Chinas versteckte Kapitalmacht

Das Land ist weltweit zum zweitgrössten Geldgeber geworden – und Peking geht dabei vor wie die früheren Kolonialmächte.

In den Industrieländern investiert China vor allem durch Anlagenkäufe der chinesischen Notenbank People’s Bank of China (PBOC). Foto: Keystone

In den Industrieländern investiert China vor allem durch Anlagenkäufe der chinesischen Notenbank People’s Bank of China (PBOC). Foto: Keystone

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Wegen der Sorgen um den Handelskrieg zwischen China und den USA steht vor allem die Position im Aussenhandel der beiden Mächte im Vordergrund. Im Vergleich dazu wenig Beachtung hat dagegen die Rolle der Chinesen im Kapitalverkehr gespielt. Wie eine neue Studie der Ökonomen Sebastian Horn, Carmen Reinhart und Christoph Trebesch vom Kieler Institut für Weltwirtschaft zeigt, macht auch hier China den USA die Führungsrolle zunehmend streitig. «China hat Rekordsummen an Kapital in den Rest der Welt exportiert», heisst es schon am Anfang der Studie. Während nach wie vor so gut wie alle Länder der Welt in irgendeiner Form staatliche Darlehen aus den USA erhalten, sind es mittlerweile bereits 80 Prozent der Staaten, in die Kredite aus China fliessen.

Wie viel und an wen die Chinesen Geld leihen, war bisher kaum ersichtlich. Laut den Autoren ist rund die Hälfte der Kredite Chinas an Schwellenländer versteckt (hidden). Das heisst, in den offiziellen Verschuldungsstatistiken von Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich oder der OECD fehlen entsprechende Daten. Auch die Chinesen weisen sie nirgendwo aus. Die Autorinnen der Studie haben ihre Schätzungen unter anderem aus der Analyse von 1974 chinesischen Krediten und 2947 Zuschüssen an Schwellenländern hergeleitet. Die kommunistische Regierung finanziert die Welt über Kredite der Staatsbanken, Darlehen des Staates und der Zentralbank, Direktinvestitionen, Handelskredite und Anleihenkäufe.

Die Studie vergleicht das Vorgehen der Chinesen mit jenem der Amerikaner, die nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls zum Hauptkreditgeber der nicht kommunistischen Welt wurden. Bekannt ist in diesem Zusammenhang vor allem der Marshallplan, mit dem der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Krieg finanziert wurde. Wie heute im Fall von China spielten bei den Krediten ökonomische Überlegungen eine geringere Rolle als strategische. Das verliehene Geld schuf Abhängigkeiten und war ein Instrument, um die westliche Allianz unter der US-Vorherrschaft gegen den sowjetischen Kommunismus zu stärken.

Das gleiche Motiv steckt laut den Ökonomen auch hinter der weltweiten Geldvergabe der Chinesen. Allerdings haben vor allem die Geldströme an Schwellenländer noch mehr Ähnlichkeit mit dem Vorgehen früherer Kolonialmächte wie Frankreich, Deutschland und Grossbritannien im 19. Jahrhundert, da auch die Chinesen die Ausleihungen zu Marktzinsen vergeben, sich ihre Mittel durch die Einkommen aus den Rohstoffeinnahmen dieser Länder absichern lassen und sie eng mit ihren politischen und kommerziellen Interessen verknüpfen. Die Vergabe der Gelder zu Marktzinsen bedeutet, dass diese Kredite deutlich teurer sind als jene, die üblicherweise an Schwellenländer vergeben werden. Ausserdem leihen die Chinesen nur zu kurzen Fristen aus, während bei Entwicklungsgeldern langfristige Kredite die Regel sind.

Hohe Zinsen und kurze Rückzahlungsfristen erhöhen das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit der Empfängerländer – das ist eine bisher unterschätzte Gefahr für die weltweite Finanzstabilität, wie die Autorinnen der Studie festhalten. Da Daten zur Verschuldung gegenüber China fehlen, sieht die Lage und Zahlungsfähigkeit vieler Schwellenländer deutlich besser aus, als sie ist. Weil sich die Chinesen bei ihren Krediten zudem zusichern lassen, bei einem drohenden Bankrott als Erste bedient zu werden, sind private und andere staatliche Kreditgeber einem deutlich grösseren Risiko eines Ausfalls ihrer eigenen Darlehen ausgesetzt, als sie es ahnen.

Bei Krediten von China an rund drei Dutzend Schwellenländer ist die Datenlage gemäss der Studie besonders schlecht. «Das Problem der versteckten Schulden gegenüber China ist in Krisenländern wie Venezuela, Zimbabwe und dem Iran besonders gravierend», schreiben die Autorinnen. Aber auch in Europa sind es mit Italien und Griechenland Länder mit einer sehr hohen Verschuldung, in die chinesisches Kapital floss – hier vor allem in Form von Direktinvestitionen.

Doch nicht nur in die Entwicklungsländer fliesst das chinesische Kapital, ebenso in die Industrieländer; hier allerdings nicht wie dort als Kredite der Staatsbanken oder direkt des chinesischen Staates, sondern in erster Linie durch Anlagenkäufe durch die chinesische Notenbank People’s Bank of China (PBOC) und durch Direktinvestitionen. Mit Letzteren sind Käufe von Firmen oder von Infrastrukturanlagen gemeint. Ein Beispiel dafür ist der Kauf des Schweizer Unternehmens Syngenta durch die staatliche Chemchina. Beispiele für Infrastrukturkäufe sind die chinesischen Investitionen in den Hafen von Piräus in Griechenland oder in jene von Triest und Genua in Italien. Diese und weitere Investitionen weltweit stehen auch im Zusammenhang mit der sogenannten «neuen Seidenstrasse», international vor allem als «Belt and Road»-Initiative bekannt. Auch dieses globale Projekt dient letztlich vor allem den strategischen Interessen Chinas.

Bei den Käufen von Anlagen sind zum grössten Teil Staatsanleihen gemeint. Sie machen absolut gesehen den mit Abstand grössten Teil der Verschuldung der Welt gegenüber China aus. Schon länger für Schlagzeilen gesorgt hat der Umstand, dass China bereits zum grössten Gläubiger der US-Regierung geworden ist. Im Jahr 2011 erreichte der Bestand an US-Staatspapieren bei der PBOC mit 1,6 Billionen US-Dollar sein Maximum. Das entsprach rund 10 Prozent der amerikanischen jährlichen Wirtschaftsleistung. Für die USA ist das aber dennoch und anders, als zuweilen angenommen wird, kein grosses Risiko. Das liegt einerseits an der Grösse und weltweiten Bedeutung des US-Kapitalmarkts und andererseits am Umstand, dass die US-Notenbank mit ihrer Macht über die Weltwährung Dollar jeden möglichen negativen Effekt etwa über die Zinsen wieder ausgleichen kann. Ganz anders sieht es im Fall von hoch verschuldeten schwächeren Ländern aus. Gegenüber diesen hat China ein starkes Machtinstrument in der Hand.

Erstellt: 12.07.2019, 14:27 Uhr

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