Plötzlich wertet sich der Franken wieder auf

Die Zinspolitik und Konjunkturängste wirken sich überraschend deutlich aus. Die Frage ist: Wann greift die Nationalbank ein?

Die Schweizerische Nationalbank hat im vergangenen Jahr viel weniger Fremdwährungen gekauft als zuvor: SNB-Präsident Thomas Jordan am Jahresend-Mediengespräch 2018. Foto: Keystone

Die Schweizerische Nationalbank hat im vergangenen Jahr viel weniger Fremdwährungen gekauft als zuvor: SNB-Präsident Thomas Jordan am Jahresend-Mediengespräch 2018. Foto: Keystone

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Der Franken steht wieder unter Aufwertungsdruck. Am Dienstag vor einer Woche kostete ein Euro nur 1.1225 Franken. Heute Donnerstag befindet er sich unter 1.12 Franken pro Euro.

Über 1 Prozent verloren: Der Frankenkurs zum Euro der letzten Woche. Grafik: finanzen.ch

Die Umkehr in der geldpolitischen Grosswetterlage und wiedererstarkte Konjunkturängste sind die Ursachen. Der Franken profitiert davon, dass der Euro erneut an Anlegergunst verliert und gleichzeitig der Dollar darunter leidet, dass sich die – wenn auch bescheidenen – Zinsfantasien zerschlagen haben. So ereignete sich der vorerst letzte Aufwertungsschub für den Franken am letzten Freitag, als die Zinskurve in den USA invers wurde, langfristige Anleihen also plötzlich tiefer rentierten als kurzfristige Geldmarktsätze.

Parallel zum Rohölpreis

«Dass der Franken-Euro-Wechselkurs fällt, spiegelt die Konvergenz der globalen Zinslandschaft», sagt Kamal Sharma, Devisenstratege von Bank of America ML in London. Die Zinsen bewegten sich zurück in Richtung der Finanzierungswährungen – Tiefzinswährungen zur Finanzierung von Carry Trades – wie dem Yen und dem Franken. Davon profitierten beide.

Auf der anderen Seite, erläutert Sharma, schwächten die enttäuschenden Konjunkturaussichten kaum eine andere Währung so sehr wie den Euro. Zusätzlich spiele noch die eine oder andere Brexit-Absicherung eine Rolle und lasse den Franken sich gegenüber der Gemeinschaftswährung aufwerten.

Wie eng die Konjunkturängste den Franken beeinflussen, zeigt sich daran, dass er sich seit letztem Sommer parallel zum Rohölpreis bewegt. Jedes Mal, wenn der Fasspreis deutlich sinkt, ist das ein Signal dafür, dass sich die Weltkonjunktur abschwächen dürfte, was wiederum zu Verlusten an den Aktienmärkten führt. Jedes Mal fällt daraufhin der Franken-Euro-Kurs. Die Beziehung funktioniert auch umgekehrt: Kehrt die Risikobereitschaft der Anleger zurück, weil die Konjunkturdaten besser ausfallen und Öl teurer wird, gewinnt auch der Euro und der Franken schwächt sich ab.

Ölpreis und Franken

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Die Reaktion ist nun markant ausgefallen. Das hat auch damit zu tun, dass sie für viele Anleger überraschend kam. In den letzten Wochen waren so viele Investoren «Short Franken» und gleichzeitig «Long Öl» positioniert wie lange nicht mehr. Das zeigen die Statistiken der Terminbörse in Chicago. Die schlechten Konjunkturdaten und die zinspolitische Kehrtwende in Europa und Amerika zwingen nun viele, ihre Engagements aufzulösen.

Weltweite Frankennachfrage

Wie lange die Schweizerische Nationalbank (SNB) zuschaut, bevor sie am Devisenmarkt interveniert, ist eine offene Frage. Die meisten Analysten erwarten eine erste Gegenwehr nur, falls der Wechselkurs unter 1.10 Franken/ Euro fällt. Dass sie bereit steht, hat sie an ihrer Lagebeurteilung letzte Woche aber bekräftigt. Seit zwei Jahren hält sie sich zurück.

SNB interveniert nicht mehr

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Vergangenes Jahr erwarb sie nur noch für 2,3 Milliarden Franken Devisen. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das «Peanuts». Die Währungsreserven machen 16 Prozent des Bruttoauslandvermögens der Schweiz aus, das sich Ende 2018 auf 4785 Milliarden Franken belief (vgl. Grafik). Das gab die SNB diese Woche bekannt. Rechnerisch beläuft sich das Pro-Kopf-Auslandvermögen damit auf 564'000 Franken (vgl. Tabelle).

Aufteilung des Schweizer Auslandvermögens

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Auslandvermögen der Schweiz

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Der Leistungsbilanzüberschuss weitete sich 2018 um 21 auf 71 Milliarden Franken aus. Die Schweiz bleibt also mit einem riesigen weltweiten Frankenbedarf konfrontiert, der den Kurs tendenziell antreibt. Bis 2017 musste die SNB massiv Franken verkaufen, um ein Gleichgewicht herzustellen. 2018 floss indes ohne SNB-Hilfe netto Kapital ab und dämpfte die Aufwertung. So bewirkte die US-Steuerreform, dass US-Konzerne hierzulande die Bilanz kürzten. Interessant ist, welche Kräfte fortan den strukturellen Aufwertungsdruck kontern.

Erstellt: 28.03.2019, 16:24 Uhr

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