Netflix verliert seine beliebtesten Serien

Der Streaming-Dienst bekommt bald starke Konkurrenz durch Apple, Disney und weitere Anbieter – zum Teil zu wesentlich tieferen Preisen.

Kommt immer noch an: Die Serie «Friends», die von 1994 bis 2004 produziert wurde. Foto: Getty Images

Kommt immer noch an: Die Serie «Friends», die von 1994 bis 2004 produziert wurde. Foto: Getty Images

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Der Vorsprung von Netflix ist gewaltig. 151 Millionen Abonnenten zählt der Streaming-Dienst weltweit – davon 60 Millionen in den USA. Damit ist die ehemalige Versandvideothek im bezahlten Streaming-Geschäft die klare Nummer eins. Ausruhen darf sie sich deswegen aber nicht. Denn der Tech-Riese Apple, der Unterhaltungsgigant Disney sowie die Mediensparte WarnerMedia des Telecomkonzerns AT&T lancieren demnächst Streaming-Plattformen.

«Mit dem Einstieg von Apple, Disney und WarnerMedia wird sich der Streaming-Krieg verschärfen», sagt Aktienanalyst Tuna Amobi vom Researchhaus CFRA im Gespräch. Die Markteinsteiger wollen vom lukrativen Streaming-Geschäft ein Stück abschneiden und Netflix Kunden abjagen. Wie ernst es der Konkurrenz ist, zeigen die jüngsten Nachrichten.

Apple holt grosse Namen

Der iPhone-Hersteller nimmt gemäss der «Financial Times» 6 Milliarden Dollar in die Hand, um Filme und Serien zu produzieren. Entsprechend hochkarätig ist das Aufgebot. In der Serie «The Morning Show» stehen beispielsweise die Hollywoodgrössen Jennifer Aniston, Reese Witherspoon sowie Steve Carell vor der Kamera. Ebenfalls unter Vertrag sind Starregisseur Steven Spielberg und Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey. Gemäss dem Nachrichtenportal Bloomberg dürfte Apple TV+ im November lanciert werden und pro Monat 9.99 Dollar kosten.

Noch günstiger ist Disney. Disney+ soll in den USA 6.99 Dollar kosten und ab dem 12. November verfügbar sein. Der Preis ist eine Kampfansage an Netflix, verlangt der Branchenleader doch mindestens 12.99 Dollar. Im Gegensatz zu Apple setzt der Disney-Konzern aber weniger auf Staraufgebot und neue Formate, sondern auf das eigene Archiv. Zum Konzern gehören unter anderem das Superheldenuniversum «Marvel», das Filmstudio Pixar sowie die Science-Fiction-Franchise «Star Wars». Ebenfalls zu Disney gehören die Sportsender von ESPN sowie die Streaming-Plattform Hulu.

Im März hat Disney zudem für 71,3 Milliarden Dollar das Medienunternehmen 21st Century Fox übernommen. Entsprechend werden alle dreissig Staffeln von «The Simpsons» auf Disney+ verfügbar sein. Laut Joe Bonner, Aktienanalyst von Argus Research, ist das Archiv ein grosser Vorteil für den Konzern. «Disney hat ausserdem Jahr für Jahr den grössten Marktanteil bei den Kinofilmen», sagt er im Gespräch. Der Konzern wisse, wie man erfolgreichen Stoff für die Leinwand produziere.

Netflix verliert Zugpferde

Einen Vorgeschmack auf den intensiveren Wettbewerb hat Netflix im Sommer erhalten. Im Juni wurde publik, dass die Plattform die Serien «The Office» und «Friends» verlieren wird. Ab 2021 wird «The Office» beim zu lancierenden Streaming-Angebot von Comcasts NBC-Universal im Angebot sein. «Friends» wird bereits ein Jahr vorher zur neuen Streaming-Plattform HBO Max von WarnerMedia wechseln. Für Netflix ist das ein Problem. Kein Format wird auf Netflix mehr geschaut als die zwei Serien.

Enttäuschend fielen zudem die Zahlen zum zweiten Quartal aus. Zum ersten Mal seit 2011 verbuchte Netflix in den USA einen Rückgang bei der Anzahl der Abonnenten. Hinter den Erwartungen blieb aber auch das internationale Wachstum zurück. Anstelle eines Plus von 4,8 Millionen resultierte ein Zuwachs von nur 2,8 Millionen Abonnenten. Das Unternehmen begründete die Entwicklung mit einem schwachen Lineup im zweiten Quartal sowie der im Frühling durchgeführten Preiserhöhung. Der Rückgang sei kein Grund zur Sorge, schreiben die Aktienanalysten von Bank of America in einem Kommentar. Die bisherige Entwicklung der Zahl der Abonnenten im dritten Quartal stimme zuversichtlich, auch wegen der jüngsten Staffel von «Stranger Things». Laut Netflix haben in den vier Tagen nach der Lancierung in den Vereinigten Staaten 40,7 Millionen Abonnenten «Stranger Things» gesehen – für die Streaming-Plattform ein Rekord.

Solche Erfolge braucht das Unternehmen auch in Zukunft. «Denn die entscheidende Frage ist, ob Netflix genügend interessante Inhalte produzieren kann, um die Abonnenten vom Abwandern abzuhalten», sagt Bonner. Zwei Indikatoren helfen beim Beantworten dieser Frage. Im laufenden Jahr wurden Produktionen von Netflix für 117 Emmys nominiert. Damit ist Netflix zwar hinter HBO nur die Nummer zwei, doch es ist bemerkenswert für ein Unternehmen, dessen erste eigene Serie – «House of Cards» – 2013 zu flimmern begann. Netflix kann also Qualität produzieren.

Die Streaming-Plattform produziert aber auch Quantität. Im laufenden Jahr wird Netflix etwa 15 Milliarden Dollar für die Produktion von Serien und Filmen ausgeben – deutlich mehr als die Konkurrenz. Hinzu kommen Marketingausgaben in der Höhe von 2,9 Milliarden Dollar. Damit strapaziert das Unternehmen aber die Bilanz. Seit Jahren negativ ist der freie Geldfluss. Da Netflix eigene Inhalte produzieren muss, um mit den Archiven von Disney & Co. mithalten zu können, wird sich daran kurzfristig nichts ändern. «Netflix wird auch in den nächsten Jahren Geld verbrennen», sagt Amobi.

Solange das Wachstum hoch genug ist und die Verschuldung der Bilanz nicht ausser Kontrolle gerät, geht die Strategie auf. So konnte Netflix auch bisherige Konkurrenten wie Amazon in Schach halten. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 55 für das nächste Jahr sind die Titel hoch bewertet. Netflix geniesst zwar den Vorteil des Marktführers und hat auf die künftige Konkurrenz einen grossen Vorsprung, der richtige Test steht mit dem Markteintritt von Apple und Disney aber erst noch bevor. Ein Investment ist entsprechend eine Wette, ob Netflix den Angriff abwehren kann.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 22.08.2019, 14:17 Uhr

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