Drohender Blindflug

Wegen des Shutdowns fehlen der US-Notenbank zentrale Daten für ihre Geldpolitik. Das könnte die Aktienmärkte in neue Turbulenzen stürzen.

Mangelnder Durchblick – der teilweise Stillstand der Regierungsstellen erschwert auch die Arbeit der US-Notenbank und ihres Präsidenten Jerome Powell.

Mangelnder Durchblick – der teilweise Stillstand der Regierungsstellen erschwert auch die Arbeit der US-Notenbank und ihres Präsidenten Jerome Powell. Bild: Mark Wilson/AFP

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Jerome Powells Job ist schwierig genug. Der am Limit laufenden US-Wirtschaft, die jahrelang mit einer Geldschwemme sondergleichen aufgepäppelt wurde, diesen «Stoff» nun zu entziehen, ohne die Konjunktur abzuwürgen, ist für einen Präsidenten der Federal Reserve (Fed) der heikelste Balanceakt überhaupt. 2019 wird für ihn und die US-Notenbank zum Schlüsseljahr: Nach vier Zinserhöhungen im letzten Jahr könnte jede weitere Zügelstraffung eine zu viel sein und die Stimmung der Wirtschafts- und Börsenakteure über die Massen dämpfen.

In dieser angespannten Situation lässt sich Powell alle Optionen offen. Ob und wann es zu weiteren Zinsschritten kommt, will der Notenbankchef von den laufend eingehenden Wirtschaftsdaten abhängig machen. Die Rede ist von einer datenabhängigen Geldpolitik. So weit, so gut. Was aber, wenn die Federal Reserve nicht auf alle verfügbaren Zahlenreihen und Statistiken zurückgreifen kann?

Fehlende Mosaiksteine

Genau damit sehen sich die Währungshüter in den USA jetzt konfrontiert. Der teilweise Stillstand der öffentlichen Bundesverwaltung, der seit gut drei Wochen andauert, hat zur Folge, dass verschiedene Daten von den suspendierten Ministeriumsmitarbeitenden nicht mehr erhoben, aufbereitet und publiziert werden. Powell hat den Missstand letzte Woche in einem Vortrag vor dem Wirtschaftsclub in Washington thematisiert: Sollte der Shutdown noch wesentlich länger andauern, «werden wir ein weniger klares Bild von der Wirtschaft haben». Ohne die übliche Zurückhaltung eines Notenbankers formuliert, heisst das: Die Federal Reserve muss im Nebel stochern – und dies zu einem konjunkturell höchst delikaten Zeitpunkt.

Besonders empfindlich werden die US-Währungshüter – aber auch alle anderen Konjunkturbeobachter – durch die Schliessung des Handelsministeriums getroffen. Gespannt wartete man letzte Woche etwa auf die November-Zahlen zum Aussenhandel der USA, nachdem im Monat zuvor das höchste Handelsbilanzdefizit seit einem Jahrzehnt ausgewiesen worden war. Sie wurden ebenso wenig veröffentlicht wie aktualisierte Angaben über die landesweiten Auftragseingänge der Industrie und das Haushaltdefizit auf Bundesebene.

In dieser Woche stünde die Veröffentlichung der jüngsten Zahlen zum Detailhandel, zu den Warenvorräten der Unternehmen und zum Baubeginn bei Häusern an. Sie alle sind wichtige Mosaiksteine für Experten, um ein Bild vom Gesundheitszustand der Gesamtwirtschaft zu bekommen. Besteht der Stillstand bis zum Monatsende fort – wofür einiges spricht –, wird vorerst auch niemand erfahren, wie stark die US-Wirtschaft im Schlussquartal 2018 gewachsen ist. Das Handelsministerium ist zudem für den Preisindex der persönlichen Konsumausgaben zuständig, also jene Inflationsgrösse, auf welche die Fed ihren besonderen Fokus richtet.

Offener Blick auf den Arbeitsmarkt

Da die Finanzierung des Arbeitsministeriums noch bis September gesichert ist, sind die Notenbanker und Wirtschaftsforscher nicht ganz auf verlorenem Posten. Bis auf weiteres gesichert ist damit die monatliche Herausgabe des (klassischen) Konsumentenpreisindexes und natürlich der Arbeitsmarktdaten. Das war schon mal anders: Anlässlich des Shutdowns von 2013 sah sich das Arbeitsministerium gezwungen, seine Pforten zu schliessen.

Die Aussicht, geldpolitische Entscheide ohne aktuelle Zahlen zur Arbeitslosigkeit zu treffen, war dem damaligen Notenbankchef Ben Bernanke so unangenehm, dass er prüfen liess, ob die Fed die Erstellung des Arbeitsmarktberichts ausnahmsweise auf ihr Budget übernehmen könnte. Von Juristen aus der Regierung bekam er zu hören, einem solchen Ansinnen werde wohl nicht stattgegeben.

Da trifft es sich ganz gut, dass wichtige Konjunkturindikatoren in den USA von privaten Institutionen veröffentlicht werden, wie zum Beispiel die von der Universität von Michigan erhobene Konsumentenstimmung oder der Einkaufsmanagerindex, der vom Institute for Supply Management erstellt wird. Jerome Powell und seine Fed-Kollegen müssen sich also nicht gleich auf einen Blindflug einlassen.

Doch je länger ihnen zentrale Wirtschaftsdaten vorenthalten bleiben, desto getrübter wird ihr Durchblick. Und desto grösser wird das Risiko von Fehlentscheiden, welche die Aktienmärkte in neue Turbulenzen stürzen können.

Erstellt: 14.01.2019, 19:53 Uhr

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