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Absurde Meldepflicht im Strassenbau

Ab 2020 müssen offene Stellen für ausgebildete Strassenbauer gemeldet werden – trotz Fachkräftemangel auf dem Bau.

Strassenarbeiter oder Hilfskraft im Tiefbau? Der Baumeisterverband kritisiert Mängel bei der richtigen Erfassung. Foto: Ennio Leanza/Keystone
Strassenarbeiter oder Hilfskraft im Tiefbau? Der Baumeisterverband kritisiert Mängel bei der richtigen Erfassung. Foto: Ennio Leanza/Keystone

Wer die dreijährige Lehre als Strassenbauer erfolgreich abgeschlossen und das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) in Händen hat, braucht sich um eine Anstellung nicht zu sorgen. «Die Leute sind gesucht, weil es sich um Fachkräfte handelt», sagt Benedikt Koch, Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.

Dennoch werden Strassenbauer EFZ ab 2020 unter die Stellenmeldepflicht fallen – wie alle anderen Berufsarten, bei denen die Arbeitslosenrate den neuen Schwellenwert von 5 (bisher: 8) Prozent übersteigt. Wie passt das zusammen: Eine weit überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit für qualifizierte Berufsleute in einer Branche, die unter Fachkräftemangel leidet?

Koch hegt einen Verdacht: «Die Arbeitslosenzahlen werden ermittelt mittels Befragungen von Arbeitskräften respektive Stellensuchenden, die hauptsächlich auf Selbstdeklarationen beruhen.» Zuständig für die Erhebungen sind das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und das Bundesamt für Statistik. Bezeichne sich jemand bei der Arbeitslosenmeldung in einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) selbst als qualifiziert – indem er sich zum Beispiel als «Strassenarbeiter» statt als «Hilfsarbeiter im Tiefbau» einstuft –, werde dies nur im Ausnahmefall durch die Behörden überprüft.

Motion verlangt bessere Datenerhebung

Der Direktor des Baumeisterverbands folgert daraus: «Es wird nicht verlässlich erfasst, ob eine stellensuchende Person zum Beispiel über einen Lehrabschluss verfügt oder nicht.» Das führe dazu, dass ein arbeitsloser Arbeiter, der sich als Fachspezialist in einem bestimmten Beruf bezeichnet hat, sich gar nicht auf eine Fachspezialisten-Stelle bewerben könne. «Und so fallen dann Berufe mit faktischem Fachkräftemangel unter die Meldepflicht», ärgert sich Koch.

Mit dem Thema wird sich auch das Parlament beschäftigen, hat doch Nationalrat Christian Wasserfallen Anfang Dezember eine Motion eingereicht. Der Berner FDP-Politiker will damit den Bundesrat beauftragen, «Massnahmen zu treffen, damit die Grundlagenerhebung für die Stellenmeldepflicht qualitativ verbessert wird», wie es in der Motion heisst. Insbesondere sollen Beschäftigte mit unterschiedlichen Qualifikationen, wie gelernte Fachkräfte und ungelernte Hilfskräfte, «nicht mehr undifferenziert in denselben Berufsarten erfasst werden».

«Wenn Baufirmen offene Stellen für gelernte Strassenbauer melden müssen, ist das administrativer Leerlauf.»

Benedikt Koch, Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands

Das Seco zeigt sich erstaunt ob der Kritik. Gefragt, ob die heutige Selbstdeklaration durch die Stellensuchenden zu fehlerhaften Angaben über deren Qualifikation führe, sagt Mediensprecherin Livia Willi: «Nein, diese Meinung teilen wir nicht.»

Die Erfassung des zuletzt ausgeübten Berufs von Stellensuchenden beruhe auch nicht auf einer Selbsteinschätzung der Stellensuchenden. «Vielmehr wird dies im Anmelde- respektive Beratungsgespräch mit den RAV-Mitarbeitenden eruiert, geprüft und entsprechend festgehalten», betont Willi. «Da werden alle vorhandenen Informationsquellen wie Zertifikate, Diplome oder Arbeitszeugnisse verwendet.»

Auch Maler und Gipser haben Zweifel

Zur Motion Wasserfallen mochte sich die Seco-Sprecherin nicht äussern, weil der Bundesrat noch keine Stellung dazu bezogen habe. Gleichwohl streicht sie heraus: «Die Qualität der Datengrundlage und der erfassten Berufsdaten der Stellensuchenden ist gut. Eine signifikante Verfälschung der Arbeitslosenzahlen durch mangelhafte Erfassungen können wir nicht beobachten.»

Laut Willi gibt es einzelne Berufsarten mit ausgebildetem Fachpersonal, die aufgrund einer Arbeitslosenquote von 5 Prozent der Stellenmeldepflicht unterliegen. So würden ab 2020 neu Jobs für ausgebildete Maler meldepflichtig. Deren Arbeitslosigkeit wird vom Seco mit 5,1 Prozent ausgewiesen. Doch auch hier bestehen Zweifel. «Ich habe wirklich Mühe mit dieser Seco-Berechnung», sagt Peter Baeriswyl, Direktor des Schweizerischen Maler- und Gipserverbands. «Tatsache ist, dass unsere Firmen ausgebildete Berufsleute kaum finden.»

Baeriswyl erlebt ein Déjà-vu: Als die Stellenmeldepflicht Mitte 2018 eingeführt wurde, waren auch ausgebildete Gipser mit einer Arbeitslosenquote von damals 10 Prozent betroffen. «Wir hielten das für völlig unmöglich», erinnert sich der Verbandsdirektor, «denn qualifizierte Gipser gabs auf dem Markt ebenso wenig wie heute.» Er kennt denn auch keinen einzigen Fall, bei dem eine gemeldete Gipser-Stelle durch Vermittlung der RAV besetzt worden ist.

«Noch nicht praxistauglich»

Immerhin in einem wichtigen Punkt ist es offenbar gelungen, die Statistiken zur Erfassung der Stellensuchenden zu verbessern: Die Berufsliste und die Berufsnomenklatur wurden grundlegend überarbeitet – beides auf Drängen und in Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden.

«Dank diesen Revisionen», so Seco-Sprecherin Willi, «können die erfassten Berufe der Stellensuchenden detaillierter nach Qualifikationsniveau und praxisnäher unterschieden werden.» Dies ermögliche eine Verfeinerung der Daten und damit auch der meldepflichtigen Stellen.

Benedikt Koch vom Baumeisterverband zeigt sich dennoch wenig begeistert von den Revisionen: «Gerade im Tiefbau, dem die Strassenbauer zugeordnet sind, ist die Berufsnomenklatur noch nicht praxistauglich.» Man habe das Seco auf die verbliebenen Mängel hingewiesen, doch dieses habe kein Interesse mehr an einem «Feinschliff» gezeigt.

«Für uns bleibt die Situation unhaltbar», resümiert Koch. «Wenn Baufirmen ab dem neuen Jahr offene Stellen für gelernte Strassenbauer und andere gut ausgebildete Tiefbau-Fachkräfte melden müssen, ist das administrativer Leerlauf.» Denn die Chance, ein vernünftiges Dossier von den RAV zu bekommen, sei gleich null. Für die Baubranche gibt es daher nur einen Ausweg: die Stellenmeldepflicht für Berufe mit Fachkräftemangel so lange aufzuheben, bis die Qualität der Datenerhebung sichergestellt ist.

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