Deswegen steigt der Ölpreis nicht

Zwischenfälle auf der wichtigsten Ölexport-Route hätten früher Preisschocks ausgelöst – heute sehen Händler woanders grössere Bedrohungen.

Eine Pumpe arbeitet in einem Ölfeld. Weil die Konjunktur so schlecht ist, lässt auch die angedeutete Eskalation im Konflikt zwischen den USA und Iran den Ölpreis nicht steigen.

Eine Pumpe arbeitet in einem Ölfeld. Weil die Konjunktur so schlecht ist, lässt auch die angedeutete Eskalation im Konflikt zwischen den USA und Iran den Ölpreis nicht steigen.

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Am Donnerstagnachmittag gingen Luftaufnahmen der «Front Altair» um die Welt, an der Steuerbordseite des Tankers schlugen Flammen hoch und Qualm stieg in den Himmel, Rohbenzin floss aus dem Schiff in den Golf von Oman. Während diese Bilder in diplomatischen Kreisen die Furcht vor einer Eskalation des Konflikts zwischen Iran und den USA nährten, verlief der Handelstag am Ölmarkt vergleichsweise ruhig. Der Tanker brannte noch und trieb ohne Besatzung im Meer, als die zunächst nach oben geschnellten Preise für den nach wie vor wichtigsten Rohstoff der Welt längst wieder fielen. Zum Börsenschluss in den USA notierte Erdöl nur noch zwei Prozent im Plus.

Diese relative Ruhe am Markt passt nicht zur Bedeutung dieser Gegend für die Weltwirtschaft. Etwa ein Drittel des auf dem Seeweg verschifften Erdöls transportieren Tanker durch die Strasse von Hormus, sie ist die mit Abstand wichtigste Route für den Ölexport nach Japan, Europa und in die USA. Die Meerenge ist an der engsten Stelle nur knapp 38 Kilometer breit, mit jeweils gut drei Kilometer breiten Schiffsrouten in jede Richtung. Unweit südöstlich, im Golf von Oman, sollen Saboteure die «Front Altair» und einen weiteren Tanker attackiert haben. Eine solche Nachricht, allein die Gefahr, dass die Ölversorgung aus dem Nahen Osten massiv beeinträchtigt sein könnte, wäre in früheren Zeiten für einen Preisschock gut gewesen.

Aber die Zeiten haben sich geändert, und die Struktur von Angebot und Nachfrage auf den Energiemärkten lässt beschädigte Tanker im Golf von Oman – vorerst noch – zu einem kleinen Zwischenfall schrumpfen. Zur Erinnerung: Erst vor vier Wochen waren vier Schiffe in der Region sabotiert worden, darunter zwei saudi-arabische, und schon damals hatten die USA iranische Kräfte am Werk gesehen.

Ein Barrel Rohöl kostet weniger als noch vor vier Wochen

Doch die Preise fielen weiter, über Wochen, bis ein Fass (159 Liter) der Sorte Brent nur noch knapp über 60 Dollar kostete. Derzeit überstrahlt der Handelskonflikt der USA mit China das Kräftemessen mit Iran; ein lahmender Welthandel und eine schwächelnde Weltkonjunktur deuten eine geringere Ölnachfrage an. Die Frachtmengen an den wichtigsten Umschlagplätzen für Luftfracht in den Industrienationen sind im Jahresvergleich während des ersten Quartals gesunken, grosse Seehäfen melden geringere Containervolumina. Exportindikatoren zeigen nach unten. Daten der staatlichen niederländischen Statistikbehörde CPB zufolge wächst der Welthandel so schwach wie seit der Zeit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren nicht mehr. Gleichzeitig sind die Erdöl-Lagervorräte im Fracking-Land USA überraschend stark gestiegen, ein viel beachteter Indikator für die Entwicklung der Nachfrage.

Gefahr für Weltwirtschaft überschaubar

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostizierte zum Ende dieser Woche, das Ölangebot werde im kommenden Jahr beschleunigt wachsen. Ihr erster Ausblick auf 2020 habe eine klare Botschaft, schrieben die IEA-Experten: Das zusätzliche Angebot von ausserhalb des Ölkartells Opec könne jeden wahrscheinlichen Bedarf decken. «Das sind gute Nachrichten für Konsumenten und für den allgemeinen Zustand der momentan anfälligen Weltkonjunktur», schreiben sie, denn so werde ein möglicher Anstieg der Ölpreise begrenzt. Allerdings sind genaue Vorhersagen des Ölpreises praktisch unmöglich, wenn sie mehr als ein paar Monate in die Zukunft reichen. Die IEA versieht den Ausblick denn auch mit einer Einschränkung: Er gelte, solange es keinen grossen geopolitischen Schock gebe.

Für eine grössere Eskalation ist die Strasse von Hormus nur einer von mehreren möglichen Schauplätzen, die sich etwa im Persischen Golf, im Golf von Oman und im südlichen Roten Meer verteilen. Während des fast acht Jahre andauernden Kriegs zwischen Iran und dem Irak von 1980 bis 1988 häuften sich schon einmal die gegenseitigen Attacken auf Handelsschiffe, was in der Geschichtsschreibung als «Tankerkrieg» bekannt wurde. Schon damals drohte Iran regelmässig damit, die Strasse von Hormus zu blockieren – was schon sich schon damals kaum auf den Ölpreis auswirkte. Auch heute würde Iran angesichts der Übermacht der USA eine Blockade über mehrere Tage oder Wochen hinaus wahrscheinlich nicht gelingen, so die allgemeine Überzeugung auf den Märkten.

Und so bleibt angesichts eines üppigen Angebots an Erdöl die Gefahr eines Preisschocks überschaubar – zumindest solange kein Krieg ausbricht zwischen Iran und seinen Gegnern. Solange diese Gefahr gebannt bleibt, schauen Ölhändler weiterhin vor allem auf einen anderen Konflikt der USA: jenen mit China.

Erstellt: 15.06.2019, 12:43 Uhr

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