Nissan-Affäre: So wurde aus dem Schützling ein Königsmörder

Um die japanische Firma zu schützen, handelte Nissan-Chef Saikawa ganz unjapanisch: Er liess seinen Ziehvater observieren.

«Das ist kein Putsch gegen Ghosn, und man sollte so auch nicht denken»: Nissan-Chef Hiroto Saikawa.

«Das ist kein Putsch gegen Ghosn, und man sollte so auch nicht denken»: Nissan-Chef Hiroto Saikawa. Bild: Issei Kato/Reuters

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«Ich fühle grosse Enttäuschung, Frustration und Verzweiflung, Empörung und Groll.» So unverblümt legte Nissan-Chef Saikawa nachts um halb elf Uhr vor Hunderten Journalisten in der Konzernzentrale von Nissan in Yokohama seine Emotionen offen. Ghosn war sein Förderer und Mentor, ihm verdankt der 65-Jährige seinen Aufstieg über zwei Jahrzehnte an die Spitze von Japans zweitgrösstem Autobauer. Vor zwei Jahren wurde Saikawa Co-Chef, seit April 2017 regiert er Nissan allein. Dennoch hat der Japaner die Rebellion gegen den Palastherrscher Ghosn angeführt.

Monatelang liess Saikawa offenbar die Hinweise auf Fehlverhalten von Ghosn gründlich untersuchen. Andere Topmanager wurden nicht eingeweiht. Unter seinen Augen gewann die Staatsanwaltschaft zwei Zeugen im Unternehmen, die vollumfänglich aussagten. Dabei wurde Ghosn im Dunkeln gelassen. Als der Franzose am Montag nichts ahnend auf dem Tokioter Flughafen Haneda landete, brachte die Polizei ihn aus dem Firmenjet direkt ins Gefängnis. Die französische Zeitung «Les Echos» nannte Saikawa einen Brutus, der den Cäsar von Nissan ermordet habe.

«Das ist kein Putsch gegen Ghosn, und man sollte so auch nicht denken», stellte Saikawa vor der Presse jedoch klar. Normalerweise spricht der Japaner schnell und beherrscht. Im Unternehmen gilt er als strikt, verschlossen, sogar als aggressiv. Aber die «dunkle Seite» der Alleinherrschaft von Ghosn wühlte ihn auf – die falschen Gehaltsangaben in den Berichten für die Tokioter Börse wohl weniger als die kreativen Griffe in die Firmenkasse, etwa die Wohnungen und Häuser zur privaten Nutzung oder ein Beratervertrag für eine Schwester mit einem Jahreshonorar von 10 Millionen Yen (88'000 Franken) ohne Gegenleistung. Das kostete Ghosn die Loyalität von Saikawa.

Geschäftliches vor Persönlichem

Bei Nissan gilt der Manager als Mann der Zahlen, das Geschäftliche steht für ihn weit über dem Persönlichen. Daher denkt Saikawa viel westlicher als der durchschnittliche Manager in Japan. Als Einkaufschef ab 2001 und später als Zuständiger für Lieferketten und Materialbeschaffung hatte Saikawa von Anfang an Ghosn entscheidend dabei geholfen, den bei Renault erworbenen Ruf als «Le Cost Cutter» bei Nissan zu bestätigen. Daher muss es ihm absurd vorgekommen sein, dass Ghosn bei sich selbst so gar nicht sparen wollte.

Ganz anders Saikawa, der ein zweites Handy für Privatgespräche bei sich trägt, damit die Anrufe seinen Arbeitgeber nichts kosten. Aufgrund dieser moralischen Diskrepanz wollte sich der Japaner wegen der Ghosn-Missetaten auch nicht tief verbeugen. So entschuldigen sich Manager in Japan für ihre Fehler. Als Nissan illegale Inspektionen und gefälschte Abgaswerte in Japan gestehen musste, hatte Saikawa dagegen ohne Zögern die Öffentlichkeit mit einem Bückling um Verzeihung gebeten.

In Japan entschuldigen sich Manager für ihre Fehler: Saikawa bittet mit einem traditionellen Bückling um Verzeihung. Bild: Reuters / Toru Hanai

«Ich entschuldige mich dafür, dass wir das Vertrauen unserer Kunden beschädigt haben», erklärte Saikawa im Juli. Damals setzte Ghosn ungerührt seinen Familienurlaub fort. Auch dies trübte das Verhältnis zu Ghosn, der Nissan seit 2001 führte und daher diese Skandale mitzuverantworten hatte. Wie sehr Saikawa sein Unternehmen am Herzen lag, bewies er in seinen zehn Jahren als Mitglied des Verwaltungsrats von Renault. 2015 flog er fast monatlich nach Paris und kämpfte wie ein Löwe gegen den Plan der französischen Regierung, ihren Anteil an Renault zu erhöhen und ihre Stimmrechte zu verdoppeln. Saikawa drohte damit, den Nissan-Anteil an Renault zu vergrössern. Letztlich gab der damalige Wirtschaftsminister und heutige Präsident Emmanuel Macron nach.

Die Fusion mit Renault, die Ghosn angeblich plant, lehnt Saikawa ab. Als Ghosn im Frühjahr keine Option ausschloss, betonte Saikawa, dass Nissan eigenständig – sprich: japanisch – bleiben müsse. Auf diesem Kurs wird er bleiben. Sobald klar wird, ob Ghosn der Prozess gemacht wird, dürfte Saikawa den nun vakanten Posten des Chairman übernehmen. Renault muss sich dann auf harte Verhandlungen einstellen.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 27.11.2018, 15:23 Uhr

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