Hollywood unterwirft sich dem weltgrössten Filmmarkt China

Hollywood übt sich in Selbstzensur, um Filme in China zeigen zu können. Die Filmer brauchen chinesisches Geld.

Chinesische Kinobesucher bekommen genehme Filme aus den USA zu sehen. Foto: Getty Images

Chinesische Kinobesucher bekommen genehme Filme aus den USA zu sehen. Foto: Getty Images

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Amerikanische Action-Hits kommen selten ohne «bad guys» aus. Doch es ist sehr lange her, seit einer der Bösewichter ein Chinese war. Der Grund dafür ist einfach: Grosse Hollywoodproduktionen sind auf chinesisches Geld angewiesen, und die kommunistischen Zensoren sorgen dafür, dass dem heimischen Kino­publikum nichts Negatives über China vorgeführt wird.

«Vor zehn Jahren dachten wir noch nie an China», sagte Adam Goodman, der frühere Präsident von Paramount Pictures, dem «Wall Street Journal». «Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem Hollywood ohne China nicht existieren kann.»

Goodmans Zitat stammt von 2017. Die Abhängigkeit hat sich seither eher verstärkt. Wie die «New York Times» vorrechnet, kofinanzierte China in den 16 Jahren bis 2013 zwölf der hundert kommerziell erfolgreichsten Hollywoodfilme. In den fünf Jahren seither stand China-Geld hinter 41 der amerikanischen «Blockbuster».

Taiwan-Flagge fehlt im neuen «Top Gun»-Trailer

Die Folgen sind den Filmen anzusehen. Letzten Monat fiel Kritikern auf, dass in «Maverick», der neusten Folge von «Top Gun», der von Tom Cruise gespielte Kampfpilot auf seiner Fliegerjacke nicht mehr wie früher die aufgenähten Flaggen Japans und Taiwans trägt, sondern bloss geometrische Muster ohne Bedeutung. Die abtrünnige Inselrepublik Taiwan ist neben Tibet und Tiananmen eine der der «drei Ts», die Pekings Zensoren zu Tabus erklärt haben.

Nicht mehr realisierbar wäre heute ein Top-Kinohit wie «Seven Years in Tibet» von 1997, in dem chinesische Soldaten ruppig mit Tibetern umgehen. Hollywood nimmt systematisch Rücksicht auf chinesische Geldgeber und auf die Wächter über den chinesischen Kinomarkt. Im Trickfilm «Pixels» von 2015 sollte ursprünglich eine Bresche in Chinas grosse Mauer gesprengt werden.

Mit Blick auf Verleihchancen im Reich der Mitte wurde stattdessen der Taj Mahal in die Luft gejagt. Die Gurufigur «The Ancient One» war in Marvel-Comics einst ein Tibeter. Im Film «Doctor Strange» mutierte sie 2016 zu einer von Tilda Swinton gespielten Keltin.

Die Anpassung einiger unserer Filme an verschiedene Märkte auf der Welt ist eine Realität.Statement des Filmverbands MPAA, der auch für die Oscars zuständig ist

Chinas Macht über Filme mit ­globalen Ambitionen gründet in der Grösse seines ständig wachsenden Markts. Jeden Tag öffnen 25 neue Kinosäle ihre Türen, und die Gesamtzahl der Säle hat mit rund 60'000 im letzten Jahr jene der USA von etwa 40'000 längst überholt. PriceWaterhouseCoopers sagt voraus, dass China schon 2020 mit einem Gesamtvolumen von 12,28 Milliarden Dollar der ­weltgrösste Filmmarkt sein wird, vor den USA mit 11,93 Milliarden Dollar.

Wollen sie rentieren, müssen teure Filme in China in die Kinos kommen. Nach einer Übereinkunft von 2012 zwischen Peking und Washington stehen für ausländische Filme jährlich bloss 34 Plätze zur Verfügung. Entsprechend rangelt Hollywood um die Gunst von Produzenten und Zensoren in China. «Die Anpassung einiger unserer Filme an verschiedene Märkte auf der Welt ist eine Realität», schrieb der für Oscars zuständige Filmverband MPAA schon 2013. «Wir anerkennen Chinas Recht zu bestimmen, welche Inhalte in sein Land kommmen.»

Der Kniefall stösst in den USA manchen sauer auf. Der texanische Senator Ted Cruz hält es für «unglaublich enttäuschend», dass Hollywood «Angst davor hat, für die Redefreiheit einzustehen», und stattdessen «die Kommunistische Partei Chinas besänftigt.»

Der Kommentator John Fund sieht sich an die Hitlerzeit erinnert, als Hollywood sich bereit erklärte, keine Filme gegen Nazis oder deren Behandlung von Juden zu produzieren.

Der wilden Ehe Hollywoods mit China stehen aber Probleme ins Haus. Wie in vielen Branchen haben einheimische Firmen via Koproduktionen das Handwerk gelernt und kommen zunehmend ohne ausländische Expertise aus.

Handelskrieg belastet die Zusammenarbeit

Der grösste Kassenschlager in China war dieses Jahr der ­Science-Fiction-Film «The Wandering Earth» mit Einnahmen von über 600 Millionen Dollar. Der bombastische Streifen war eine rein chinesische Produktion, ebenso wie der animierteSommerknüller «Ne Zha», der mehr als 340 Millionen Dollar einspielte.

Zusätzlich belastet der Handelskrieg die Kooperation. Es sei eine neue Zurückhaltung zu beobachten, sagte Aynne Kokas der «Washington Post», eine Fachfrau an der Universität von Virginia.

Amerikanischen Filmen könne der Weg in Chinas Kinos zunehmend verwehrt werden, erwartet sie. «Es ist eine sehr gefährliche finanzielle Position, für Profite von chinesischen Kinokassen abhängig zu sein.»

Erstellt: 11.08.2019, 18:15 Uhr

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