PMI stabil geblieben.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 08.09.2018, 17:25 Uhr

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