Genossenschaften gründen neue Lobby

Die Schweizer Genossenschaften wollen sich bei der Politik mehr Gehör verschaffen – und aus den zwei Skandalen der jüngsten Zeit ihre Lehren ziehen.

Sie vergleicht Genossenschaften mit der modernen Idee der «Sharing Economy«: Ursula Nold, Präsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bund. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Sie vergleicht Genossenschaften mit der modernen Idee der «Sharing Economy«: Ursula Nold, Präsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschafts-Bund. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Genossenschaft – das klingt irgendwie verstaubt, nach Gottlieb Duttweiler oder nach Klassenkampf. «Überhaupt nicht!», sagt Ursula Nold, Präsidentin des Migros-Genossenschafts-Bunds. «Genossenschaften stehen für moderne Werte wie Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Unternehmertum», findet Nold, sie spricht gar von einer «trendigen Idee», die verwandt sei mit jener der Sharing Economy.

Nold ist nicht nur Präsidentin der grössten Genossenschaft im Land, sondern auch designierte Präsidentin der Idée Coopérative, der «Genossenschaft für Genossenschaften». Die Genossenschaft wird ihren Sitz in Bern haben und will als Schweizer Kompetenzzentrum für das Genossenschaftswesen fungieren.

Prominente Namen

Neben der Migros sind auch Genossenschaftsunternehmen wie Raiffeisen, Fenaco, Mobiliar, Mobility, Reka und die WIR-Bank mit von der Partie. Nold ist zuversichtlich, dass weitere kleine und grosse Genossenschaften dazustossen werden. Hierzulande gibt es insgesamt 8500 Unternehmen mit dieser Rechtsform.

Die Idée Coopérative löst die bisherige Interessengemeinschaft Genossenschaftsunternehmen ab, die an der Universität Luzern angesiedelt war. Die neue Organisation will den Mitgliedern mehr praktische Unterstützung anbieten. So soll Ende April ein Corporate-Governance-Leitfaden für Genossenschaften vorgestellt werden, der derzeit von Experten erarbeitet wird.

«Die beiden Fälle bieten eine gute Möglichkeit, um daraus Lehren zu ziehen für die anderen Genossenschaften.»Ursula Nold, Migros-Genossenschafts-Bund

Damit wird ein aktuelles Thema aufgegriffen: Im Fall um Raiffeisen und Ex-Bankchef Pierin Vincenz spielt die bisher mangelhafte Corporate Governance bei der Genossenschaft eine grosse Rolle. Und auch im aktuellen juristischen Seilziehen bei der Migros Neuenburg-Freiburg hätten zeitgemässe Richtlinien zur Unternehmensführung womöglich geholfen.

Nold will die Vorkommnisse inhaltlich nicht kommentieren, sagt aber: «Die beiden Fälle bieten eine gute Möglichkeit, um daraus Lehren zu ziehen für die anderen Genossenschaften.» Und sie betont, dass es sich um Ausnahmen handelt.

Von den Unis vergessen

Die neue Genossenschafts-Lobby soll mit einem Monitor die volkswirtschaftliche Relevanz der Genossenschaften aufzeigen. Geht es dann auch um politische Forderungen? Die Mitglieder der Idée Coopérative seien bereits in ihren Branchen aktiv, sagt Nold, aber in grundsätzlichen Fragen vielleicht schon, etwa bei einer Aktienrechtsreform. «Wir sehen immer wieder, dass die Genossenschaften vergessen gehen – sei es bei der Politik oder in der Lehre an den Hochschulen.»

«Die Genossenschaft wäre die richtige Form für nachhaltiges Wirtschaften.»Ursula Nold, Migros-Genossenschafts-Bund

Letzteres zeige sich darin, dass Jungunternehmen kaum die Form der Genossenschaft wählten, so Nold. «Dabei wäre die Genossenschaft die richtige Form für nachhaltiges Wirtschaften.» Es gebe aber auch Beispiele für neu gegründete Genossenschaften. Nold nennt Discover.swiss, eine gemeinsame digitale Plattform von Schweizer Tourismusdestinationen, oder das Zürcher Musikerkollektiv Red Brick Chapel, dem 16 Solokünstler und Bands angehören.

Erstellt: 06.12.2019, 06:02 Uhr

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