Dreckiges Gold in Schweizer Händen

Verprügelt, vergewaltigt, erschossen: Weil sie im Aushub nach Restgold suchen, werden Anwohner einer tansanischen Mine zur Zielscheibe.

Der Journalist als Staatsfeind: Jabir Idrissa berichtete über Ungereimtheiten bei der Vergabe von Minenlizenzen und kritisierte das tansanische Regime. Video: bereitgestellt von «Forbidden Stories»

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Wer das noble Gebäude in der Genfer Innenstadt betreten will, muss erst seine Iris von einem Augenscanner durchleuchten lassen. Direkt neben dem Gerät ist auf einer Goldplatte «MKS» eingraviert. Die Initialen stehen für das Familienunternehmen des Nordirakers Mahmoud Kassem Shakarchi, der 1976 in die Schweiz ausgewandert war und in Genf als Goldhändler begann. Heute ist MKS der Handelsarm der MKS-PAMP-Gruppe.

Der weltweit tätige Edelmetallhändler hat zwar den Hauptsitz in Amsterdam, definiert sich aber selbst als «Inbegriff eines erfolgreichen und angesehenen Schweizer Unternehmens». Im MKS-Verwaltungsrat sitzt unter anderem der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank Jean-Pierre Roth. Die ehemalige Schwesterfirma von MKS, die Devisenhandelsfirma Shakarchi Trading, war 1988 in die Kopp-Affäre verwickelt, die zum Rücktritt der ersten Schweizer Bundesrätin führte.

Heute ist MKS-PAMP stolz auf die Entwicklung «ethischer und transparenter Lieferketten». Damit soll ausgedrückt werden, dass der Konzern nur mit Gold handelt, das unter einwandfreien Bedingungen gefördert wurde. Das internationale Recherche-Netzwerk «Forbidden Stories», dem auch diese Zeitung angehört, kann diese Behauptung nicht bestätigen. Im Gegenteil: Der Konzern mit den Schweizer Wurzeln veredelt dreckiges Gold aus Tansania, bei dessen Förderung systematisch Menschenrechte verletzt werden.

Blutige Konflikte um das Gold

Lange Zeit wurde in der Region Nord Mara Gold von einheimischen, lizensierten Mineuren abgebaut. Dann verkaufte die tansanische Regierung das Land vor zwanzig Jahren dem kanadischen Goldriesen Barrick. Seither kommt es in der und um die Mine immer wieder zu blutigen Konflikten zwischen Bewohnern umliegender Dörfer, die sich unbefugt Zugang zur Abraumhalde verschaffen, und dem Sicherheitspersonal des Minenbetreibers Acacia, einer Tochterfirma von Barrick Gold.

Bewaffnen sich mit Macheten: Monchena Mwita und seine Freunde auf dem Weg zur Mine. Foto: bereitgestellt von «Forbidden Stories» (Mai 2019)

Um den Dorfbewohnern den Zugang zum Minengelände zu versperren, liess Acacia eine zwei Meter hohe Mauer errichten. Dahinter stehen Polizisten, die auf Eindringlinge scharf schiessen. Wie die kanadische NGO Mining Watch 2016 dokumentierte, endeten 22 Versuche, illegal in die Mine einzudringen, seit 2014 tödlich, Hunderte Anwohner wurden schwer verletzt.

«Für Verfehlungen der tansanischen Staatsgewalt kann ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden.»Mark Bristow, CEO bei Barrick Gold

Doch «das Gold ist unsere einzige Einkommensquelle», erklärt ein junger Mann namens Monchena Mwita einem Reporter von «Forbidden Stories». «An einem guten Abend können wir bis zu 20 Dollar verdienen.» Das Versprechen auf Gold, kombiniert mit der Perspektivlosigkeit in seinem Dorf, lässt Mwita über die Lebensgefahr hinwegsehen, in der er schwebt. Bevor er und seine Freunde über die zwei Meter hohe Mauer in die Mine klettern, bewaffnen sich die jungen Männer mit Macheten und Speeren.

Mark Bristow, Chef von Barrick Gold, weist jede Verantwortung von sich: «Für Verfehlungen der tansanischen Staatsgewalt kann ich nicht zur Rechenschaft gezogen werden.» Dabei ist nicht klar, wo genau die Grenze zwischen der Polizei und dem privaten Sicherheitsdienst der Mine liegt. Denn die Polizei wird durch die Mine finanziell sowie materiell mit Kost, Logis und Benzin unterstützt.

Von den Wachleuten vergewaltigt

Auch das private Sicherheitspersonal ist unter den Bewohnern, insbesondere unter den Bewohnerinnen, der umliegenden Dörfer gefürchtet. «Als sie mich und meine Freundinnen vor einigen Jahren erwischten, zerrten uns die Aufseher in ihr Auto und fuhren an einen abgelegenen Ort, wo sie uns vergewaltigten», schildert Lucia Marembela einem Reporter von «Forbidden Stories». Die NGO Mining Watch Canada dokumentierte weitere Fälle, in denen Frauen vom Sicherheitspersonal der Mine vergewaltigt wurden.


Video: Frauen aus Nord Mara sprechen über Missbrauch

«Seither endete jede Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt»: Diese Frauen wurden vom privaten Sicherheitspersonal der Mine vergewaltigt, weil sie auf deren Abraumhalde unbefugt nach Gold suchten. Video: Youtube/MiningWatch Canada (25. Juni 2018)


Ein weiteres Problem für die Anwohner der Mine ist das arsenhaltige Abwasser, das durch den Goldabbau in ihr Grundwasser gelangt. Die Zyanid- und Arsenkonzentration befinde sich auf einem gesundheitsschädlichen Niveau, hielten Forscher der Universität Dar es Salaam bereits vor zehn Jahren fest. Heute leiden viele Anwohner der Mine an einem chronischen Hautausschlag.

Bezirksarzt Dr. Mark Nega sieht einen direkten Zusammenhang: «Viele Patienten kamen zu mir in die Behandlung, da sie nach einem Bad im verseuchten Wasser allergische Reaktionen zeigten.» Ein weiterer Arzt, der anonym bleiben will, gibt an, in den letzten vier Jahren mehr als 200 Patienten mit chronischem Hautausschlag behandelt zu haben.

Nach heftigen Regenfällen gelangt arsenhaltiges Abwasser aus der Mine ins Grundwasser: Kinder durchqueren einen Fluss. Foto: bereitgestellt von «Forbidden Stories» (Mai 2019)

Einheimische Journalisten begannen, von den Umweltproblemen und den Übergriffen des Sicherheitspersonals in Nord Mara zu berichten. Aber Kritik an grossen Unternehmen oder sozialen Missständen ist ein gefährliches Unterfangen in einem Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit auf einem der letzten Plätze liegt. «Forbidden Stories» machte 12 Journalisten aus, die im Zusammenhang ihrer Berichterstattung über die Mine bedroht, verhaftet oder deren Berichte zensiert wurden.

Kritischen Medien wird Lizenz entzogen

So etwa Jabir Idrissa. Vor zwei Jahren berichtete der Familienvater für die Wochenzeitung «Mawio» über angebliche Ungereimtheiten bei der Vergabe der Minenlizenzen an Acacia. Einen Tag nach der Publikation entzog Medienminister Harrisson Mwakyembe der Zeitung für zwei Jahre die Lizenz. Sein Chef habe zahlreiche Drohanrufe erhalten, erzählt Idrissa. Aus Angst vor Vergeltung wanderte der Journalist für ein Jahr nach Sansibar aus, wo er im Secondhand-Shop seines Cousins arbeitete, um den Lebensunterhalt für sich und seine drei Kinder zu bestreiten.

Verlor wegen kritischer Berichte seinen Job: Jabir Idrissa im Secondhand-Shop seines Cousins. Foto: bereitgestellt von «Forbidden Stories» (Mai 2019)

«Forbidden Stories» wurde gegründet, um die Geschichten von Journalisten, die zum Schweigen gebracht wurden, wieder aufzunehmen und zu Ende zu recherchieren. Bei der Mine in Nord Mara geht es um die Frage: Wer profitiert von den Menschenrechtsverletzungen? Wer nimmt der Mine das Gold ab und verarbeitet es?

Das Gold aus Nord Mara wird gemäss Branchen-Insidern, die ihren Namen hier nicht lesen möchten, seit gut sechs Jahren vollumfänglich von der MMTC-PAMP-Raffinerie in Delhi verarbeitet. Diese ist als Gemeinschaftsunternehmen der indischen Regierung mit der Tessiner Raffinerie PAMP organisiert. Beide Raffinerien gehören zum selben Konzern wie die Firma mit dem luxuriösen, gut gesicherten Sitz im Zentrum von Genf – der MKS-PAMP-Gruppe. Die Genfer MKS ist innerhalb des Konzerns für die Sorgfaltsprüfung der Zulieferer zuständig – so auch für die Mine in Nord Mara.


Woher unser Gold wirklich kommt Halten Zertifikate, was sie versprechen? Korruptionsjäger Mark Pieth besuchte Minen und Händler vor Ort. (Abo+)


Wie passt diese Selbstdarstellung mit den Berichten über Tote und Verletzte in Nord Mara zusammen? MKS-PAMP unterziehe die Mine einer kontinuierlichen Sorgfaltsprüfung, antwortet Hitesh Kalia, der Risk- und Compliance-Officer der indisch-schweizerischen Raffinerie: «Dabei konnte stets sichergestellt werden, dass beim Goldabbau weder starke Menschenrechtsverletzungen vorkommen noch bewaffnete Konflikte geschürt werden.» Kalia verweist auf ein Schlichtungsverfahren, das die Mine seit 2013 mit den Opfern ihres eigenen Sicherheitspersonals durchführt. Dieses Verfahren habe 2015 sogar einen Preis für unternehmerische Sozialverantwortung bekommen.

«Mine führt Opfer in die Irre»

Catherine Coumans von der NGO MiningWatch Canada untersuchte das Schlichtungsverfahren in Nord Mara, sie sprach während ihrer Besuche vor Ort mit zahlreichen Opfern und Vertretern der Mine. Sie kritisiert das Vorgehen der Minenbetreiber heftig: Das Schlichtungsverfahren sei zur selben Zeit ins Leben gerufen worden, als eine britische Anwaltskanzlei eine Sammelklage gegen die Minenbetreiber vorbereitet habe. Daraufhin hätten die Betreiber den Klägern Arbeitsverträge angeboten, um sie von einer Klage abzuhalten. «Die Verträge waren in Englisch verfasst, und viele Dorfbewohner sind Analphabeten, die kein Englisch sprechen», widerspricht Coumans. «Dass die Verträge bloss befristet waren und eine Verzichtserklärung auf weitere Klagen gegen die Mine beinhalteten, war ihnen nicht bewusst. Viele unterschrieben den Vertrag per Fingerabdruck.»

Untersuchte die Defizite des Schlichtungsverfahrens vor Ort: Catherine Coumans im Gespräch mit einer Frau, die vom Sicherheitspersonal der Mine vergewaltigt wurde. Foto: bereitgestellt von Mining Watch Canada. (Oktober 2018)

Von den ursprünglich rund 30 Klägern blieben 11 übrig, mit denen sich die Mine aussergerichtlich einigte. Die Minenbetreiber hätten die Opfer in die Irre geführt, sagt Coumans. Seither ist das Verfahren angepasst worden: Opfer von Misshandlungen oder Umweltverschmutzung können ihre Klagen nur mehr vor einem privaten Gericht einbringen, in dem Vertreter des Minenbetreibers selbst ermitteln und auch gleich richten. Gemäss Mining Watch Canada sind seither 109 von insgesamt 117 eingereichten Klagen als «uneindeutig oder unbegründet» abgewiesen worden. Für Coumans ist die Vorstellung, dass die Mine für so ein Verfahren einen Preis bekam, «völlig absurd». Ihren Angaben zufolge gehen die Menschenrechtsverletzungen auch nach dem Schlichtungsverfahren weiter. Es komme seither zwar nicht mehr so oft zu Schiessereien, Eindringlinge würden aber noch immer regelmässig von den Schlagstöcken der Sicherheitsleute malträtiert.

Strafrechtsprofessor Mark Pieth bezeichnet die Prüfungen des Branchenstandards LBMA als «reine Papieranalyse».

Der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank und MKS-Verwaltungsrat Jean-Pierre Roth sieht beim Gold aus Nord Mara kein Problem: «Wir überwachen die Aktivitäten unserer Zulieferer kontinuierlich.» Dadurch könne sichergestellt werden, dass die Menschenrechte in der Lieferkette eingehalten werden. Roth verweist auf die «London Bullion Market Association» (LBMA), die sein Unternehmen und die Zulieferer jährlich extern prüfe. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth bezeichnet hingegen in seinem neuen Buch die Prüfungen der LBMA als «reine Papieranalyse»: Die Auditoren würden die Minen gar nicht besuchen.

Wird die Schweizer Goldhandelsfirma ihre Zulieferer in Zukunft gleich gründlich durchleuchten wie die Augen ihrer Besucher in Genf? Compliance-Officer Kalia verspricht, dass MKS-PAMP allen Vorwürfen nachgehen werde: «Wir haben die Mine bereits kontaktiert.»


Video: Weitere Projekte von «Forbidden Stories»

Bedroht, verhaftet, zensiert: Der Trailer zur «Green Blood»-Doku. Video: bereitgestellt von «Forbidden Stories».

(Erstellt: 18.06.2019, 17:57 Uhr)

Über das Recherche-Netzwerk

Journalisten, die vor Ort über die Probleme der Minenindustrie berichten, werden immer wieder bedroht, verhaftet oder zensiert. Und manchmal auch ermordet. Das Projekt «Forbidden Stories» wurde gegründet, um diese Geschichten neu aufzunehmen und zu Ende zu recherchieren.

Neben dem dreckigen Gold aus Tansania hat «Forbidden Stories» die Nickel-Kontamination einer Mine in Guatemala sowie den Mord an einem indischen Journalisten untersucht, der über illegalen Sandabbau in Tamil Nadu berichtete.

Insgesamt haben sich 40 Journalisten aus 15 Ländern an den Recherchen beteiligt. Neben der Tamedia sind unter anderem der Guardian, die Süddeutsche Zeitung, der Westdeutsche Rundfunk sowie Le Monde aus Frankreich an dem Projekt beteiligt.

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