Die neuen Roten Brigaden

Im toskanischen Prato werden Markenkleider «made in Italy» angefertigt – inzwischen fast nur noch von Chinesen.

Arbeiten meist unter unwürdigen Bedingungen: Chinesische Näherin in einer Fabrik in Prato. Foto: Reuters

Arbeiten meist unter unwürdigen Bedingungen: Chinesische Näherin in einer Fabrik in Prato. Foto: Reuters

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Anfang der Neunzigerjahre tauchten in den Gewerbegebieten rings um Prato, einer Stadt zwanzig Kilometer nordwestlich von Florenz, die ersten chinesischen Arbeitsmigranten auf. Fast alle kamen aus Wenzhou, einer Hafenstadt südlich von Shanghai. Für die Chinesen war der Kulturschock nicht so gross wie erwartet.

«Die Italiener waren freundlich», erinnerte sich einer der ersten Neuankömmlinge. «Man duzte sich, genau wie bei uns. Die Familie bedeutete ihnen alles.» In der Toskana dominierten kleine Betriebe und Werkstätten das Geschäftsleben, nicht viel anders als in Wenzhou, einer Stadt, die von einem so starken Unternehmergeist erfüllt war, dass sie sich Maos Kollektivierungspolitik widersetzt hatte.

Prato war bekannt für seine Ateliers, die Bekleidung und Lederwaren für die grossen Modelabels produzierten. Wer bereit war, schwarz und für Stücklohn zu arbeiten, für den gab es hier gute Möglichkeiten. Viele Wenzhouaner fanden in Prato einen Job.

Die Italiener waren überrascht, als die Chinesen anfingen, sich selbstständig zu machen.»Don Giovanni Momigli, Priester

«Die Italiener waren schlau, sie haben die Chinesen als Subunternehmer angeheuert», erzählte mir Don Giovanni Momigli, ein Priester, dessen Gemeinde eine grosse Zahl der ersten chinesischen Migranten aufnahm. «Und dann waren sie überrascht, als die Chinesen anfingen, sich selbstständig zu machen.»

Mitte der 1990er richteten sich die Wenzhouaner mit ihren Textilbetrieben in kleinen Garagen ein, die ihnen meist auch als Schlafstätte dienten. Bald übernahmen sie leer stehende Werkstätten, die Miete bezahlten sie bar. Natürlich stellten die Behörden keine Fragen. Allmählich aber geriet das Pratenser Geschäftsmodell unter dem Druck der Globalisierung ins Wanken. Für Italiener wurde es immer schwieriger, in der Textilindustrie ein Auskommen zu finden, und manch einer freute sich über das Geld, das die Chinesen in die lokale Wirtschaft brachten. Wer als Handwerker keine Arbeit mehr hatte, konnte zumindest als Vermieter Geld verdienen.

Nonstop-Flug zwischen Wenzhou und Rom

In den Nullerjahren kamen immer mehr Chinesen in die Toskana. Zwischen Wenzhou und Rom wurde ein Nonstop-Flug eingerichtet. Manche Migranten kamen mit Touristenvisum und blieben einfach. Andere bezahlten Menschenschmugglern viel Geld, das sie dann abzahlen mussten – eine Form brutaler Leibeigenschaft. Dass die Chinesen von früh bis spät in die Nacht arbeiteten, überraschte viele Italiener, für die mehrere Wochen bezahlter Urlaub im Jahr und fünf Monate Mutterschaftsurlaub selbstverständlich waren.

Die Wenzhouaner Arbeiter importierten billige Stoffe aus China und produzierten pronto moda – Hemden und Hosen und Freizeitjacken aus Polyester. Diese Artikel gingen an Grosshändler und wurden in der ganzen Welt auf Billigmärkten verkauft.

Die chinesischen Betriebe expandierten allmählich und begannen, für Marken im mittleren Segment wie Guess und American Eagle Outfitters zu produzieren. Und seit zehn Jahren arbeiten sie auch für Gucci, Prada und andere Luxuslabels. Accessoires und Handtaschen, die das begehrte Etikett «Made in Italy» tragen, werden zwar in Italien hergestellt, aber oft von chinesischen Billigarbeitern. Viele dieser Produkte werden von Reichen in Shanghai und Peking gekauft. Von diesem interkulturellen Arrangement profitieren aber nicht nur italienische Marken: Ein chinesischer Lederfabrikant in Prato beispielsweise trug kürzlich eine 40'000-Dollar-Uhr der Luxusmarke Bulgari.

«Wie Affen»

Inzwischen sind mehr als zehn Prozent der zweihunderttausend Einwohner von Prato Chinesen. Laut Francesco Nannucci, dem Chef der Kriminalpolizei, leben etwa zehntausend Chinesen ohne Papiere in der Stadt. Es heisst, Prato sei, nach Paris, die zweitgrösste chinesische Gemeinschaft in Europa. Ausserdem ist es die italienische Stadt mit dem höchsten Anteil von Immigranten, zu denen auch zahlreiche Nordafrikaner zählen.

Viele Einheimische, die früher in der Textil- und Lederindustrie arbeiteten, sind nicht gut auf die chinesischen Einwanderer zu sprechen. Sie sagen, den Chinesen gehe es nur um Kosten und Tempo, Ästhetik sei nebensächlich für sie. Zudem habe «der Chinese» keine Ahnung, wie man elegante Kleider und Accessoires herstellt. Simona Innocenti, eine Lederhandwerkerin, berichtet, dass ihr Mann, ein Handtaschenmacher, durch die chinesische Billigkonkurrenz aus dem Geschäft verdrängt worden sei. «Sie kopieren, sie imitieren, sie schaffen nichts Eigenes. Sie sind wie Affen.»

Zwar haben die Chinesen die Manufakturbetriebe von Prato wiederbelebt, trotzdem lehnt man sie ab, oder sie werden sogar gehasst. Einheimische werfen ihnen vor, sie hätten Kriminalität, Bandenkriege und Müll in die Stadt gebracht. Chinesische Werkstattbesitzer, sagen viele, ignorierten Gesundheitsvorschriften und zahlten keine Steuern. Sie würden Schulen und Krankenhäuser nutzen, ohne sich an den Kosten zu beteiligen. Anfang der Neunziger schrieben Italiener, die in Gegenden mit hohem Anteil von Immigranten arbeiteten, einen Brief an die chinesische Regierung, in dem sie um Verleihung der chinesischen Staatsangehörigkeit baten: «Wir sind sechshundert ehrliche Arbeiter, die das Gefühl haben, als seien wir bereits Bürger Ihres grossen Landes.»

Der merkwürdigste Vorwurf allerdings lautete, dass die Chinesen in der Toskana nicht sterben. Oder zumindest keine Leichen hinterlassen. Bereits 1991 ging die Regionalregierung der Frage nach, warum in Prato und Umgebung in den vorangegangenen zwölf Monaten kein einziger chinesischer Todesfall registriert worden war. 2005 war dieses Rätsel noch immer nicht gelöst. In jenem Jahr wurden mehr als tausend chinesische Einwanderer, aber nur drei Todesfälle registriert. Einheimische vermuteten, dass chinesische Gangster die Leichen verschwinden liessen und deren Pässe dann an Neuankömmlinge verkauften – wobei man sich den Umstand zunutze machte, dass für Europäer alle Chinesen irgendwie gleich aussahen.

Die Schattenwirtschaft der Chinesen in Prato begünstigt Steuerhinterziehung.

Die Klagen der Pratenser waren nicht frei von Neid, verrieten aber auch einen gewissen Respekt für Leute, die sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen hatten. Generell aber misstrauen viele Italiener den Chinesen, sie werfen ihnen vor, nicht genug zum wirtschaftlichen Leben beizutragen.

Simona Innocenti, die Lederhandwerkerin, sagt: «Die Chinesen gehen hier nicht einmal einkaufen. Sie haben einen Lieferwagen, der von Betrieb zu Betrieb fährt und Heftpflaster, Tampons und Hühnchen verkauft. Und im hinteren Teil des Wagens steht ein Dampfkocher mit Reis.»

Die Schattenwirtschaft der chinesischen Werkstätten in Prato begünstigt Steuerhinterziehung. Nach Ermittlungen des italienischen Finanzministeriums über dubiose Geldüberweisungen in Höhe von fünf Milliarden Dollar leistete die Bank of China, deren Mailänder Filiale die Hälfte dieser Transfers abgewickelt haben soll, im vergangenen Jahr eine Rückzahlung von mehr als zwanzig Millionen Dollar. Viele Geldüberweisungen sind nach Auskunft der Behörden unversteuerte Gewinne chinesischer Betriebe oder Geld, das durch die Produktion gefälschter italienischer Markenartikel generiert wurde.

«Die Chinesen fühlen sich wie die Juden der 1930er.»Francesco Xia, Makler

In Italien werden Ermittlungen dieser Art oft sehr lax angegangen. Es ändert aber nichts daran, dass viele Chinesen sich als willkommene Sündenböcke empfinden. «Wir haben diese Art der Geschäftsführung nicht erfunden», erklärte ein Firmeninhaber. «In Süditalien gibt es Leute, die noch viel schlimmer als die Chinesen sind.» Seiner Meinung nach sind seine Landsleute unbeliebt, weil sie härter arbeiten und erfolgreich sind.

Im Grossraum Prato allein sind etwa sechstausend Betriebe chinesischer Unternehmer angemeldet. Francesco Xia, Makler und Vorsitzender einer sozialen Organisation, die sich um junge Sino-Italiener kümmert, sagte: «Die Chinesen fühlen sich wie die Juden der 1930er. Prato hatte eine massive Wirtschaftskrise, und jetzt gibt es hier eine Schicht neureicher Chinesen, die teure Autos fahren, ihr Geld in Restaurants auf den Kopf hauen und sich nach der neuesten Mode kleiden. Das sorgt für böses Blut.»

Kein Wort Italienisch

In einer Zeit, in der überall in Europa fremdenfeindliche Töne zu hören sind, führt die italienische Rechte die demografischen Veränderungen in Prato als Beweis dafür an, dass gehandelt werden muss. Im Februar etwa erklärte der rechte Senator Patrizio La Pietra im Interview mit einer Lokalzeitung, dass man gegen die «ökonomische Illegalität der Chinesen» vorgehen müsse und dass die Schattenwirtschaft «die Region zugrunde gerichtet habe.» Ausserdem seien Tausende Arbeitsplätze vernichtet worden und zahlreiche Familien müssten hungern.

Solche Behauptungen stossen in Prato auf offene Ohren. Bei den Parlamentswahlen im März erzielten in der Toskana, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer links gewählt hat, rechte und populistische Parteien doppelt so viele Stimmen wie die linken.

Giovanni Donzelli, der der neofaschistischen Partei Fratelli d’Italia angehört und im März in die Abgeordnetenkammer gewählt wurde, sagte: «Die Chinesen haben ihre eigenen Restaurants und ihre eigenen Banken – ja sogar ihre eigene Polizei. Damit schaden sie der Wirtschaft in doppelter Hinsicht. Erstens, weil sie unfair mit den anderen Unternehmen in der Region konkurrieren, und zweitens, weil das Geld nicht wieder in die toskanische Wirtschaft gesteckt wird.» Er fügte hinzu, dass er einmal versucht habe, mit chinesischen Eltern an der Schule seiner Kinder zu sprechen. «Sechs, sieben Jahre sind sie schon im Land, und noch immer sprechen sie kein Wort Italienisch», schimpfte er. «Weil sie es nicht nötig haben.»

Die Altstadt von Prato, umgeben von einer Mauer, die aus der Frührenaissance datiert, ist ein pittoreskes Gewirr von Strassen und Gassen. Bei meinem Besuch im Februar sah ich an einem Sonntag Einheimische beim mittäglichen Spaziergang, manche hatten Päckchen dabei, die die Namen der besten Konditoreien der Stadt trugen, und immer wieder blieben sie vor Schaufenstern stehen. Der Dom ist mit wunderbaren Fresken von Filippo Lippi ausgemalt – laut Vasari «das Beste, was dieser geschaffen hat» –, und in einer prächtigen Kapelle wird die Sacra Cintola aufbewahrt, der Mariengürtel aus Ziegenwolle, gewissermassen das Urkleidungsstück von Prato.

In der Chinatown, ausserhalb der Stadtmauern, waren Familien mit anderen Päckchen unterwegs – meist mit gedämpften Teigtaschen darin. Reiche Chinesen aus der Umgebung machten Verwandtenbesuch in der Stadt. Ich sah fast nur BMW, Audi oder Mercedes (mehrere Italiener sagten, kein Chinese würde sich in einem Fiat Panda blicken lassen). Laut einer Studie, 2015 von einer regionalen Wirtschaftsagentur durchgeführt, tragen die Chinesen mehr als siebenhundert Millionen Euro zur Wirtschaft der Provinz Prato bei, was etwa elf Prozent des Gesamtumfangs entspricht.

In ungeheizten Räumen sitzen die Ärmsten der Neuankömmlinge, oft Illegale, und nähen.

Ich fuhr ins chinesische Viertel von Prato. Es machte einen heruntergekommenen Eindruck. Viele Fenster waren mit Decken verhängt. Als ich einige Tage später Polizisten bei Razzien begleiten konnte, erfuhr ich, dass sich hinter diesen Fenstern meist Sweatshops verbergen: In ungeheizten Räumen sitzen die Ärmsten der Neuankömmlinge, oft Illegale, und nähen Kragen an Hemden oder bunte Streifen auf Jogginghosen. Diese Hosen gehen für acht Euro pro Stück an Grosshändler – ein Fünftel dessen, was sie kosten würden, wenn sie legal von Italienern hergestellt worden wären.

Die chinesischen Textilbetriebe sind meist kleine Werkstätten. Nach meinem Besuch in der Altstadt fuhr ich durch die Vorstädte von Prato. Überall an den Fassaden sind chinesische Schriftzeichen zu sehen neben englischen Namen wie Normcore, Feel Good oder Miss & Yes. Die weitläufigen, flachen Gebäude sind vollgestopft mit Werkstätten und Showrooms, wo interessierte Käufer Muster in Augenschein nehmen und Bestellungen aufgeben können.

Die Unternehmensberaterin Jessica Moloney sagte mir: «Wenn Sie fünfhundert bis tausend Stück brauchen und drei bis sechs Monate warten können, dann gehen Sie nach China. Wenn Sie aber nur zwei Wochen Zeit haben und hundert Stück brauchen, dann gehen Sie nach Prato.» Sie fügte hinzu: «TJ Maxx ist hier überall präsent. Ich kenne niemanden, der nicht mit diesem Unternehmen zusammenarbeitet.»

Razzien gegen Kriminalität

Prato bedeutet «Wiese», und selbst hier, inmitten von Gebäuden, die an einen Flughafen erinnerten, gab es Grünflächen mit hübschen Pinien. Auf einem dieser Plätze fand im Juni 2016 eine Protestkundgebung wütender Chinesen statt. 2013 waren bei einem durch Kurzschluss verursachten Brand in einer Werkstatt namens Teresa Moda sieben chinesische Arbeiter ums Leben gekommen. Sie hatten in dem Gebäude gearbeitet und geschlafen. Ein Opfer hatte noch versucht, durch ein vergittertes Fenster ins Freie zu gelangen. «Ich konnte ihre Todesschreie im Innern des Gebäudes hören», sagte ein Carabiniere, der beim Löschen des Feuers mitgeholfen hatte, dem «Corriere della Sera».

Nach dem Brand erklärten die Behörden, die Arbeitsschutzbestimmungen, gesetzlicher Mindestlohn und Hygienevorschriften sollten künftig auch für Chinesen gelten. Bei Razzien wurden zahlreiche nicht registrierte Werkstätten entdeckt. Zwischen 2014 und 2017 wurden mehr als achttausend chinesische Betriebe überprüft. Die Kontrolleure kamen nachts und unangekündigt, bevor die Besitzer aufräumen oder den Betrieb dichtmachen und woanders unter einem anderen Namen neu eröffnen konnten.

Diese Razzien, die im Rahmen der Aktion Lavoro Sicuro («Sicherer Arbeitsplatz») stattfanden, richteten sich offiziell nicht gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Aber jedermann sprach von «chinesischen Razzien», auch der Initiator des Projekts, Renzo Berti, der Direktor für Prävention im Gesundheitsamt der Region Toskana. Berti wies darauf hin, dass sich die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Textilbetrieben verbessert hätten. Zu Beginn seien in 93 Prozent der überprüften Betriebe Gesetzesverstösse festgestellt worden, von verbotenen Unterkünften bis zu nicht isolierten Stromkabeln. Inzwischen liege die Quote bei 35 Prozent. «Wir treten ihnen auf die Füsse», sagte Berti. «Wir bewirken etwas.»

Razzia in Prato: Eine Polizistin kontrolliert die Dokumente eines Chinesen. Foto: Reuters

Auch gegen die chinesische Kriminalität geht die Polizei vor. Im Januar wurde Zhang Naizhong verhaftet, mutmasslicher Kopf der sino-italienischen Mafia, die nach Polizeiangaben in Prato stark präsent ist. Francesco Nannucci bezeichnete Zhang als «Paten» und fügte lachend hinzu: «Sie haben das Geschäft von uns gelernt.» (Auch italienische Gangster sind in Prato aktiv, aber zwischen den beiden Gruppen gibt es keine Kontakte.)

Nach Nannuccis Schätzung bezahlen 80 Prozent der chinesischen Textilbetriebe Schutzgelder an Zhangs Organisation, die auch das Drogengeschäft, die Prostitution und das Glücksspiel kontrolliert. (Ein Ermittlungsrichter meldete kürzlich Zweifel an den vorliegenden Beweisen an, aber Zhang bleibt in Untersuchungshaft.) Die Polizei hatte Zhang auf dem Weg von Rom nach Prato beschattet. Unterwegs wechselte er achtmal das Fahrzeug, um Verfolger abzuschütteln, er wurde in einem Chinarestaurant beobachtet, wo chinesische Geschäftsleute der Reihe nach an seinem Tisch erschienen und sich verneigten, und schliesslich hatte man ihn in einem Hotel in Prato verhaftet. Nannucci war zufrieden mit der Operation, aber enttäuscht, dass er von den chinesischen Pratensern wenig Unterstützung bekam. «Überall stösst man auf Schweigen», sagte er.

Wütende Chinesen

Für die Chinesen sind die Razzien und Zhangs Verhaftung in erster Linie eine Schikane. Ein chinesischer Unternehmer zog sogar eine Waffe, als die Polizei seinen Betrieb inspizierte (die sich als Spielzeugpistole erwies). Armando Chang, der in Prato ein Reisebüro besitzt, sagte: «Wenn die Italiener eine Ermittlung durchführen, stellen sie erst eine Theorie auf und versuchen dann, die passenden Fakten zu finden.» Er habe noch nie von einer lokalen chinesischen Mafia gehört. «Ich kenne das aus Bruce-Lee-Filmen, aber hier habe ich das noch nie gesehen.»

Einige chinesische Geschäftsleute meinten, es sei kein Zufall, dass kurz vor den Wahlen deutlich mehr Razzien durchgeführt wurden.

Während einer Razzia im Juni 2016 geriet ein älterer Chinese mit einem Polizisten aneinander, als er den Betrieb, in dem er arbeitete, verlassen wollte. Der Mann, der ein Kleinkind auf dem Arm trug, wurde angeblich geschubst, das Baby fiel hin und zog sich Verletzungen zu. In den sozialen Netzwerken verbreitete sich die Nachricht in Windeseile, und wenig später versammelten sich Hunderte von Chinesen auf einem Platz, skandierten Rufe, warfen Steine und Flaschen. Die Polizei löste die Demonstration auf, und die Regionalregierung kündigte noch mehr Razzien an.

Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen.

In dieser Situation schaltete sich das chinesische Aussenministerium ein und rief die italienischen Behörden zur Mässigung auf. (Fast alle gebürtigen Chinesen in Prato behalten ihren chinesischen Pass.) Beide Seiten versprachen, künftig zusammenzuarbeiten, aber die Situation bleibt angespannt. Luca Zhou, Direktor des italienischen Zweigs von Ramunion, einer chinesischen Wohlfahrtsorganisation, sagte: «Sie vermieten uns die Fabriken, aber mit uns sprechen wollen sie nicht.»

An jenem Sonntag überquerte ich den Platz, auf dem der Protest stattgefunden hatte, und kam zu einem grossen Fabrikgebäude, an dessen Fassade noch «BP Studio» stand, der Name eines florentinischen Modehauses, das früher hier ansässig war. Wäsche hing an einer Leine. Die Arbeiter, die am Eingang standen, musterten mich mürrisch, liessen mich aber eintreten. Im Innern war ein riesiger Saal, so gross wie ein Fussballfeld. Arbeiterinnen (und auch ein paar Männer) sassen in langen Reihen unter Neonlicht und nähten Ledersachen. Die Arbeit schien kein Ende zu nehmen: Einige Männer schliefen, hatten den Kopf auf den Arbeitstisch gelegt. In den Ecken spielten Kinder oder schauten fern. Blusen, knallrote Taschen aus Kunstleder und Schlüsselanhänger waren ordentlich gestapelt, fertig zum Abtransport.

Dies war eine typische Pronto moda-Fabrik, die Kleider und Accessoires in hohem Tempo produzieren kann – in einer Zeit, in der es nicht mehr um saisonale Modetrends geht, sondern nur noch darum, rasch auf eine Flut von Instagram-Bildern zu reagieren.

«Extrem anpassungsbereit»

Ein chinesischer Textilunternehmer, den ich Enrico nenne (die meisten chinesischen Migranten nehmen italienische Vornamen an), war bereit, mir seinen Produktionsbetrieb zu zeigen. Er hatte mich um Anonymität gebeten, da die Zulieferer grosser Modehäuser vertraglich zu Stillschweigen verpflichtet sind.

1988, als Enrico dreizehn war, verliess er mit seiner Mutter Wenzhou in Richtung Italien. Die Einheimischen seien anfangs freundlich gewesen, erzählte er, doch als immer mehr Wenzhouer kamen, sei damit bald Schluss gewesen. Er selbst habe aber nie in Erwägung gezogen, wieder zurückzukehren. «Wir Chinesen sind traditionell extrem anpassungsbereit», sagte er. Als Unternehmer halte er sich strikt an die Gesetze – er hat sogar eine Betriebsrente für seine Arbeiter eingeführt. Er räumte aber ein, dass nicht alle chinesischen Unternehmer sich an die Vorschriften halten. «Wenn man die allzu streng befolgt, kommt man nicht weit. Ein Chinese, der eine Abkürzung nimmt, arbeitet trotzdem hart. Ein Italiener, der die gleiche Abkürzung nimmt, arbeitet sieben, acht Stunden. Ein Chinese zwölf.»

In Enricos Betrieb, in dem vor allem Lederwaren produziert wurden, herrschte eine deutlich bessere Atmosphäre als in den Fabriken, die ich bei den Razzien gesehen hatte. Meistens wohnten dort die Betriebsleiter angeblich allein in den angrenzenden Schlafzimmern – worauf die Beamten auf die vielen aufgereihten Sandalen zeigten. Dann wurden die Gebäude nach illegalen Arbeitern durchsucht, und ein Finanzinspektor forschte nach Hinweisen auf Barzahlungen.

Illegale Migranten werden nur selten länger festgehalten oder nach China abgeschoben.

Bei einer Razzia sah ich, wie ein Gesundheits inspektor in einen Reiskocher schaute, der auf einem Korridor stand, und einen Kollegen fragte: «Was für eine Scheisse fressen die hier?» – «Eine Art Suppe», sagte der Kollege achselzuckend. Am Ende wird meist ein Bussgeld festgesetzt, das sich auf ein paar Hundert Euro beläuft. Illegale Migranten werden auf die Polizeiwache gebracht, wo sie wenig zu befürchten haben. Nur selten werden sie länger festgehalten oder nach China abgeschoben, weil sie keine Dokumente haben.

Im Gegensatz zu diesen primitiveren Werkstätten erinnerte mich Enricos Betrieb an eine gut organisierte Fabrik für Elektronik. Die Arbeiter nahmen in einem richtigen Speisesaal ihre Mahlzeiten ein und trugen saubere Arbeitskleidung. Die Stromleitungen waren professionell verlegt. Die Arbeiter waren in separate Teams eingeteilt: Die einen brachten das Leder in Form, andere nähten die Teile zusammen, andere waren für das Innenfutter zuständig und wieder andere für Schnallen und Trageriemen. Die zur Verarbeitung vorgesehenen Lederstücke lagen ordentlich auf Rollwagen bereit, wie Thunfischscheiben in einer SushiTheke. «Mein Betrieb ist etwas Besonderes», sagte Enrico stolz. «Berühmte Marken liefern uns das Material, und wir stellen das fertige Produkt her.»

Die italienische Modebranche ist seit Langem bemüht, Kosten zu senken, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen. In den 1970ern und 1980ern funktionierte das Pratenser Werkstattsystem reibungslos, aber in den Neunzigern, als auf der ganzen Welt Handelsschranken fielen, sahen die Modehäuser eine günstige Gelegenheit, die sie sofort ergriffen. Konnte man «Made in Italy»-Produkte nicht in Osteuropa oder China produzieren? Die Entwürfe würden noch immer in Mailand oder Florenz angefertigt, sodass das Herkunftsetikett kein kompletter Schwindel war. Doch diesbezügliche Berichte sickerten durch, und die führenden Marken sahen sich enormem Druck ausgesetzt, ihre Produkte ehrlicher zu vermarkten.

Im Jahr 2010 lancierte Santo Versace – ein Politiker, der zugleich Vorstandschef des Modehauses Versace ist – einen Gesetzentwurf, der einen typisch italienischen Kompromiss vorsah: Sofern mindestens zwei Produktionsschritte in Italien stattfinden, sollte das Endprodukt das begehrte Etikett tragen dürfen. Die berühmten Modeunternehmen suchten weiter nach Möglichkeiten, wie das Etikett «Made in Italy» aussagekräftig bleiben und man trotzdem kostengünstig wirtschaften konnte.

Während meines Rundgangs durch Enricos Betrieb sah ich in einer Ecke Dutzende von Prada-Aktentaschen stehen. Dieselben Taschen hatte ich kurz zuvor in Florenz in einem Geschäft gesehen – für zweitausend Dollar das Stück. Neben den Prada-Taschen hingen an einem Haken Ledertaschen von Dolce & Gabbana mit den typischen «DG»-Schnallen. Eine Ecke war reserviert für Taschen einer renommierten französischen Firma, die ebenfalls für rund zweitausend Dollar verkauft wurden. Auf einem Tisch lag ein Muster aus Karton. Enrico zeigte mir das Lager, wo diese Schätze allabendlich eingeschlossen wurden.

«100 % Italiano»

Ich dachte an meinen Besuch in Scandicci, dem Ort bei Florenz, der als Zentrum des italienischen Lederhandwerks gilt. Ich hatte mich dort mit Andrea Alistri getroffen, dessen Werkstatt gespickt war mit Zeugnissen dreier Generationen von Lederhandwerkern. Er habe für Gucci gearbeitet, erzählte er, für Dolce & Gabbana und Prada, habe aber dagegen protestiert, dass diese Unternehmen mit Leuten zusammenarbeiten, die gegen die Arbeitsgesetze verstossen. Alistri hat vor mehreren Jahren das Konsortium «100 % Italiano» ins Leben gerufen, das für die korrekte Einhaltung der arbeitsrechtlichen Vorschriften kämpft, aber seine Worte hatten einen unverkennbaren Unterton. «‹Made in Italy› bedeutet: von Italienern gemacht!», sagte er. Ringsum in den Regalen lagen wunderschöne Handtaschen aus weichem Leder. Aber genau solche Taschen wurden auch in Enricos Werkstatt hergestellt.

Ein anderer chinesischer Unternehmer in Prato, hier Arturo genannt, empfing mich in seinem Büro. Vor ihm auf dem Tisch lagen zwei elegante Gucci-Taschen. Die grossen Marken, sagte er, hätten allesamt eigene Werkstätten. (In Scandicci sah ich eine neue Fabrik, an deren Fassade in grossen Lettern «Prada» prangte.) «Aber sie verkaufen zehntausend Taschen im Monat», fuhr Arturo fort. «Wie wollen sie so viele Taschen produzieren? Sie schneiden das Leder zu und machen die Prototypen, das wars.» Er fügte hinzu, dass er Anfragen von Prada abgelehnt habe, weil das Unternehmen nicht gut genug zahle. (Prada erklärte in einem Statement, man pflege enge Beziehungen zu traditionellen italienischen Handwerksbetrieben.)

Nach Schätzungen eines dritten chinesischen Unternehmers, den ich Luigi nenne, arbeiten mehr als hundert chinesische Werkstätten in der Toskana für die grossen Modehäuser. Jeder dieser Betriebe zieht fünf bis zehn Subunternehmer heran, wenn es um Arbeitsschritte wie das Annähen von Schulterriemen und das Polieren geht. Alle Unternehmer, die ich interviewte, konnten sich in der Landessprache verständigen, aber Luigi sprach wirklich fliessend Italienisch.

«Italiener sind die besten Handwerker der Welt.»Luigi, chinesischer Unternehmer

Er sagte, er habe für Chloé, Burberry, Fendi, Balenciaga, YSL und Chanel gearbeitet. «Handwerklich gesehen ist Chanel top», sagte er (er verwendete den englischen Ausdruck). «Sie stellen die höchsten Ansprüche an Qualität.» Für ein Unternehmen wie Fendi zu arbeiten, sei für einen Chinesen nicht leicht. Man müsse sich «die italienische Mentalität zu eigen machen» und sich eine Handtasche «mit italienischen Augen vorstellen». Er fuhr fort: «Ein Chinese denkt nur, dass er so und so viele Taschen anfertigen muss, aber bei jeder Tasche gibt es eine genaue Vorstellung davon, was sie vermitteln soll. Für meine Begriffe sind die Italiener die besten Handwerker der Welt.»

Arturos Betrieb war sauber und organisiert. Die Arbeiter, die das Leder färbten, trugen Schutzmasken. Ich erfuhr, dass die ersten fertigen Exemplare eines jeweiligen Produkts von Vertretern der Modehäuser geprüft würden, der Rest der Bestellung würde dann nach ihren Spezifikationen erledigt. Gucci ist bekannt für detaillierte Anweisungen und präzise Vorgaben hinsichtlich Zahl und Länge der Stiche. Kompetente Mitarbeiter sind daher unverzichtbar.

Arturo erläuterte mir die wirtschaftliche Seite eines Betriebs, der für Luxusartikelhersteller arbeitet. Er bekommt eine Pauschalsumme für einen Auftrag, unabhängig von der erforderlichen Arbeitszeit. Die ersten Taschen seien ein Minusgeschäft, aber mit jedem wiederholten Handgriff würden seine Arbeiter schneller und könnten profitabler arbeiten. Bei Aufträgen für Gucci bekomme er durchschnittlich achtzehn Euro die Stunde.

Arbeiten bis zum Umfallen: Vierzehnstundentage in den Fabriken kommen oft vor. Foto: Reuters

Er zeigte mir eine Tasche, die mit dem bekannten Logo des Unternehmens, zwei verschränkten Gs, versehen war, und sagte: «Dieser Stoff kostet fünfzehn Euro der Meter. Aber von diesem Stoff werden Abermillionen Meter produziert, also bezahlen sie dafür nicht fünfzehn, sondern vielleicht zehn Euro. Das Leder hier kostet zwischen fünfzehn und zwanzig Euro, der Reissverschluss zwei Euro. Plus das Geld, das sie uns bezahlen. Das sind die Kosten. Das fertige Produkt kommt dann für das Zehn- oder Fünfzehnfache auf den Markt.» Die erfahrensten Arbeiter in den angesehensten chinesischen Fabriken verdienen rund zweitausend Euro im Monat.

Luigi erzählte mir, dass die grossen Modehäuser seit einiger Zeit genauer darauf achten, wem sie Aufträge geben, und Inspektionen von Subunternehmern inzwischen selbst durchführen. «Ich habe jedes Jahr sieben Prüfungen von sieben Markenfirmen», sagte er. «Arbeitsbedingungen, Vertragsklauseln, Sicherheit – die ganze Firma wird unter die Lupe genommen.» Alle chinesischen Unternehmer bestätigten, es sei nützlich, einen italienischen Geschäftspartner zu haben. Luigi hatte einen solchen Partner, und in seinem Betrieb arbeiteten zudem mehrere italienische Angestellte. So komme man leichter an Aufträge: Die grossen Modehäuser hätten dann mehr Vertrauen. Und kein Modehaus würde ihm für einen Auftrag weniger Geld bieten als einem italienischen Betrieb.

Im Jahr 2014 sprach ein italienischer Handwerker mit der Investigativjournalistin Sabrina Giannini. Gucci hatte ihm einen grösseren Auftrag gegeben, aber die Bezahlung war so gering – vierundzwanzig Euro pro Tasche –, dass er einen chinesischen Subunternehmer anheuerte, dessen Arbeiter einen Vierzehnstundentag hatten und die Hälfte dessen verdienten, was er bekam. In den Läden wurden die fertigen Taschen dann für achthundert bis zweitausend Dollar angeboten. Ein Gucci-Inspektor erklärte, er habe keinen Grund, sich nach den Arbeitsbedingungen der Angestellten zu erkundigen. (Gucci bezeichnete Gianninis Reportage als «falsch» und «an der Realität vorbei». In den letzten Jahren habe man die Kontrolle der Zulieferbetriebe, einschliesslich der Subunternehmer, verschärft und rund siebzig Betriebe auf die «schwarze Liste» gesetzt.)

1200 Euro Monatslohn

In der jüngsten Zeit sind viele chinesische Unternehmer dazu übergegangen, Arbeiter aus Ländern wie Syrien, Pakistan und Senegal einzustellen. Mehrere Wochen vor meiner Ankunft in Prato fand dort eine Protestkundgebung vor einem Betrieb statt, der regelmässig als Subunternehmer für eine Firma arbeitet, die bekannte Modehäuser mit Metallprodukten beliefert. Der chinesische Besitzer hatte abrupt den Betrieb eingestellt, alle Arbeiter, mehrheitlich Senegalesen, entlassen und ihnen den Lohn vorenthalten. Der Mann wurde in der Nähe entdeckt, in einem anderen Betrieb, der ihm gehörte, und er erklärte sich bereit, ihnen in der Werkstatt den Lohn auszubezahlen. Die Arbeiter kehrten zurück, der Eigentümer begrüsste sie am Eingang und bat sie, einen Moment zu warten, er wolle das Geld holen. Er verschwand dann durch einen Hinterausgang und stieg dort in ein wartendes Auto.

Nach dieser slapstickhaften Farce empfahl die Gewerkschaft den Arbeitern, öffentlich zu protestieren. Einer der Teilnehmer erzählte mir später, dass er nur 1200 Euro monatlich bekommen habe, ohne Sozial- und Krankenversicherung, und alle hätten in einem ungeheizten Raum arbeiten müssen. Er erinnerte sich, dass er an Produkten für Unternehmen wie Ferragamo, Prada und Dior gearbeitet habe. Der Vorarbeiter habe gebrüllt, sie sollten «schneller, noch schneller arbeiten». (Offiziell erhielten die Arbeiter einen höheren Lohn, so wie es das Gesetz vorschreibt, aber laut einem Gewerkschaftsvertreter mussten sie dem Besitzer den «zusätzlichen» Betrag zurückerstatten.)

Die Werkstatt ist mittlerweile stillgelegt, die Arbeiter haben ihren Lohn nie bekommen. Aber ein Betrieb im selben Gebäude, das demselben Chinesen gehört, ist weiter aktiv. Im Februar erhielt dieser Betrieb vom selben Subunternehmer einen Auftrag, 785 Chanel-Gurtschnallen zu bearbeiten.

Massimo d’Azeglio, der piemontesische Schriftsteller und Politiker, soll nach der Einigung Italiens 1861 ausgerufen haben: «Italien haben wir geschaffen, nun müssen wir die Italiener schaffen.» Doch bis vor Kurzem hat kaum jemand daran gedacht, dass man auch durch Einwanderung Italiener werden kann. Bei einer der Razzien fragte ich eine Italienerin, die als Dolmetscherin fungierte, warum nicht Wenzhouaner als Dolmetscher eingesetzt würden: Dann würden die Arbeiter vermutlich bereitwilliger antworten und könnten nicht mehr in ihrem heimatlichen Dialekt miteinander sprechen, den nicht einmal Hochchinesisch Sprechende verstehen. Sie antwortete unbekümmert: «Weil wir Italiener sind.»

«Unsere Kids wollen keine Taschen anfertigen, sie wollen studieren!»Arturo, chinesischer Unternehmer

Die Toskaner mögen sich der Illusion hingeben, sie könnten sich von den Kräften der Globalisierung abschotten, doch angesichts der immer komplexeren wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und China ist dieses Trugbild kaum noch aufrechtzuerhalten. Das Pro-Kopf-Einkommen in Wenzhou ist heute das Hundertfache dessen, was es seinerzeit betrug, als die Emigration nach Prato einsetzte. Die Folge ist, dass die Lohnerwartungen in den chinesischen Fabriken in Prato steigen. Reisebürobesitzer Armando Chang berichtete, dass nicht mehr so viele Chinesen kämen. Manch einer kehre sogar wieder zurück. «In Wenzhou kann man mehr Geld verdienen», sagte Enrico und wies darauf hin, dass er aufgrund der gestiegenen Einkommenserwartungen in Wenzhou seinem chinesischen Manager mehr zahle, als er einem Italiener zahlen würde.

Die chinesische Community in Prato entwickelt sich weiter. Viele Einwandererkinder, die seit ihrer Geburt in Italien leben, interessieren sich für andere Dinge als die Textil- und Lederwarenindustrie. «Unsere Kids wollen keine Taschen anfertigen», klagte Arturo. Einer seiner Freunde bestätigte: «Alle wollen jetzt an der Bocconi studieren!» (Die Bocconi ist eine private Eliteuniversität in Mailand.)

In dem netten chinesischen Bistro «Ravioli di Cristina» – Italiener bezeichnen chinesische Teigtaschen als «chinesische Ravioli» – lernte ich die achtzehnjährige Chinesin Luisa kennen. Ihr Vater beliefert chinesische Werkstätten mit Kaffeeautomaten. Die Pratenser Chinesen dächten nur ans Geld, sagte sie, deswegen habe sie fast nur italienische Freunde. Als der junge chinesische Kellner, der mit ihr flirtete, sie auf einen koreanischen Popsong aufmerksam machte, empfahl sie ihrerseits einen Song des New Yorker Duos Chainsmokers. An ihrer Schule, der Technischen Oberschule Tullio Buzzi am östlichen Rand von Prato, gebe es nur wenige chinesische Schüler, deshalb – aber auch wegen der Spezialisierung auf technische Fächer – habe sie sich für diese Schule entschieden. «Am Anfang beachten einen die anderen nicht», sagte sie. Doch mit der Zeit sind Freundschaften entstanden. «Manchmal höre ich noch immer rassistische Sprüche, sie nennen mich Gelbgesicht, aber da lache ich nur.»

Die Italienerin Deborah Sarmento, die in Prato einen Nachhilfezirkel gegründet hat für chinesische Kinder, deren Eltern von früh bis spät arbeiten, sieht die Migrationsfrage gelassener als viele ihrer Nachbarn. Die Pratenser, sagte sie, sollten sich auf ihre Tradition besinnen und zugleich von den Chinesen lernen. «Wir haben immer wieder unter Fremdherrschaft gelebt», sagte sie. «Erst die Etrusker, dann die Langobarden, dann die Florentiner und die Spanier. Wir sind mit dieser Situation fertig geworden, weil wir uns unserer Wurzeln bewusst waren. Da versteht man erst richtig, was es heisst, aus Prato zu sein.»

Eigene Entwürfe

Sara Lin, eine 38-jährige Modedesignerin mit einer blonden Strähne im schwarzen Haar, ist ebenfalls ein Symbol des Wandels. Mit sieben kam sie mit den Eltern nach Italien. Ihr Vater arbeitete in einem Textilbetrieb bei Mailand, ihre Mutter hatte eine Kleiderfabrik in der Toskana. Zuerst war Sara verwirrt: «Die Italiener sahen für mich alle gleich aus. Man konnte ihre Gesichter nicht unterscheiden.» Doch sie gewöhnte sich rasch ein und war in der Schule erfolgreich, auch weil sie gut in Mathematik war. Als Teenager kehrte sie für zwei Jahre nach China zurück, um ihr Chinesisch zu verbessern und die Kultur kennen zu lernen. Sie fühlte sich nicht wohl: «Die Gesellschaft war rassistischer als hier!»

Nach dem Schulabschluss ging sie in die Modeindustrie. Später fertigten sie und ihr Mann Taschen für Valentino und Gucci an. Doch sie wollte mehr – sie wollte ihre eigenen Entwürfe machen. 2008 erwarb sie die Rechte an der einst berühmten Florentiner Handtaschenmarke Desmo. «Zuerst stiess ich auf viel Widerstand bei den Florentinern.» Aber gemeinsam mit einem italienischen Geschäftspartner gelang es ihr, Taschen zu kreieren, die ein paar Hundert Dollar kosten. (Auf der Website von Desmo heisst es, dass die Taschen «Made in Tuscany» sind und von Experten angefertigt werden.)

«Als ich das Baby bekam, stand ich in der Werkstatt.»Sara Lin, Modedesignerin

Später hatte Lin eine noch ehrgeizigere Idee – eine «zusammensetzbare Handtasche», die «Pop Bag». Man nimmt verspielte Komponenten – Vorderseite, Rückseite, verstellbare Riemen usw. – und baut sich seine eigene Tasche. Die Farbe der einzelnen Teile kann man wählen. Es ist eine moderne amüsante Variante dessen, was viele andere Chinesen in Prato machen: Taschen zusammenbauen.

Sara sagte, sie verbinde die Hartnäckigkeit der Chinesen – «Als ich vor neunzehn Jahren schwanger war, stand ich mittags in der Werkstatt, und um drei bekam ich das Baby» – mit der Flexibilität der Italiener. Von China habe sie die Disziplin, Italien biete ihr die Freiheit, sich zu verwirklichen. «In China ist es so: Was ein Mann mit einem Wort erreicht, dafür braucht eine Frau fünf Wörter. In China braucht eine Frau sehr viel Willensstärke und Energie. In Italien ist es umgekehrt: Eine Frau, ein Wort. Ein Mann, fünf Wörter.»

2016 eröffnete sie in der Via Calimala in Florenz ihren ersten Pop Bag Shop. Und vor ein paar Wochen eröffnete sie einen kleinen Laden im Time Warner Center in New York. Ursprünglich hatte sie sich etwas ähnlich Schickes vorgestellt wie in Florenz, aber Manhattan ist weit entfernt von Prato, und Sara Lin ist eine kühl rechnende Unternehmerin. Ihre Pop Bags werden auch in China verkauft. Auf meine Frage, ob ihr zugutekomme, dass sie in China geboren ist, sagte sie nur: «Ich weiss es nicht. Wir haben das noch nicht untersucht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2018, 15:25 Uhr

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