Die Überbewertung des Frankens nimmt ab – aber nicht für alle

Der angemessene Wechselkurs sinkt Richtung 1 Franken pro Euro, prognostiziert eine Studie. Für einige Exportbranchen ist das eine grosse Herausforderung.

Die Nahrungsmittelbranche leidet mit am meisten unter der Überwertung des Frankens: Callier Qualitätslabor in Broc FR. Foto: Keystone

Die Nahrungsmittelbranche leidet mit am meisten unter der Überwertung des Frankens: Callier Qualitätslabor in Broc FR. Foto: Keystone

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Rund 1.12 Franken kostet aktuell der Euro und damit fast 8 Rappen weniger als im April vor einem Jahr. Das bedeutet, die Schweizer Währung wurde seither wieder deutlich aufgewertet. Doch ist das nun erneut eine Gefahr für die Schweizer Wirtschaft? Und für welche Branchen? Und ab welchem Kurs kann man überhaupt von einer Überbewertung des Frankens zum Euro sprechen? Diesen Fragen ist die Credit Suisse im Rahmen ihres heute veröffentlichten «Monitors» zur Schweizer Wirtschaft nachgegangen.

Laut den Ökonomen der Grossbank liegt der «faire Wert» des Frankens bei einem Kurs von 1.24 pro Euro. Damit wäre die Schweizer Währung gegenüber der Währungsunion aktuell um rund 9 Prozent zu hoch bewertet. Dieser Wert ergibt sich hauptsächlich aus einer Betrachtung der sogenannten Kaufkraftparität. Das ist der Wechselkurs, bei dem sich gleich viel kaufen lässt, ob man nun in Franken oder in Euro bezahlt. Die Überbewertung des Frankens bedeutet daher, dass man sich beim aktuellen Kurs und bei den aktuellen Preisen in der Schweiz und in der Währungsunion mit dem Franken mehr leisten kann als mit dem Euro. Das heisst, dass Schweizer Unternehmen in Europa preislich benachteiligt sind.

Der Vorteil der tieferen Teuerung

Doch weil in der Schweiz die Teuerung seit Jahrzehnten tiefer ist als im Euroraum, sinkt der Wechselkurs über die Zeit, der dem fairen Wert des Frankens entspricht. Denn Schweizer Produkte werden für Europäer immer günstiger und europäische für Schweizer teurer. Laut den Autoren der Untersuchung ist der dem «fairen Wert» entsprechende Wechselkurs des Frankens zum Euro heute 20 Prozent tiefer als noch im Jahr 2002. Deshalb können die Schweizer Exporteure generell immer besser mit einem tiefen Kurs pro Euro leben.

Weil die CS-Ökonomen davon ausgehen, dass der Unterschied in der Entwicklung der Teuerung weiter anhält, rechnen sie damit, dass in etwa fünf Jahren der Franken selbst beim heutigen Wechselkurs nicht mehr überbewertet ist und dass es später auch zur Parität zwischen dem Euro und dem Franken kommt – also zum Kurs 1 Franken pro Euro. «Das ist nur eine Frage der Zeit», meinte dazu CS-Ökonom Claude Maurer bei der Vorstellung der Untersuchung.

Betrachtet man aber die einzelnen Exportbranchen, zeigen sich erhebliche Unterschiede bei den Preisen und der Preisentwicklung im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz. Das gilt vor allem für die Industrie. Beim Kurs von 1.13 Franken pro Euro ist die Schweizer Währung für alle ausser der Chemie- und der Pharmaindustrie mehr als 10 Prozent überbewertet. Der kaufkraftbereinigte Wechselkurs für die Chemieindustrie ist von 2002 bis heute von 1.60 Franken pro Euro auf weniger als 1.10 gefallen, in der Kunststoffindustrie dagegen nur von etwa 1.55 Franken pro Euro auf 1.50. Die Chemieindustrie profitiert damit vom aktuellen Frankenkurs, während er für die Kunststoffindustrie noch immer mehr als 30 Prozent zu hoch ist.

Quelle: Credit Suisse

Eine Überbewertung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine Branche auch darunter leidet. Wenn ihr Absatz relativ wenig vom Preis abhängt, weil die Produkte weitgehend unverzichtbar oder wenig Konkurrenz ausgesetzt sind, dann spielt der Wechselkurs eine geringe Rolle. Das ist laut der CS-Studie vor allem für die Pharmabranche (dank patentgeschützter Medikamente) und in der Uhrenindustrie der Fall. Da diese beiden Branchen auch einen relativ geringen Absatzanteil in der Eurozone haben – bei Pharma sind es 40 Prozent, bei Uhren rund 20 Prozent – spielt für sie deshalb auch der Euro-Franken-Wechselkurs eine deutlich geringere Rolle. Dazu kommt, dass die Pharmaprodukte die drittgeringste Überbewertung in Euro ausweisen. Das alles fällt für die gesamte Volkswirtschaft ins Gewicht, weil die Pharmabranche und die Uhrenindustrie mehr als die Hälfte aller Exporte ausmachen und auch das grösste Wachstum bei den Exporten verzeichnen.

Am schwierigsten ist die Lage dagegen für Teile der Industriebranchen Nahrungsmittel, Fahrzeugbau und Textil, sowie generell für die Papier- und Kunststoffbranche. Denn zur erwähnten Überbewertung beim laufenden Wechselkurs sind sie dem Preisdruck stärker ausgesetzt, und ihr Anteil an den Exporten in den Euroraum ist hoch. Der Anpassungsdruck in diesem Bereich wird umso grösser, je mehr sich der faire Wert des Frankens zum Euro der Parität nähert.

Erstellt: 18.06.2019, 16:00 Uhr

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