Schluss mit Shareholder-Value – das wahre Motiv der US-Bosse

Grosskonzerne schwören neu auf «richtige» Werte. Eigentlich haben sie einfach ein grosses Problem, das sie lösen müssen.

Die Absicht der Manager: Künftig sollen die Interessen aller Stakeholder gleichermassen berücksichtigt werden. Foto: Orbon Alija/iStock/Getty

Die Absicht der Manager: Künftig sollen die Interessen aller Stakeholder gleichermassen berücksichtigt werden. Foto: Orbon Alija/iStock/Getty

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Rund 200 Chefs der grössten US-Konzerne fordern eine Abkehr von der Shareholder-Value-Doktrin, die sie selbst in den letzten Jahrzehnten zu ihrer Handlungsanleitung gemacht haben. Die Doktrin besagt in kürzester Form: Die Steigerung des Aktienwerts einer Unternehmung geht über alles. In der Praxis hiess das oft, dass die Unternehmenschefs alles getan hatten, was die Aktie rasch hochtrieb, auch wenn das langfristig dem Unternehmen und selbst dem Aktienkurs schadete: Beispiele dafür sind Aktienrückkäufe, welche die Verschuldung des Unternehmens erhöhen; kreative Buchungsmethoden, die den Gewinn besser aussehen lassen; Grossfusionen, mit denen grosse Synergien versprochen werden, die langfristig aber oft scheitern; andere hochriskante Investitionen oder einfach Steuertricks.

Auf den ersten Blick kommt der verkündete Prioritätenwandel einer Reihe der mächtigsten CEOs der Welt einer kleinen Revolution gleich. Doch was ist dieses Bekenntnis wert? Was wollen die Konzernlenker denn real ändern? In ihrer Verlautbarung ist dazu nichts zu lesen. Im nur eine A4-Seite umfassenden Text finden sich einzig hehre Grundsätze.

Der erste Satz lautet wie folgt: «Die Amerikaner verdienen eine Wirtschaft, die jeder Person erlaubt, durch harte Arbeit und Kreativität ein Leben mit Sinn und Würde zu führen.» Dann folgt ein Bekenntnis zu einem freien Marktsystem, das am besten für Jobs, eine starke und nachhaltige Ökonomie, Innovationen, eine gesunde Umwelt und Möglichkeiten für alle sorge. Überdies würden die Unternehmen für all diese Entwicklungen eine vitale Rolle spielen.

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Darauf folgt dann eine Aufzählung all jener Stakeholder, die nun ebenso viel Beachtung finden sollen wie die Aktionäre. Die Erwartungen der Konsumenten werde man «in der Tradition von US-Unternehmen» weiterhin erfüllen oder sogar übertreffen. Man werde die Beschäftigten fair bezahlen und sie durch Training und Weiterbildung unterstützen. Auch mit den Anbietern wolle man fair und ethisch umgehen. Die Kommunen im Umfeld wolle man unterstützen und die Umwelt schützen. Zum Schluss kommen dann doch noch die Aktionäre – die eigentlichen Besitzer der Unternehmen –, denen man Transparenz und eine echtes Engagement mit ihnen verspricht.

Das wahre Motiv

Bei diesem Text wundert es wenig, dass ihn rund 200 Konzernchefs unterschrieben haben. Wer könnte schon dagegen sein? Es ist eher verwunderlich, dass sich die Konzernchefs verpflichtet sehen, solche Prinzipien – die man für selbstverständlich halten würde – als revolutionären Sinneswandel zu verkaufen.

Wenn jemand sich plötzlich zu Prinzipien bekennt, die für sein Handeln eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müssten, dann ist dahinter ein Glaubwürdigkeitsproblem zu vermuten. Und ein solches ist der wahre Grund für den Vorstoss der mächtigen Wirtschaftsführer.

Immer grössere Anteile der Bevölkerung, vor allem in den USA, halten das bisherige System für gescheitert. Das Versprechen, dass es die jeweils nächste Generation besser hat als die letzte, wird nicht mehr eingelöst. Immer mehr Menschen glauben, dass der US-Kapitalismus vor allem einigen wenigen auf Kosten einer Mehrheit nützt. Einen Hinweis darauf sehen sie in einer massiv wachsenden Ungleichheit und extrem hohen Löhnen der Wirtschaftsführer. Die Wahl von Donald Trump ist ein Ergebnis dieses Misstrauens gegen die Eliten – auch die wirtschaftlichen Eliten. Gleichzeitig fürchten sich die Firmenchefs vor Erfolgen von Politikern aus dem linken Lager der Demokratischen Partei wie Elizabeth Warren, Bernie Sanders oder Alexandria Ocasio-Cortez, die schon deutlich gemacht haben, dass sie die Macht der Grosskonzerne beschneiden wollen.

Drohende Beschränkungen der Konzerne

Ob man die linke oder die rechte Seite des politischen Spektrums in den USA ins Auge fasst, Konzernchefs haben ein schlechtes Image. Selbst unter Ökonomen spricht man im Zusammenhang mit den grossen Internetkonzernen von Superstarfirmen, die ihre Macht in einer Art zu sichern versuchen und vermögen, dass Konkurrenten kaum mehr eine Chance haben. Deshalb wird bereits öffentlich über eine Aufspaltung von Firmen wie Facebook debattiert, und Vorstösse zu einer stärkeren Regulierung sind weltweit schon eingereicht worden.

Unbeliebt sind aber auch andere mächtige Unternehmen, wie jene aus der Pharmabranche. Der Chef des weltweit grössten Pharmakonzerns Pfizer, Albert Bourla, zählt zu den Unterzeichnern der Konzernchef-Proklamation. Auch in den USA ist die Ansicht weit verbreitet, dass diese Konzerne für ihre Medikamente – von denen für viele Menschen das Überleben abhängt – zu hohe Preise verlangen, sodass sie sich viele gar nicht leisten können.

Mitunterzeichner der angeblich neuen Doktrin: Der Chef der Grossbank J.P. Morgan Chase, Jamie Dimon. Foto: Lucas Jackson/Reuters

Ein Imageproblem haben auch die Banken. Sie haben die Finanzkrise verursacht, unter der das Land – und die Welt – auch zehn Jahre später noch leidet. Dass ausgerechnet der Chef der Grossbank J.P. Morgan Chase, Jamie Dimon, einer der Hauptpromotoren des Vorstosses der Konzernchefs ist, macht das Vorgehen zumindest verdächtig. Wenige hatten schon in den Jahrzehnten vor der Krise einen ähnlich grossen Einfluss auf die Finanzbranche wie Dimon. Auch J.P. Morgan Chase leitete er schon zuvor als CEO und Verwaltungsratspräsident in Personalunion. Gegen die Regulierungen für die Banken im Nachgang der Krise hat er sich lauthals zur Wehr gesetzt. Und auch nach der Krise zählte Dimon zu den bestverdienenden Managern selbst der Bankenbranche, die für besonders hohe Zahlungen bekannt ist. Im Jahr 2013 kam er auf ein Gehalt von 20 Millionen Dollar.

Während der Druck aus der Politik auf die Unternehmenschefs deutlich gewachsen ist, zeichnet sich nicht ab, dass diese über hehre Bekenntnisse hinaus tatsächlich etwas ändern werden. Abgesehen von der Angst vor der Politik und Regulierungen haben sie auch kaum Anreize dazu. Ausserdem verdanken die Unterzeichnenden alle exakt jener Kultur ihren Aufstieg und ihre Macht, die sie jetzt über Bord werfen wollen.

Erstellt: 21.08.2019, 15:56 Uhr

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