Verhängnisvolles Schweigen bei Boeing

Der US-Flugzeughersteller deaktivierte bei der Boeing 737 Max ein wichtiges Warnsystem, das ursprünglich in jeder Maschine vorhanden war. Ohne darüber zu informieren.

Sicherheit nur gegen Aufpreis: Eine Boeing 737 MAX in einem Boeing-Werk in Renton, USA. (Reuters/Archiv)

Sicherheit nur gegen Aufpreis: Eine Boeing 737 MAX in einem Boeing-Werk in Renton, USA. (Reuters/Archiv)

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Die amerikanische Flugaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) hat offenbar bereits im vergangenen Jahr erwogen, ein Flugverbot für die Boeing 737 Max zu erlassen. FAA-Inspektoren haben den Schritt nach Recherchen des «Wall Street Journal» erstmals nach dem Absturz der Lion-Air-737 vom 29. Oktober in Betracht gezogen. Allerdings seien diese internen Diskussionen nach kurzer Zeit wieder beendet worden und hätten die Führungsebene der Behörde nicht erreicht.

Nach zwei Abstürzen von Maschinen der Max-Baureihe gilt für das Modell seit dem 14. März ein weltweites Flugverbot. Bei den Unfällen der Lion Air (Oktober 2018) und Ethiopian Airlines (10. März) waren 346 Menschen ums Leben gekommen. Eine bei der neuen 737-Version eingeführte Software namens Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), die Flugeigenschaften der Max an die der Vorgängerversion angleichen soll, hat gemäss der vorläufigen Untersuchungsberichte eine entscheidende Rolle gespielt.

Die internen FAA-Diskussionen hatten sich dem Bericht zufolge aber nicht am MCAS-System entzündet. Vielmehr hatte sich nach dem Lion-Air-Absturz herausgestellt, dass Boeing mit der Einführung der 737 Max im Jahr 2017 eine Warnmeldung deaktiviert hatte, die ursprünglich noch Serienstandard war. Das Signal warnt Piloten, wenn die beiden Sensoren, die den Anstellwinkel zwischen dem Flügel und der anströmenden Luft messen, voneinander abweichende Daten liefern. Bei der Max ist diese Funktion zwar verfügbar, die Fluggesellschaften müssen sie aber extra bestellen. Vor allem aber hatte Boeing offenbar den Kunden nichts von der Änderung gesagt. So stellte sich heraus, dass Southwest Airlines nicht wusste, dass ihre Piloten diese Information nun nicht mehr hätten – die Airline hatte das Feature zunächst nicht extra bestellt. Auch die Handbücher der Fluggesellschaft waren damit nicht mehr korrekt.

Warnfunktion wurde mittlerweile nachgerüstet

Mittlerweile hat Southwest die Warnfunktion nachgerüstet. Falsche Daten eines Sensors stehen bei beiden Unfällen im Verdacht, die verhängnisvolle Kette der Ereignisse mit ausgelöst zu haben. Die Piloten des Ethiopian-Airlines-Jets benötigten nach dem Start rund vier Minuten, um zu verstehen, dass eine Fehlfunktion vorlag. Ein Warnsignal hätte ihnen womöglich mehr Zeit eingeräumt, sich mit dem Problem zu befassen und gegenzusteuern. MCAS hatte mutmasslich auf Basis falscher Daten die Nase des Flugzeuges nach unten gedrückt. Die Piloten hatten, so legt es der Unfallbericht nahe, zunehmend die Übersicht verloren. Am Ende war das Flugzeug mit viel zu hoher Geschwindigkeit unterwegs, für die die Maschine nicht zugelassen war und bei der sich die Steuerflächen nicht mehr manuell verstellen liessen.

Mittlerweile bereitet die FAA den Neustart der Max-Flüge vor. Für den 23. Mai hat sie Vertreter der wichtigsten internationalen Luftfahrtbehörden nach Washington eingeladen, um sie über die eigenen Analysen zu informieren. Boeing will bis dahin auch die endgültige Version der modifizierten MCAS-Software zur Genehmigung vorgelegt haben, die die Wirkweise des Systems deutlich einschränkt. Die FAA hofft darauf, dass andere wichtige Zulassungsbehörden wie die European Aviation Safety Agency (EASA) Flüge der Max zeitgleich wieder freigeben. Jedoch haben die EASA und andere angekündigt, ihre eigenen tief greifenden Analysen durchführen zu wollen. In den USA sind American, Southwest und United die drei grössten Betreiber des Flugzeuges. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.04.2019, 17:38 Uhr

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