Zum Hauptinhalt springen

«Das Fed verbrennt Munition, die es vielleicht noch benötigt»

Nach der überraschenden und heftigen Zinssenkung der US-Notenbank tauchten die US-Aktien. Anders das Bild in Europa.

Hier gings gestern Abend trotz Zinssenkung abwärts: Händler an der New Yorker Börse. Foto: Reuters
Hier gings gestern Abend trotz Zinssenkung abwärts: Händler an der New Yorker Börse. Foto: Reuters

Nach dem Ausverkauf der vergangenen Woche kehren weitere Anleger in die europäischen Aktienmärkte zurück. Zwiespältige Gefühle nach der überraschenden, drastischen US-Zinssenkung dämpften ihre Kauflaune allerdings. Die meisten Indizes legen bis Mittag gut ein Prozent zu.

Der Versuch der Notenbank Fed, die Stimmung zu stabilisieren, sei fehlgeschlagen, sagte Anlagestratege Kerry Craig von der Vermögensverwaltung der US-Bank JPMorgan. «Die Schärfe der Reaktion und der ausserplanmässige Zeitpunkt kann als Zeichen gewertet werden, dass die Fed besorgter ist als gedacht.» Frank Dixmier, Anleihechef des Vermögensverwalters Allianz Global Investors, bezweifelte, dass Zinssenkungen das richtige Rezept zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie sind. «In der Zwischenzeit verbrennt das Fed Munition, die es im Falle einer schweren Rezession vielleicht noch benötigt.»

Und was tut nun die EZB?

Effektiver seien derzeit Konjunkturprogramme der Regierungen, sagte Andrew Gillian, Finanzmarkt-Experte beim Vermögensverwalter Janus Henderson. Die Telefonkonferenz der Finanzminister und Zentralbankchefs der sieben grössten Industriestaaten (G7) habe zwar bislang kaum mehr als warme Worte gebracht, sagte Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. «Aber das heisst natürlich nicht, dass nichts kommt. Das Virus lässt alle stärker zusammenrücken.»

Die EZB hält in Sachen Zinsen vorerst still. Sie kam am Dienstagabend zwar zu einer ausserordentlichen Telefonkonferenz zusammen, um die Lage zu bewerten, wie Reuters von Insidern erfuhr. Demnach diskutierte der EZB-Rat operative Fragen, eine geldpolitische Antwort sei jedoch nicht auf der Agenda gewesen. Ein Notenbank-Sprecher lehnte am Mittwoch eine Stellungnahme ab.

Hilfen für Unternehmen

Die nächste reguläre Zinssitzung des EZB-Rats ist für den 12. März in Frankfurt anberaumt. Insidern zufolge arbeiten die Währungshüter daran, spezielle Liquiditätsspritzen für kleinere und mittlere Unternehmen aufzuziehen, um Finanzierungsengpässe zu verhindern.

An der EZB-Telefonkonferenz sei darüber gesprochen worden, wie das Finanzsystem bislang die Virus-Krise verkrafte, sagten die mit der Situation vertrauten Personen. Auch die Frage, wie die EZB und die 19 nationalen Euro-Notenbanken im Stressfall kooperieren sollten, sei Thema gewesen. Zwar gebe es derzeit keine Anzeichen für Liquiditätsprobleme. Und auch eine erhöhte Bargeldnutzung lasse sich nicht feststellen. Es sei aber besprochen worden, wie die Währungshüter auf derartige Stresssignale reagieren würden. Anders als die US-Notenbank Fed hat die EZB bei den Zinsen nicht mehr viel Spielraum. Ihr Leitzins liegt bereits auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent.

Und die anderen Notenbanken?

Mit Spannung warten Experten nun auf die am Nachmittag (16.00 MEZ) anstehende Zinsentscheidung der Notenbank von Kanada: Der nördliche Nachbar der Vereinigten Staaten ist neben den USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien Mitglied der G7. Die Notenbank in Ottawa hatte den Leitzins zuletzt bei 1,75 Prozent belassen, die Tür für eine Senkung jedoch offen gelassen.

Während andere Notenbanken noch über weitere Massnahmen nachdenken, ist Hongkong dem US-Vorbild geldpolitisch gefolgt. Der Leitzins wurde von 2,0 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, wie die Hongkong Monetary Authority (HKMA) am Mittwoch mitteilte. «Die Entwicklung der Epidemie ist immer noch sehr unsicher, es wird weiterhin eine sehr grosse Volatilität auf den Finanzmärkten geben», betonte die Behörde. Hongkongs Geldpolitik bewegt sich im Gleichschritt mit der amerikanischen. Grund dafür ist, dass die Währung der chinesischen Sonderverwaltungszone in einer engen Spanne von 7,75 bis 7,85 an den Dollar gekoppelt ist.

Goldpreis steigt

Die Weltbank hat unterdessen Soforthilfen in Höhe von zwölf Milliarden Dollar im Kampf gegen die Virus-Epidemie angekündigt. Damit sollten Staaten bei der Bewältigung der medizinischen und wirtschaftlichen Folgen des Ausbruchs unterstützt werden, sagte Weltbank-Präsident David Malpass am Dienstag.

Aus Verunsicherung über die Beurteilung des Fed-Coups schichteten Investoren weiteres Geld in als sicher geltende Staatsanleihen um. Dies drückte die Rendite der zehnjährigen US-Bonds erstmals unter die Marke von einem Prozent.

Am Rohstoffmarkt behauptete Gold nach dem grössten Tagesgewinn seit dreieinhalb Jahren seine jüngsten Gewinne und kostete 1639,71 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Sollte sich bei Investoren die Einschätzung durchsetzen, dass die Fed ähnlich wie die Europäische Zentralbank (EZB) oder die Bank von Japan (BoJ) die geldpolitischen Zügel langfristig locker lassen wird, werde die bisherige Rekordmarke von 1920,30 Dollar über kurz oder lang fallen, prophezeite Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses AvaTrade.

Reuters/cpm

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch