Zwiebeln könnten Modi in Indien den Wahlsieg kosten

Preissturz über 80 Prozent: Niedrige Agrarpreise verärgern die Landwirte und geben der Opposition vor den Wahlen starken Aufwind.

Werden in Indien zum Politikum: Ein Händler in Ahmedabad hockt auf seinen Zwiebeln. Foto: Reuters

Werden in Indien zum Politikum: Ein Händler in Ahmedabad hockt auf seinen Zwiebeln. Foto: Reuters

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Während anderswo in der Welt die Zinspolitik der Zentralbanken, ein Handelsstreit oder die Zuwanderung die Machthaber in Bedrängnis bringen, macht in Indien die bescheidene Zwiebel die Regierung nervös. Der Preis dieses Wurzelgemüses, das in Indien zu keiner Mahlzeit fehlen darf, ist seit Mitte 2018 über 80 Prozent gefallen. Das Gleiche trifft auf Kartoffeln zu. In einem Land, in dem weiterhin beinahe 60 Prozent der Bevölkerung direkt von der Landwirtschaft abhängig sind, hat der Preiseinbruch viele Bauernfamilien in arge finanzielle Bedrängnis gebracht.

Damit ist auch die Wahrscheinlichkeit gefallen, dass die Partei von Premierminister Narendra Modi in den allgemeinen Parlamentswahlen, die in den Monaten April und Mai abgehalten werden, wie vor fünf Jahren als klarer Sieger hervorgehen wird. Dass die oppositionelle Kongresspartei zumindest einen Achtungserfolg erzielt und damit die regierende Bharatiya-Janata-Partei ihre absolute Mehrheit verliert, ist umso wahrscheinlicher, hat Modi doch viele seiner Versprechen nicht erfüllt. Unter anderem, er werde jährlich 10 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen und dank aufgespürtem Schwarzgeld jedem Haushalt 1,5 Millionen Rupien (21'000 Dollar) auf das Konto überweisen.

Politik belastet Wachstum

Es wäre nicht das erste Mal, dass in Indien das Thema Zwiebeln wahlentscheidend ist. So etwa 1998 – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Die über die hohen Zwiebelpreise aufgebrachten Konsumenten der Hauptstadt Neu-Delhi wählten damals die Lokalregierung ab.

Die Ungewissheit vor den Wahlen bremst – neben den schwachen Bilanzen der Banken und der damit verbundenen zurückhaltenderen Kreditvergabe – die Sachinvestitionen bereits seit Mitte des Vorjahres. «2019 wird politische Ungewissheit vorherrschen. Privatunternehmen werden erst dann wieder in grösserem Umfang investieren, wenn die politische Lage klarer geworden ist», heisst es in einem Kommentar des japanischen Finanzhauses Nomura.

Indiens Börse mag Modi

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Zwar dürfte Indien auch 2019 mit einem von der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) geschätzten Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 7,6 Prozent die am schnellsten expandierende grosse Volkswirtschaft der Welt bleiben. Doch die Politik sorgt auch an den Börsen für zunehmende Unruhe, hat doch das von Premier Modi vorangetriebene tiefgreifende wirtschaftliche Reformprogramm – neben dem niedrigen Erdölpreis – den Aktien in den vergangenen Monaten Auftrieb gegeben. Das ist umso eindrücklicher, als die Börse Mumbai 2018 rund 6 Prozent zugelegt hat, während alle anderen asiatischen Aktienmärkte das Jahr mit einem satten Minus abgeschlossen haben.

Opfer des eigenen Erfolgs

Dabei ist Modi zumindest teilweise Opfer des eigenen Erfolges geworden. So etwa wegen der Einführung einer landesweit einheitlichen Steuer auf Güter und Dienstleistungen vor zwei Jahren. Zwar erwies sich die Umsetzung in der Anfangsphase als schwieriger als erwartet und hat entsprechend für Missmut in der Bevölkerung gesorgt. Doch mit der Steuer sind die Transporte zwischen den Teilstaaten gerade auch für Agrargüter effizienter geworden. Zudem hat die Regierung den Einfluss schwerfälliger staatlicher Marketingagenturen zurückgeschraubt und den Mindestpreis etwa für Reis oder Linsen aufgehoben und damit den Marktkräften mehr Raum gegeben

Der damit schärfer gewordene Wettbewerb belastet jetzt zwar die Einnahmen der in Indien nach wie vor mehrheitlich wenig effizient arbeitenden Landwirte. Anderseits hat er aber erstmals seit langem die notorisch hohe Agrarpreisinflation im Jahresvergleich unter 2 Prozent gedrückt. Das ist bedeutsam, geben doch auch in urbanen Gebieten die Haushalte einen Grossteil ihres Einkommens für Lebensmittel aus.

Geringe Lebensmittelteurung

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Dank fallender Agrarpreisinflation und tieferem Erdölpreis im vergangenen Jahr konnte die Notenbank den Leitzins zwei Mal in Folge auf nun 6,5 Prozent senken. Dennoch hat sich das Wachstum seit dem zweiten Quartal des Anfang April beginnenden Finanzjahres stetig verlangsamt. Lag es im zweiten Quartal des Finanzjahres noch bei 8,2 Prozent, waren es in den darauf folgenden drei Monaten nur noch 7 Prozent.

Die ADB geht aber davon aus, dass sich das Wachstum wieder beschleunigen wird. Doch diese optimistische Prognose stützt sich wesentlich auf die Annahme, dass Modi die Wahlen mehr oder weniger ungeschoren übersteht und damit seinen Reformkurs fortsetzen kann.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 09.01.2019, 13:35 Uhr

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