«Derzeit zahlen rund 2500 unserer Kunden Negativzinsen»

ZKB-Chef Martin Scholl nennt erstmals die Zahl der Betroffenen und verteidigt die Zinspolitik seiner Bank.

«Ich habe jeden Tag Freude und noch viel vor»: Der 58-jährige ZKB-Chef Martin Scholl über seinen Beruf. Foto: Sabina Bobst

«Ich habe jeden Tag Freude und noch viel vor»: Der 58-jährige ZKB-Chef Martin Scholl über seinen Beruf. Foto: Sabina Bobst

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Die ZKB hat bei einzelnen Kunden die Freigrenze für Negativzinsen auf 100'000 Franken gesenkt. Warum?
Der von Ihnen vorgebrachte Fall ist ein Einzelfall. Wenn die Leser den Kunden kennen würden und wüssten, in welchem Beruf er arbeitet und was er im Beratungsgespräch gesagt hat, dann würden sie sich fragen, warum dieser Kunde überhaupt einen Freibetrag hat. Es ist nicht die Politik der ZKB, ab 100'000 Franken ­Negativzinsen zu erheben. Ich möchte mich bei allen Kunden entschuldigen, die durch die ­Berichterstattung verunsichert worden sind.

Wir wissen von zwei Kunden, die ab 100'000 Franken ­Negativzinsen zahlen. Mehr als die beiden gibt es nicht?
Ob es andere gibt, weiss ich nicht. Die Politik der Bank ist klar. Wir sind auf langfristige Kundenbeziehungen ausgerichtet, deshalb gibt es uns seit 150 Jahren. Das Thema der Freigrenze ist eine ­individuelle Frage. Ein Beispiel: Wenn ein Kunde zur ­Postfinance gegangen ist, weil er dort ­bessere Zinsen bekam, und nun zu uns zurückwill, ist klar, dass wir ihn anders als unsere Stammkunden behandeln. Wenn es nur um das Parken von Liquidität geht, kann es sein, dass es weitere Fälle gibt.

Und wie viele Kunden zahlen Negativzinsen?
Als sie 2015 eingeführt worden sind, waren bei uns rund 600 Kunden betroffen. Jetzt ist klar, dass die Negativzinsen lange bleiben werden. Daher verschärfen alle Institute ihre Regimes, auch wir. Das führt dazu, dass viel Geld zwischen den Banken hin- und herfliesst. Derzeit zahlen etwa 2000 bis 2500 unserer Kunden Negativzinsen. Wir haben aber insgesamt eine Million Kunden. Sie sehen, nur ein Bruchteil ist betroffen, es gibt keinen Grund zur Unruhe.

Rührt diese Unruhe nicht daher, dass unklar ist, wer wann Strafzinsen zahlen muss?
Die publizierten Limiten helfen nur den Vergleichsdiensten und schaffen eine Pseudo-Transparenz. Ich kann Ihnen bei allen Banken mit bekannten Limiten x Ausnahmefälle nennen. Was nützen publizierte Limiten, wenn es hinterher Hunderte von Ausnahmen gibt?

Wenn also morgen ein Kunde mit einem sechsstelligen Betrag kommt, den er nur parkieren will, dann werden ab 100'000 Franken Negativzinsen fällig?
Nein, es gibt keine Grenze bei 100'000 Franken. Die kann unter Umständen sogar bei null Franken liegen.

Aber der langjährige ­ZKB-Kunde, der ein Säule-­3a-Konto und vielleicht eine ­Hypothek hat und der einmal 100'000 Franken einzahlen will, der bleibt verschont?
Ja, und der kann auch eine Million auf dem Konto haben.

«Sollte die ­Notenbank ihre Negativzinsen ­verschärfen, müssen wir noch einmal über die Bücher.»

Aber Sie haben die Schwellen im Schnitt ja abgesenkt. Wann muss sich der Kleinsparer Sorgen machen?
Der muss sich überhaupt keine Sorgen machen. Sorgen sollte er sich eher über die Konsequenzen der Negativzinsen, etwa für die Altersvorsorge.

Verschärfen Sie die Freigrenzen weiter?
Im Moment planen wir keine weiteren Verschärfungen. Sollte die Notenbank aber ihre Negativzinsen verschärfen, müssen wir noch einmal über die Bücher.

Warum die Regelverschärfung? Die SNB hat doch die ­Freibeträge für Banken erhöht?
Das hat uns nur eine minime Entlastung gebracht.

Teilen Sie die Kritik an der Geldpolitik der SNB?
Bei der Einführung der Negativzinsen ging es darum, die Export- und Tourismusindustrie wettbewerbsfähig zu erhalten. Das hat geklappt. Jetzt, einige Jahre später, sieht man die negativen Folgen der Negativzinsen. Wir haben eine Fehlallokation von Investments im Immobilienmarkt, eine Unterversorgung mit Wohneigentum und Sorgen um die Altersvorsorge. Wir Banken wollen, dass auch über diese Aspekte diskutiert wird.

Sind die Risiken im Immobilien­sektor durch die jüngste ­Regulierung unter Kontrolle?
Die erste Selbstregulierung betraf das Wohneigentum. Dort sind die Gefahren gebannt. Mit dem Effekt, dass wir hier nun eine Unterversorgung haben. Promotoren verkaufen lieber Mehrfamilienhäuser an einen Investor, als für zehn Wohnungen je einen Käufer zu suchen. Daher werden zu viele Miet- und zu wenige Eigentumswohnungen gebaut. Zudem werden viele Mietwohnungen am falschen Ort gebaut. Und das birgt Risiken.

Wo liegen diese leer stehenden Wohnungen?
In Regionen wie dem Mittelland oder Solothurn und Bern stehen Mietwohnungen länger leer. In Zürich ist der Leerstand weiterhin minimst.

Sie sind seit zwölf Jahren an der Spitze der Bank. Wie lange bleiben Sie noch?
Ich habe jeden Tag Freude und noch viel vor. Aber logischerweise werde auch ich dereinst die Bank verlassen. Wie für alle Geschäftsleitungsmitglieder gibt es auch für mich eine Nachfolgeplanung.

Der Bankchef soll sein Team zusammenstellen können. Sollten daher nicht Sie den Anfang machen?
Das bleibt ein Geheimnis. Die Besetzung der Geschäftsleitung ist zudem nicht meine Aufgabe, sondern die des Bankrates.

«Wir müssen uns tatsächlich überlegen, ob unsere Gebühren noch passen.»

Wann kommt die erste Frau in die Geschäftsleitung?
Bei jeder Neubesetzung waren Frauen unter den Kandidaten, am Schluss hat man sich aber für andere entschieden. Die Auswahl ist nicht einfach: Die Kandidatinnen müssen einerseits über fundierte Bankkenntnisse verfügen und Deutsch können. ­Frauen aus dem angelsächsischen Raum fallen daher weg.

Was haben Sie in den nächsten zehn Jahren mit der ZKB vor?
Fintechs stellen uns vor Herausforderungen. Wie müssen wir unser Angebot und den Vertrieb neu ausrichten? Stimmen die Preise? Bei solchen Fragen müssen wir mutiger werden.

Der Online-Anbieter Revolut gewinnt rasant Kunden.
Bei uns werden sie seit einigen Wochen auch so einfach Kunde wie bei Revolut. Aber bei den Gebühren müssen wir uns tatsächlich überlegen, ob sie noch ­passen. Wir werden die Karten nie gratis abgeben, aber müssen günstiger werden.

Bei den Auslandsgebühren ist der Unterschied riesig.
Das ist ein Thema, das wir lösen müssen.

Droht ein Filialensterben?
An den grösseren Standorten werden wir nichts ändern. Dann haben wir kleine Servicecenter, wo wir keine Beratung anbieten. Diese sind längerfristig nicht mehr haltbar. Hier wird es weitere Schliessungen geben. Aber wir bauen auch neue Filialen auf. Etwa in Stettbach oder im geplanten Hochschulquartier.

Wie viele Servicecenter fallen weg?
Die Zahl liegt im einstelligen ­Bereich.

Erstellt: 07.12.2019, 07:23 Uhr

Vom Stift zum Chef

Martin Scholl ist seit zwölf Jahren ZKB-Chef. Er hat bei der Bank einst als Lehrling begonnen. Die ZKB beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter. Mit einer Bilanzsumme von 170 Milliarden Franken gehört sie zu den grössten Banken der Schweiz. Der 58-Järhige ist ver­heiratet und hat zwei Kinder. (red)

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