Eine Ikone stürzt

Jamie Olivers Imperium ist pleite. Betroffen sind mehr als 20 Restaurants, inklusive Mitarbeiter und Zulieferer.

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Er hat bis zuletzt gekämpft. Jetzt sei er «sehr traurig», sagt er. Sehr traurig zu sein ist vermutlich eine Untertreibung, wenn ein Teil des Lebenswerks den Bach runtergeht – und das Image des ewigen Siegers, des Jungen mit den goldenen Händen ebenfalls. Jamie Oliver, berühmt geworden als «The Naked Chef», (der nackte Koch), weil er zupackend und mit blossen Händen in seinen unkomplizierten Gerichten herumfuhrwerkte, muss in die Insolvenz; die Wirtschaftsprüfer von KPMG übernehmen die Insolvenzverwaltung. Das wurde am Dienstag bekannt.

Es handelt sich dabei nur um die mehr als 20 britischen Restaurants, die unter den Namen Jamie's Italian, Fifteen und Barbecoa laufen. Seine Läden im Ausland betrifft es vorerst nicht, die werden als Franchise-Unternehmen geführt. Oliver wird auch nicht zugleich Privatinsolvenz anmelden müssen, er hat immer noch seine Kochbücher und seine Fernsehauftritte.

Und doch muss man sagen: Hier stürzt eine Ikone. Der Guardian titelte umgehend: «Jamie Olivers Imperium kollabiert», tausend Jobs stünden auf der Kippe. Oliver habe sich bei seinen Angestellten und den Zulieferern bedankt, die ihre Herzen und ihre Seelen ein Jahrzehnt lang in dieses Projekt gesteckt hätten. Er könne sich vorstellen, wie schwer das jetzt für alle sei, nicht nur für ihn selbst. Auch seinen Kunden und Gästen dankte er; es sei eine Freude gewesen, sie zu bedienen. Dieser O-Ton ist Oliver pur; der 43-Jährige ist ein freundlicher und zugewandter Mann, der Glück und eine Vision hatte und diese mit unternehmerischem Geschick verband. Offenbar hat er sich dabei schwer übernommen.

Bereits 2018 mussten zwölf Restaurants schliessen

Dass die Marke Jamie Oliver in Schwierigkeiten steckte, war schon länger bekannt. Im vergangenen Jahr musste er bereits 600 Mitarbeiter entlassen und zwölf Restaurants schliessen. Bereits 2015 hatte er seinen letzten Kochladen zugesperrt. Seit zwei Jahren schon gibt es seine Kochzeitschrift nicht mehr.

Der Bankrott konnte 2018 nur verhindert werden, weil Oliver 13 Millionen Pfund aus seinem eigenen Vermögen in die Läden steckte und Kredite aufnahm. Es hat nicht gereicht. Britische Medien berichteten, Oliver habe seinen Schwager als Vertrauten und Manager ins Haus geholt, der seinem Job nicht gewachsen gewesen sei und Mitarbeiter reihenweise vergrault habe. Geht es nach internen Kritikern seines Unternehmens, hat Jamie Oliver, der in der Kneipe seines Vaters das Kochen gelernt hat und seine Frau Jules sowie die fünf Kinder immer wieder mit ins Bild rückte, wenn es um die Selbstvermarktung ging, als Familienmensch mutmasslich zu lange an seinem Schwager festgehalten.

Aber der erst langsame und dann immer rapidere Niedergang seiner «High-Street-Restaurants» wurde auch befeuert durch die Krise eben dieser High Streets, der Haupteinkaufsstrassen in britischen Grossstädten. Oliver wollte dort bezahlbares, solides Essen anbieten, das sich qualitativ von den Fastfood-Buden abhebt, die das Königreich überziehen. Aber das High-Street-Sterben hat grosse Kaufhäuser, Tante-Emma-Läden ebenso in die Insolvenz getrieben wie zahlreiche Restaurantketten – und nun auch Jamie's Italian. Oliver wurde schnell prominent, nachdem ihn die BBC einst als Souschef bei einem Dreh im legendären River Café entdeckt hatte und dann immer wieder auftreten liess.

Auch die zunehmend touristische Ausrichtung und die steigenden Preise seiner Restaurants stärkten zwar Olivers Image als Kochpromi, aber nicht unbedingt die Anziehungskraft auf die britische Kundschaft. Bleibenden Verdienst und viel Anerkennung hat sich das Multitalent aus Essex indes mit seinen zahlreichen politischen Aktivitäten verdient. Mitte der Nullerjahre startete er eine Kampagne für besseres Schulessen. Oliver war auch massgeblich beteiligt an einem Gesetz, das den Zuckergehalt in Getränken reduziert, er kämpft gegen Fastfood im Einzugsbereich von Schulen, gegen die grassierende Fettleibigkeit, die Überfischung der Meere und für regionale Nahrungsmittel. All das will er auch weiterhin tun. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 14:37 Uhr

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