Ein radikaler Vorschlag von Philipp Hildebrand

Die aktuelle Geldpolitik sei ausgeschossen, verkünden der frühere SNB-Präsident und Mitstreiter. Ihr Alternativplan birgt allerdings ein grosses Risiko.

Die Notenbanken sollen direkt die Staaten finanzieren: Philipp Hildebrand und weitere Geldtheoretiker lassen aufhorchen. Foto: Reuters

Die Notenbanken sollen direkt die Staaten finanzieren: Philipp Hildebrand und weitere Geldtheoretiker lassen aufhorchen. Foto: Reuters

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Herausforderungen für die Geldpolitik (Challenges for Monetary Policy) – so lautet das Motto des heute in Jackson Hole beginnenden Notenbankertreffens. Von der Schweizerischen Nationalbank reist Vize Fritz Zurbrügg in die USA. Wie gross diese Herausforderungen wirklich sind, davon zeugt eine Kurzstudie des Investmenthauses Blackrock, die im Vorfeld des Treffens bereits grösste Aufmerksamkeit erregt. Einer der Autoren ist Philipp Hildebrand, Ex-Präsident der Schweizerischen Nationalbank.

Die Studie verkündet unverblümt, dass die Geldpolitik weltweit ihr Limit erreicht hat. Das ist besonders deshalb ein Drama, weil Indikatoren auf eine starke Eintrübung der Weltkonjunktur hinweisen. Die Autoren machen deshalb einen radikalen Vorschlag: Die Notenbanken sollen direkt die Staaten finanzieren, die das Geld dann in die Wirtschaft pumpen. So kann der nicht mehr funktionierende Weg über die (bereits rekordtiefen) Zinsen und das Bankensystem umgangen werden. Die Idee erinnert stark an frühere Ideen von sogenanntem «Helikoptergeld», die ebenfalls eine direkte Finanzierung der Wirtschaft durch die Notenbank vorsahen.

Brisant ist die Kurzstudie besonders deshalb, weil sie von äusserst einflussreichen ehemaligen Notenbankern verfasst wurde. Es ist anzunehmen, dass die Einschätzung der Ex-Kollegen auch von amtierenden Notenbankchefs geteilt wird, diese es sich aber nicht leisten können, das offen zu sagen – allein schon, weil das ihre aktuelle Zinspolitik vollkommen unglaubwürdig machen würde.

Autoren mit grossem Gewicht

Ein Mitautor von Philipp Hildebrand, dem Vorgänger von Thomas Jordan als Präsident der Nationalbank und jetzigen Blackrock-Vize, ist Stanley Fischer, Ex-Vize der US-Notenbank Fed und des Internationalen Währungsfonds, Ex-Notenbankchef Israels und Doktorvater von Notenbankern wie Mario Draghi (Präsident der Europäischen Zentralbank) und von Ex-Fed-Chef Ben Bernanke. Auch Mitautor Jean Boivin war einst Vize der kanadischen Notenbank und leitet aktuell das Blackrock Investment Institute. Einzig Autorin Elga Bartsch, die Leiterin des Blackrock Macro Research, war keine Notenbankerin.

Die Idee des «Helikoptergeldes» stammt ursprünglich vom 2006 verstorbenen Milton Friedman, der sie bereits 1969 formuliert hatte. 2002 wurde sie von Ben Bernanke erneut als theoretische Möglichkeit der Geldpolitik aufgegriffen. Der Name kommt daher, dass Friedman die direkte Finanzierung der Allgemeinheit mit dem Abwurf von Noten aus einem Helikopter verglich.

In ihrem Positionspapier verweisen Philipp Hildebrand und seine Mitautoren auf die Risiken einer solchen Strategie: Damit sei die Gefahr einer gigantischen Inflation verbunden, wie das Experiment in Deutschland zu Beginn der 1920er-Jahre gezeigt habe oder vor kurzem die Versuche damit in Zimbabwe oder Argentinien: In allen Fällen resultierte eine Hyperinflation, die das Geld komplett wertlos gemacht hat.

Kriterien zur Verhinderung einer Hyperinflation

Deshalb schlagen Elga Bartsch und die drei Ex-Notenbanker strikte Bedingungen für eine direkte Finanzierung des Staates über die Notenbank vor: Erstens müsse genau festgelegt werden, unter welchen wirtschaftlichen Umständen diese Art der Finanzierung starten soll. Zweitens müssten die Notenbanken sich gemeinsam mit den Regierungen auf ein striktes Inflationsziel einigen, das durch die Ausgaben nicht überschritten werden darf. Drittens müsse ein Mechanismus dafür sorgen, dass die Staaten das Geld für produktive Zwecke einsetzen. Viertens brauche es eine klare Ausstiegsstrategie.

Im Papier ist die Rede von einer «Standing Emergency Fiscal Facility». Das bedeutet, die direkte Finanzierung von Staatsausgaben soll im Voraus als Notfallplan ausgearbeitet werden, auf den im Krisenfall sofort zurückgegriffen werden kann. Sobald sich die Wirtschaftslage aber wieder beruhigt und die Inflation zu steigen beginnt, soll das Programm wieder deaktiviert werden.

Politiker haben wenig zu sagen

Unter Ökonomen werden bereits die Schwachstellen dieses Plans debattiert. Ein zentraler Punkt ist, dass mit den Plänen die Unabhängigkeit zwischen Politik und Notenbanken stark geschwächt würde. Weil der Notfallplan vorsieht, dass die Notenbanker bei einer Aktivierung des Programms die Führung übernehmen, wird hier die Politik entmachtet und damit die demokratische Mitbestimmung auch bei den Staatsausgaben.

Dass solche Vorschläge in der Öffentlichkeit auf Akzeptanz stossen, dürfte bezweifelt werden. Schon die aktuelle Geldpolitik weckt in der Öffentlichkeit und der Politik Ängste und stösst auf wachsende Kritik. In Deutschland diskutieren Politiker bereits darüber, mögliche künftige Negativzinsen auf Sparkonten per Gesetz zu verbieten.

Doch viele bereits eingeführte, einst für unmöglich gehaltene Massnahmen der Notenbanken, wie Negativzinsen oder Käufe von Währungen und Finanzanlagen durch Notenbanken, hätte sich einst niemand gewünscht. Sie wurden zur Notwendigkeit, weil die Geldpolitik immer näher an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestossen ist. Wenn sie gänzlich ans Ende kommt – was die Studienautoren befürchten –, bleibt nichts mehr anderes übrig, als bisher für verrückt gehaltene Vorschläge mit in Betracht zu ziehen.

Erstellt: 22.08.2019, 14:25 Uhr

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