Ein Rekord, der in Wahrheit noch viel höher ist

Neu stehen 75’323 Wohnungen in der Schweiz leer – über 3000 mehr als im Vorjahr. Doch die Zahl ist trügerisch.

Der Leerstand in der Schweiz steigt an: Siedlung Kronenwiese Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Der Leerstand in der Schweiz steigt an: Siedlung Kronenwiese Zürich. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bereits 2018 war rekordverdächtig. Jetzt hat die Schweiz einen neuen Höchststand: Laut Bundesamt für Statistik (BFS) stehen am 1. Juni 2019 insgesamt 75’323 Wohnungen auf dem Immobilienmarkt leer. Das sind 3029 Wohnungen mehr als im Vorjahr, was einem Anstieg von 4,2 Prozent entspricht. Die Leerstandsquote steigt von 1,62 auf 1,66 Prozent. Damit hält das Wachstum der letzten zehn Jahre weiter an.

Ein Grund für den steigenden Leerstand liegt in der rückläufigen Zuwanderung und im Bauboom der letzten Jahre. Und das anhaltend tiefe Zinsumfeld trägt dazu bei, dass Anleger weiterhin stark im Immobilienmarkt investieren, um wenigstens etwas Rendite zu holen. So wurde in den letzten Jahren viel gebaut – in vielen Fällen an der Nachfrage vorbei.

Hoher Leerstand im Mittelland

Wie im Kanton Solothurn. Bereits im vergangenen Jahr führte der Kanton die Leerstand-Hitparade an, die Leerwohnungsziffer stieg jetzt von 2,98 auf 3,40 Prozent. Die Kantone Thurgau und Aargau liegen mit einer Quote von 2,65 und 2,59 Prozent dicht dahinter. Der tiefste Leerstand mit 0,42 Prozent findet sich im Kanton Zug. Ebenfalls unter einem Prozent liegen Genf, Obwalden und Zürich.

Das Mittelland sei schon immer deutlich mehr vom Leerstand betroffen gewesen als andere Schweizer Regionen, sagt Matthias Holzhey, Immobilienexperte der UBS. Was ihn überrasche, sei das moderate Wachstum von nur 3000 neuen leeren Wohneinheiten. Denn betrachte man die rückläufige Zuwanderung im Verhältnis zum Wohnbestand, müsste die Zahl eigentlich deutlich höher liegen. Selbst wenn man das Bevölkerungswachstum von 0,7 Prozent auf Ende 2018 dazurechne. «Die Zahlen unterschätzen die Überproduktion an Wohnungen», sagt Holzhey.

Zweitwohnungen fehlen

Bereits Anfang Jahr prognostizierte die UBS einen Anstieg des Leerstands auf bis zu 80’000 Wohnungen. Was einem Zuwachs von über 7000 Einheiten entspräche. Die Zahlen des BFS erfassen nicht alle Leerstände. «Über ein Drittel aller neuen Wohnungen 2018 werden als Zweitwohnungen genutzt, und zwar nicht in den Bergen, sondern in den Grosszentren», sagt Holzhey. Solange diese Wohnungen weder zur Dauermiete noch zum Verkauf ausgeschrieben seien, tauchten sie nicht in der Leerwohnungszählung auf. Gerade Wohnungen, die touristisch genutzt und über Airbnb vermietet würden, seien nicht aufgeführt.

Freuen können sich die Mieter, die abseits der Grosszentren wie Zürich oder Genf bezahlbaren Wohnraum finden. Denn der steigende Leerstand setzt die Mieten unter Druck. Für die gesamte Schweiz rechnet die UBS mit einem durchschnittlichen Rückgang der Angebotsmieten um 2 Prozent.

Wobei hoher Leerstand nicht automatisch gleich sinkende Mieten bedeutet. «Im Kanton Solothurn sind die Mieten in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, weshalb sie jetzt auch nicht sinken», sagt Holzhey. Ein Grund ist das tiefe Zinsumfeld: Wer sehr tiefe Zinsen zahlt, hat niedrige Kapitalkosten und kann deshalb Mietzinsausfälle länger verkraften. «Investoren warten ab und akzeptieren einen gewissen Leerstand, bevor sie die Mieten senken», erklärt der Experte. Wie lange noch gewartet wird, wird sich zeigen. Klar ist: Der Leerstand wächst weiter.

Erstellt: 10.09.2019, 08:32 Uhr

Artikel zum Thema

Immobilien: Finma anerkennt Selbstregulierung der Banken

Die Schweizer Banken sollen im überhitzten Markt für Renditeliegenschaften selbst auf die Bremse treten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.