Euro sackt zum Franken unter 1.10 – was tut die SNB?

Erstmals seit zwei Jahren durchbricht der Euro zum Franken die Marke von 1.10 nach unten. Diese Grenze ist für die Schweiz extrem wichtig.

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1.0988 Franken pro Euro heute um 12.47 Uhr: So tief war der Kurs zum letzten Mal vor ziemlich genau zwei Jahren – im Juli 2017. Ein billigerer Euro bedeutet umgekehrt eine Aufwertung des Frankens. Als im Mai des Vorjahres der Euro wieder 1.20 Franken kostete, schien man das Thema der Frankenstärke abhaken zu können. Zur Normalisierung kam es damals angesichts der Erwartung, dass weltweit die Zinsen sich wieder nach oben bewegen und ein Ende der überall extremen Geldpolitik absehbar schien. Mittlerweile hat sich das als Trugschluss erwiesen.

Der Absturz kurz vor dem Mittag: Der Euro durchbricht die Marke von 1.10 zum Franken nach unten.

Zweimal hat am Montagnachmittag vor und nach 15 Uhr der Eurokurs in Franken die Marke von 1.10 erreicht. Doch beide Male stieg er wieder leicht an, wie wenn der Wert eine unsichtbare Mauer darstellte. Das weckt den Verdacht, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) dahintersteckt, die mit Währungsinterventionen – dem Kauf von Euro gegen frisch geschaffene Franken – die Aufwertung der Schweizer Währung bei dieser psychologischen Grenze stoppen will.

Über ihre Interventionen gibt die SNB aus taktischen Gründen nie Auskunft. Das käme einer Einladung an Spekulanten gleich. Erst aus künftigen Daten zu den Giroeinlagen der Banken bei der SNB lässt sich eine mögliche Intervention herauslesen, weil Devisenkäufe der SNB von den Banken dort verbucht werden. Seit dem Sommer 2017 – als der Euro zum letzten Mal so wenig wie jetzt kostete – hat die SNB jedenfalls nie mehr im grossen Stil interveniert. Das Präsidium der Nationalbank selbst macht aber bei jeder Gelegenheit deutlich, dass es im Fall einer zu starken Aufwertung des Frankens wieder auf solche Deviseninterventionen zurückgreifen wird, ohne allerdings je zu sagen, bei welchem Kurs es das für nötig erachten würde.

Intervention der SNB wird wahrscheinlich

Analysten rechnen jedenfalls damit, dass beim aktuellen Kurs eine Intervention wieder wahrscheinlich wird: «Sollte der Eurokurs unter 1.10 Franken fallen, halten wir eine Intervention der Nationalbank für angemessen», sagt zum Beispiel Daniel Trum, Devisenanalyst der UBS.

Automatische Verkaufsaufträge bei einem Unterschreiten dieser Kursgrenze drohen aber den Europreis in Franken weiter einbrechen zu lassen. Denn das kann als Signal dafür gelesen werden, dass die SNB nichts gegen eine Aufwertung unternimmt oder unternehmen kann. Begrenzt wird sie in ihren Möglichkeiten vor allem aus politischen Gründen. Einerseits steht sie im Inland in der Kritik, weil ihre Bilanz dank der bisherigen Devisenkäufe wertmässig bereits das Bruttoinlandprodukt der Schweiz übersteigt, und andererseits weil US-Präsident Donald Trump das als aktive Währungsmanipulation interpretieren und die Schweiz so ins Visier des Handelskriegs geraten könnte.

Für Schweizer Touristen, die ihre Ferien im europäischen Ausland verbringen, kommt die erneute Aufwertung gerade zum richtigen Zeitpunkt. Sie führt für sie zu einem Preisnachlass in der Heimwährung. Aus Sicht der Schweizer Konjunktur wirkt dagegen weniger der aktuelle Kurs an sich als die Entwicklung bedrohlich. Weil sich die Schweizer Wirtschaft insgesamt in einer starken Verfassung befindet und weil angesichts einer grösseren Teuerung im Ausland Schweizer Güter und Dienstleistungen selbst beim gleichen Währungskurs von 1.10 wie im Sommer 2017 wettbewerbsfähiger geworden sind, ist die Bewertung des Frankens besser zu verkraften.

1.10 – eine schwierige Grenze

Ein Kurssturz deutlich unter den aktuellen Kurs wäre hingegen weiterhin problematisch: Von Schweizer Touristikern zum Beispiel ist zu vernehmen, dass man Werte von unter 1.10 als «schwierig» erachten würde. Das gelte vor allem dann, wenn es zu einer sehr raschen Aufwertung kommen würde. Die Branche hat sich auf einen Durchschnittswert zwischen 1.10 und 1.15 Franken pro Euro eingestellt. Mit dem Verzicht auf Preisanpassungen hat sie bisher den Druck von der Währungsfront zu mildern vermocht. Auch in der Industrie konnte man die Frankenaufwertung der letzten Jahre besser meistern, als das befürchtet wurde. Dennoch gehen Schätzungen von bis zu 100’000 verlorenen Arbeitsplätzen aus.

Dass die Aufwertung Richtung 1.10 Franken pro Euro gerade in den letzten Tagen erfolgt ist, liegt an der Erwartung zu den Entscheiden der grossen Notenbanken in den nächsten Tagen. Die Europäische Zentralbank (EZB) informiert am Donnerstag über ihren weiteren geldpolitischen Kurs, die US-Notenbank (Fed) am Mittwoch in einer Woche. Von beiden wird eine weitere Öffnung der Geldschleusen erwartet. Entsprechendes haben die Präsidenten Mario Draghi von der EZB und Jerome Powell vom Fed bereits durchblicken lassen. Bei der EZB wird eine Zinssenkung weiter in den negativen Bereich entweder jetzt oder dann im Herbst erwartet – und dann auch erneute Wertpapierkäufe.

Noch tiefere Negativzinsen sind möglich

Beim Fed scheint eine Senkung des Leitzinses nächste Woche sogar schon beschlossene Sache zu sein. Die Frage ist nur noch, ob sie ihn um 0,25 oder gleich um 0,5 Prozent senkt. Neben der erwarteten Zinssenkung in den wichtigsten Währungsräumen setzt auch die Spekulation den Franken unter Druck, wonach US-Präsident Donald Trump aktive Massnahmen ergreifen könnte, um den Dollar zu schwächen, weil er sich an dessen hohem Wert stört.

Die Entwicklung des Frankenkurses in den letzten Monaten, die Rückkehr zu noch expansiveren geldpolitischen Massnahmen in anderen Ländern und die Unsicherheiten in Zusammenhang mit dem Handels- und einem möglichen Währungskrieg machen eine Entspannung beim Frankenkurs mittelfristig unwahrscheinlich. Die Analysten der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse halten deshalb künftig selbst eine weitere Absenkung des Leitzinses in den negativen Bereich für möglich. Die SNB selbst hält sich diese Option offen. Mit minus 0,75 Prozent ist dieser Satz schon jetzt so tief wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Erstellt: 23.07.2019, 13:27 Uhr

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