Die Schweiz ist leicht zurückgefallen – na und?

Gemäss dem jüngsten Bericht des WEF zur Wettbewerbsfähigkeit hat die Schweiz einen Rang eingebüsst. Die untersuchten Details sind jedoch aussagekräftiger als solche Gesamtrankings.

Hong Kongs ­grosse politische Unsicherheit dürfte das hohe Ranking stark relativieren: In China pflegt man derweil eine Blumeninstallation mit dem WEF-Logo in Dalian City für das Sommer Davos. Foto: China Stringer Network (Reuters)

Hong Kongs ­grosse politische Unsicherheit dürfte das hohe Ranking stark relativieren: In China pflegt man derweil eine Blumeninstallation mit dem WEF-Logo in Dalian City für das Sommer Davos. Foto: China Stringer Network (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unter den wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt ist die Schweiz im neuesten Ranking des Weltwirtschaftsforums (WEF) vom vierten Rang im letzten Jahr auf den fünften ­zurückgefallen. Damit ist die Schweiz weltweit noch immer in der Spitzengruppe.

Doch muss uns die Einbusse Sorgen bereiten? Verliert ein Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber seinen Konkurrenten, besteht Grund zu grösster Sorge. Denn kann es seine Produkte auf den Märkten schlechter ­absetzen, droht ihm der Untergang. Kein Wunder, kann also ein Rückschritt der Schweiz im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit ­Ängste auslösen – und deshalb leicht politisch instrumentalisiert werden.

Zweck einer Volkswirtschaft ist das Wohlbefinden der eigenen Bevölkerung.

Doch der Begriff der «Wettbewerbsfähigkeit» eignet sich für Länder – anders als bei Unternehmen – schlecht. Zum Ersten können Länder schon gar nicht untergehen. Und zweitens stehen sie anders als Unternehmen auf Absatzmärkten nicht in Konkurrenz zueinander. Der Aussenhandel eines Landes hat den Tausch zum Zweck und nicht Gewinne beziehungsweise das Anhäufen von Geld aus dem Ausland. Dank Exporten lassen sich Importe finanzieren.

In den USA, die laut dem neuen WEF-Ranking auf Rang zwei liegen, beläuft sich der Anteil der Exporte am gesamten Wirtschaftsausstoss nur gerade auf 12 Prozent. Der Zweck einer Volkswirtschaft ist das Wohlbefinden der eigenen Bevölkerung und eben nicht wie bei Unternehmen, Gewinn zu erzielen.

Wunderland Hongkong?

Von der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu reden, macht am meisten Sinn, wenn damit die ­Attraktivität als Standort für in­ternationale Unternehmen, Inves­titionen oder Arbeitskräfte gemeint ist. Doch auch hier ist ein Gesamtranking irreführend, da verschiedene Beschäftigte, Unternehmer oder Investoren ­einzelne Indikatoren zum Standort – wie beispielsweise die Marktgrösse, die Lebenserwartung oder die makroökonomische Stabilität – anders gewichten als andere oder das WEF. So erscheint etwa Hongkong auf dem dritten Rang im Ranking und damit zwei Plätze vor der Schweiz. Die dortige ­grosse politische Unsicherheit dürfte dieses Resultat aber stark relativieren.

Konkret ergibt sich die Rangliste aus der Bewertung einer grossen Anzahl von Indikatoren zu jeder dafür untersuchten Volkswirtschaft – einerseits aufgrund ­statistischer Daten, andererseits durch Umfragen unter Entscheidungsträgern.

Auf dem ersten Platz ist die Schweiz in Bezug auf die wirtschaftliche Stabilität.

Fokussiert man statt auf das Gesamtranking auf die einzelnen Indikatoren, fördert die Untersuchung durchaus Interessantes dazu zutage. So übertrifft die Schweiz bei verfügbaren Fähigkeiten der Beschäftigten gemäss der Erhebung jedes andere Land der Welt. Diese Talentbasis ist laut der Studie mit ein Grund, weshalb die Schweiz bei der Innovationsfähigkeit gemäss den gewählten Kriterien weltweit an dritter Stelle steht. Auf dem ersten Platz ist die Schweiz auch in Bezug auf die wirtschaftliche Stabilität.

In puncto Offenheit für den Aussenhandel landet die Schweiz auf Platz 87.

Schlechter weg kommt unser Land mit dem 53. Rang – wenig überraschend – zum Beispiel bei der Effizienz der Hafendienste. Diese spielen hierzulande auch kaum eine Rolle. Von grösserer Bedeutung sind der schlechte Rang (Platz 62) bei der Corporate Governance, also der Kontrolle und der Qualität der Unternehmensführung, sowie der 87. Rang bei der Offenheit für den Aussenhandel und der 141. und letzte Rang bei der Komplexität des Zollregimes. Es lässt sich vermuten, dass damit der Schutz für die Landwirtschaft angesprochen ist. Eine weitere Schwäche ist gemäss dem Bericht die Bereitschaft, unternehmerische Risiken einzugehen.

Wertvoll am seit 1979 erscheinenden Bericht ist schliesslich, dass er langfristige Entwicklungen abbilden kann. So kommt er zum Schluss, dass im Jahrzehnt seit der Finanzkrise die meisten Länder der Welt noch immer an einem geringen Wachstum der Produktivität leiden. Eine ­weitere Beobachtung könnte die Erklärung liefern: Die Machtkonzentration der führenden Firmen der Welt hat in den letzten zehn Jahren ebenfalls zugenommen.

Erstellt: 09.10.2019, 10:00 Uhr

Artikel zum Thema

US-Kongressabgeordnete fordern Freihandel mit der Schweiz

Zwanzig amerikanische Parlamentarier fordern das US-Handelsministerium auf, mit einem Freihandelsabkommen vorwärtszumachen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.