«Der Kapitalismus wird nicht mehr dominieren»

Die Welt verbessern und den Klimaschock verhindern? Der US-Ökonom Jeremy Rifkin sieht die Lösung in einem neuen digitalen Wirtschaftsmodell.

Er sah den digitalen Wandel und seine Folgen kommen: Der US Ökonom Jeremy Rifkin. Foto: Getty Images

Er sah den digitalen Wandel und seine Folgen kommen: Der US Ökonom Jeremy Rifkin. Foto: Getty Images

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Jeremy Rifkin denkt seit Dekaden über die grossen Themen nach, vom «Ende der Arbeit» (so sein Buch 1995) über den Kapitalismus («Die dritte industrielle Revolution») bis hin zur Energie («Wenn's kein Öl mehr gibt»). Jetzt ist er zur Münchner Messe Electronica gereist, um seine These vorzustellen, dass wir vor einem völlig neuen Wirtschaftsmodell stehen.

Jeremy Rifkin, Sie sahen im Jahr 2000 durch Firmen wie den heute vergessenen Musikdienst Napster eine digitale industrielle Revolution kommen: Durch das Konzept von null Grenzkosten, bei dem es Firmen nichts mehr kostet, ihr Produkt zusätzlichen Kunden zu geben.
Gewinnmargen sanken, das verwirrte die Manager. Die Digitalisierung stellte Annahmen der klassischen Theorie und des Neoliberalismus infrage.

Einen Autokonzern kostet es viel, zusätzliche Autos für zusätzliche Kunden zu produzieren. Facebook und Google kostet ein zusätzlicher Nutzer fast nichts.
Das verändert die Wirtschaft dramatisch. Keine Business School versteht das, kaum ein Ökonom, aber viele Unternehmen.

Das Konzept ruiniert alte Industrien. Musikstreaming ersetzt die CD-Produktion, Online manche Zeitungen. Wie viel mehr davon werden wir sehen? Ersetzen Autos aus dem 3D-Drucker bald Autofabriken?
Wir werden einige Entwicklungen sehen. Zuerst dachte ich, null Grenzkosten wälzen nur Unterhaltungs- und Medienbranche um. Aber mit dem Internet der Dinge kollabiert die Brandmauer, jetzt geht's um alles. Das Modell bietet Service 24 Stunden und sieben Tage die Woche. Es ersetzt Eigentum durch Nutzung und Verkäufer-Käufer-Beziehungen durch Netzwerke von Lieferanten und Nutzern. Firmen müssen Teil der Netzwerke werden, um das Sinken der Margen durch den 24/7-Umsatz auszugleichen.

Was soll das heissen?
Den deutschen Wind- und Solarstrom stellen meist kleine Produzenten mit fast null Grenzkosten her. Die Energiekonzerne kontrollieren das nicht mehr. 2013 fragte mich Eon-Chef Johannes Teyssen: Wie verdienen wir bei diesem Modell Geld? Ich sagte: Managen Sie die Daten der dezentral produzierten Energie, die durch die Netze fliesst. Damals sagte Teyssen nein. 2017 sagte Eon, sie hätten zu lang gewartet.

«Das Internet der Dinge sorgt für Dezentralisierung»: Jeremy Rifkin erklärt wie die Ökonomie des Teilens funktioniert. Video: Youtube

Tja.
Autokonzernen passiert das auch. Jüngere nutzen Autos statt welche zu kaufen. Für jeden Pkw, den sie per Carsharing teilen, gibt es 15 Pkw weniger. Die Konzerne verkaufen noch Millionen Autos, aber in 20 Jahren ist das vorbei. Also stürzen sie sich auf Mobilitätsdienste und Big Data.

Was genau macht die dritte industrielle Revolution aus?
Der Kapitalismus wird noch da sein, aber nicht mehr dominieren. Daneben erobert die Ökonomie des Teilens ihren Raum, das erste neue Wirtschaftsmodell seit dem Entstehen von Kapitalismus und Sozialismus. Das sind die Ubers und kooperative Plattformen für alles. Gerade produzieren und teilen drei Milliarden Menschen im Netz Musik, Videos, Blogs. Sie machen Onlinebildungskurse oder schreiben auf Wikipedia und demokratisieren so das Wissen.

Anderen Forschern fallen zur Digitalära zuerst dominante Konzerne wie Google und Facebook ein, nicht Wikipedia.
Ich sehe Chancen und Gefahren. Ich liebe Google, die weltgrösste Forschungsmaschine. Aber wenn alle es nutzen, sieht es nach Monopol aus. Das gilt auch für Facebook.

«Gerade sind drei Milliarden Menschen im Netz, in zehn Jahren sind alle verbunden.»

Also?
Monopole muss man regulieren. Im Neoliberalismus geben Regierungen durch Privatisierung und Deregulierung ihre Macht ab. Die reichsten sieben Menschen besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Welt. Es muss sich etwas ändern, und das wird es auch. Das Internet der Dinge sorgt für Dezentralisierung. Es entstehen neben Monopolisten Tausende teilweise gemeinnützige Firmen, die Apps und Plattformen kreieren.

Was kann eine Regierung tun, um ihr Land in die richtige Richtung zu lenken?
Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, bat sie mich nach Berlin, um zu erörtern, wie in der Wirtschaft von morgen Jobs entstehen. Ich fragte: Wie wollen Sie Jobs schaffen, wenn Ihre Firmen in der Infrastruktur der zweiten Industrie-Ära feststecken, in fossilen Energien, Atom und Verbrennungsmotoren? Dieses Modell hat seinen Zenit überschritten. Sie können da nicht mehr Produktivität rausquetschen. Es steht aber eine dritte industrielle Revolution bevor, die Produktivität stark steigern kann und Millionen Jobs schafft. Gerade sind drei Milliarden Menschen im Netz, in zehn Jahren sind alle verbunden. China hat ein Mobiltelefon mit grosser Leistung für 25 Dollar. Und das ist nur die Kommunikation. Ökonomen wie Robert Gordon...

...der sagt, dass die Produktivität und damit das Wachstum der Industriestaaten trotz Digitalisierung stagnieren ... .
.. verstehen nicht, dass sich für eine industrielle Revolution Kommunikation mit Mobilität und Energie verbinden muss. Gordon schreibt in seinem Buch, er lasse Energie weg! Aber industrielle Revolutionen haben drei Elemente. So war es in der ersten Revolution im 19. Jahrhundert: Kommunikation wurde mit Dampfdruck und Telegrafensystem verbunden, hinzu kamen Kohle und Eisenbahn. In der zweiten industriellen Revolution im 20. Jahrhundert verbanden sich Telefon und Fernsehen mit billigem Öl und Autos. Dieses Modell endet nun. Wir beobachten die Dämmerung dieser Industrie-Ära. Und wir brauchen auch dringend etwas Neues.

«Jetzt sind 35 Prozent des Stroms erneuerbar, 2040 werden es 100 Prozent sein.»

Wegen des Klimawandels?
Die Menschen bauen derzeit noch ihre Zivilisation darauf auf, sozusagen die Gräber ihrer geologischen Vorgänger auszugraben, aus denen Erdöl wurde. Wir haben die Dramatik des Klimawandels nicht begriffen. Der Temperaturanstieg sorgt für Fluten, Hurrikane, Dürren. Steigt die Temperatur bis 2040 nur um 1,5 Prozent, wird wohl die Hälfte der Arten ausgelöscht. Das ist das grösste Thema für die Menschheit. Wir müssen bis 2040 von der Kohlenstoff-Zivilisation weg. Ich meine ganz weg, nicht nur weniger davon.

Aber wie?
Indem neue Kommunikation mit Energie und Mobilität verbunden werden. Millionen Deutsche speisen ihre Wind- und Solarkraft ohne Zusatzkosten in digitale Netze. Jetzt sind 35 Prozent des Stroms erneuerbar, 2040 werden es 100 Prozent sein. Ich arbeitete viele Jahre mit dem damaligen Umwelt- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an diesen Fragen. Als nächstes sind Kommunikation und Energie mit neuer Mobilität zu verbinden, mit Elektroautos und Brennstoffzelle, dazu überall Sensoren. Am Ende können sich die Menschen global verbinden, daraus entsteht gesellschaftlich orientiertes Unternehmertum.

Grosse Worte.
Deutschland geht mit der Energiewende voran! Ihr habt reife Politiker. Ich bin ein Fan von Angela Merkel, ich nenne Frank Steinmeier einen Freund, und all die Grünen. Und vergesst nicht Sigmar Gabriel.

«Diese Globalisierung kennzeichnet 500 Konzerne, die ein Viertel der Wirtschaftsleistung kontrollieren.»

Mal sehen. Sie beraten die EU beim Plan «Smart Europe». Wie weit ist Europa?
Wir begannen im Jahr 2000. Es gibt 9000 Städte mit tollen Projekten, Wasserstoffbusse, Fahrradwege. Aber das muss noch verbunden werden. Henry Ford brauchte Strassen und Pipelines, um Autos zur Massenware zu machen.

Hat das zerstrittene Europa die Kraft für solch eine Transformation?
Es gibt einen Aufstand gegen die neoliberale Globalisierung von links und rechts. Viele fühlen sich abgehängt. Diese Globalisierung kennzeichnet 500 Konzerne, die ein Viertel der Wirtschaftsleistung kontrollieren. Dagegen richtet sich der Protest. Jetzt haben wir die Chance auf offene kooperative Plattformen, von denen viele profitieren. Uber etwa wird es nicht schaffen. Die Fahrer sagen einfach, lasst uns zusammenschliessen, warum brauchen wir Uber? Das werden wir in vielen Branchen sehen. Es wird eine dezentrale Glokalisierung geben, eine Globalisierung, bei der starke Regionen und Verbünde die Treiber sind.

Und dieses neue Modell wird bei den Menschen besser ankommen?
Als wir über die dritte industrielle Revolution redeten, sagte die Kanzlerin: Ich hätte dieses Modell gerne für Deutschland. Bei uns bestimmen die Regionen das Geschehen, das liegt an unserer Geschichte...

...weil man dem übermächtigen Zentralstaat der Nazizeit etwas entgegensetzte.
Wenn ich mit EU-Politikern bespreche, wie sich Fremdenhass und Rechtspopulismus bekämpfen lassen, sage ich: Ihr habt doch das Prinzip der Subsidiarität. Politische Macht soll von lokaler und regionaler Ebene ausgehen. Dazu passt das neue Wirtschaftsmodell, das glokalisiert.

«Europa und China sind die einzigen Mächte, die unsere aktuellen Problemen lösen können.»

Klingt ziemlich theoretisch.
Gar nicht! Ich organisiere mit einem Team seit Jahren den Wandel in der petrochemischen Region um Rotterdam und Den Haag und in der traditionellen französische Industrieregion Haute-de-France. Da arbeiten Konservative und Sozialisten zusammen. Da lernen Enkel von Bergleuten, Solarpaneele auf Gebäude zu montieren. Die Bürger entscheiden mehr als vorher.

Sie beraten auch die chinesische Regierung. Worum geht es dabei?
Der China-Plus-Plan ist so ähnlich wie Smart Europe. Bei einem Dinner von Ex-Telekom-Chef René Obermann traf ich eine Topmanagerin von Huawei. Sie erzählte mir, Premier Li schildere in seiner Biografie, er habe mein Buch über die dritte industrielle Revolution gelesen und Politkader angewiesen, in diese Richtung zu arbeiten. Das Buch wurde dort inzwischen 700'000 Mal verkauft... Wochen nach meinem ersten Besuch verkündeten sie, im Fünf-Jahres-Plan mit 80 Milliarden Dollar das Stromnetz zu digitalisieren, damit Bürger Wind- und Solarstrom produzieren können. Die Chinesen handeln so schnell!

Eine Diktatur muss keinen lästigen Widerspruch von Bürgern beachten. Fühlen Sie sich wohl, diese Machthaber zu beraten?
Ich fühle mich mit denen wohl, mit denen ich zu tun habe. Die Widersprüche sind ihnen bewusst. Aber Europa und China sind die einzigen Mächte, die unsere aktuellen Problemen lösen können. In den USA passierte schon vor Donald Trump wenig.

«Ich hoffe trotzdem. Industrielle Revolutionen geschehen schnell.»

Aber China missachtet Menschenrechte.
Ich würde mit jedem Land zusammenarbeiten. Auch mit Nordkorea. Sie nicht? Wir müssen die Erde verändern.

Sie wenden alles ins Positive. Herr Rifkin, Sind Sie ein unverbesserlicher Optimist?
Ich bin 73 Jahre alt. Ich habe viele Niederlagen erlebt. Ich dachte in den 80er-Jahren, der Klimawandel wird bekämpft. Nun haben wir die Erde mit unserem alten Modell fast ruiniert. Ich hoffe trotzdem. Industrielle Revolutionen geschehen schnell. Wir brauchen nur eine Vision.

Der Amerikaner Jeremy Rifkin, Soziologe und Ökonom, leitet die TIR Consulting Group. Er forscht für jeden, der ihm zuhört und die Welt verändern will.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.11.2018, 14:42 Uhr

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