Schweizer Händler profitieren von Waldbränden im Amazonas

Die weltgrössten Agrarhändler beziehen aus den Brandgebieten Soja – und machen damit in der Schweiz Milliardenumsätze.

Der Regenwald nimmt Schaden: Für den Sojaanbau und die Viehzucht werden im Amazonasgebiet riesige Waldflächen brandgerodet. Fotos: Reuters/Bruno Kelly

Der Regenwald nimmt Schaden: Für den Sojaanbau und die Viehzucht werden im Amazonasgebiet riesige Waldflächen brandgerodet. Fotos: Reuters/Bruno Kelly

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In einem unscheinbaren Gebäude am Chemin de Normandie 14 in Genf wird ein grosser Teil des Getreides gehandelt, das Menschen und Vieh rund um den Erdball verspeisen. Hier hat die Cargill International SA ihren Sitz, eine Tochtergesellschaft des gleichnamigen weltgrössten Agrarhändlers aus den USA. Sie wickelt von Genf aus ihren gesamten Handel mit Getreiden wie Weizen, Gerste, Mais und Soja ab.

In 8000 Kilometer Entfernung, im Gebiet des Amazonas in Brasilien, Bolivien, Kolumbien, Paraguay und Peru, brennt der Regenwald. Tausende Feuer wüten, grosse Flächen des tropischen Urwalds sind zerstört.

Was hat Cargill, was hat die Schweiz damit zu tun?

Mehr, als aufgrund der grossen Distanz zu erwarten ist. Aus einem neuen Bericht der US-Umweltorganisation Mighty Earth geht hervor, dass die Brände genau dort auftreten, wo die vier weltgrössten Getreidehändler Cargill, Bunge, Louis Dreyfus und Archer Daniels Midland, die ihren Getreidehandel über Tochterfirmen in der Schweiz abwickeln, ihr Soja einkaufen.

Nestlé ist einer der wichtigsten Kunden

Mighty Earth hat die Daten zweier Behörden miteinander abgeglichen: Einerseits zeigen die Satellitenbilder der US-Raumfahrtbehörde Nasa, wo zwischen dem 8. und dem 22. August die schlimmsten Waldbrände im brasilianischen Regenwald-Gebiet Amazônia Legal ausgebrochen sind. Anderseits zeigt das Register der brasilianischen Landwirtschaftsbehörde Conab, wo in diesem Gebiet Soja angebaut wird und welche Rohstoffhandelsunternehmen dieses Getreide beziehen.

Legt man die beiden Karten aufeinander, kann ein enger Zusammenhang zwischen den Waldbränden und dem Sojaanbau nachgewiesen werden. Mighty Earth ist sogar in der Lage, bestimmte Brandherde bestimmten Rohstoffhändlern zuzuordnen. Nebst den vier in der Schweiz tätigen Handelsriesen wurden die Daten der brasilianischen Amaggi-Gruppe ausgewertet, dem weltgrössten Sojahändler.

Im August wurden im Amazonas über 30'000 Feuer dokumentiert. Foto: Reuters/Bruno Kelly

«Der Anreiz für die Zerstörung des Regenwalds kommt von den grossen, internationalen Fleisch- und Soja-Unternehmen wie Cargill und Bunge», schreibt Mighty Earth. Verantwortlich seien auch die grossen Käufer von Getreide und Fleisch wie der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé oder die beiden Schnellrestaurantketten McDonalds und Burger King. «Es sind diese Unternehmen, die die internationale Nachfrage schaffen, welche die Feuer und die Entwaldung finanziert», schreibt Mighty Earth.

«Das schlimmste Unternehmen der Welt»

Besonders viele Waldbrände gibt es entlang der Bundesstrasse BR-163, die sich fast 1500 Kilometer durch den brasilianischen Amazonas zieht. Cargill, der grösste Bezüger von brasilianischem Soja, transportiert dieses über die BR-163 zum Hafen von Santarem, von wo es in alle Welt verschifft wird.

Cargill sei «am engsten mit der Entwaldung verbunden», schreibt Mighty Earth. Das Unternehmen subventioniere den Bauern Lagerhäuser und Wiegestationen, damit sie das Soja an Ort und Stelle an Cargill verkaufen könnten. Das Unternehmen weigere sich trotz der erdrückenden Beweislage, die Zusammenarbeit mit brasilianischen Farmern einzustellen, die die Waldbrände verursachten, um Soja anzubauen. Die Umweltorganisation bezeichnet Cargill darum als «das schlimmste Unternehmen der Welt».

Auch Rinderzüchter brennen den Regenwald nieder, um Weideflächen für ihr Vieh zu erhalten, wie hier in Canutama im Amazonas-Gebiet. Foto: AP/Andre Penner

Die Abholzung des Regenwalds im Amazonasgebiet zugunsten des Sojaanbaus ist illegal. Seit 2006 gilt ein Moratorium, das von den Agrarhandelsriesen mitunterzeichnet wurde. Sie verpflichteten sich dazu, ihr Soja nicht von Lieferanten zu beziehen, die dafür den Wald abholzen oder abbrennen . Doch das Sojamoratorium hat zwei empfindliche Lücken. Erstens umgehen es die brasilianischen Bauern, indem sie vorgeben, den Wald für andere Getreidesorten oder für die Rinderzucht zu roden. Später wird dann auf den freigewordenen Flächen doch Soja angebaut.

Zweitens gilt das Sojamoratorium nur für das brasilianische Amazonasgebiet. Deshalb würden die grossen Sojahändler die Entwaldung in anderen Gebieten vorantreiben, wirft ihnen Mighty Earth vor. Betroffen seien namentlich die Savannen des Cerrado in Südostbrasilien, die Trockenwälder des Gran Chaco in Argentinien und Paraguay sowie der tropische Urwald im bolivianischen Teil des Amazonasbeckens.

Landwirte wählten Bolsonaro

Die Geschwindigkeit, mit welcher der Regenwald in Brasilien zerstört wird, hat seit dem Amtsantritt von Präsident Jair Bolsonaro stark zugenommen. Der politisch weit rechts aussen stehende ehemalige Berufsmilitär erlangte die Macht nicht zuletzt mithilfe der Stimmen von Landwirten. Ihnen versprach er, mit militärischer Härte gegen die Beschützer des Amazonas-Regenwaldes und die darin lebenden indigenen Volksgruppen vorzugehen.

In seinen Brandreden ermutigte Bolsonaro im vergangenen Jahr die Farmer, den Wald konsequent abzuholzen. Er gründete eine neue Behörde, die vergangene Verstösse gegen Umweltschutzgesetze überprüft und möglicherweise erlässt. Und er entzog den wichtigsten Umweltschutzbehörden staatliche Gelder, sodass sie ihre Aufgaben nicht mehr konsequent ausführen können.

Unternehmen wehren sich gegen die Vorwürfe

Auf der anderen Seite des Atlantiks, am Genfersee, wird das Soja per Mausklick in alle Welt verschoben. Cargill erzielte 2017 über seine Handelsplattform für Getreide in Genf mehr als 500 Millionen Dollar Umsatz. Bei der Bunge SA in Genf waren es 500 Millionen. Die Louis Dreyfus Company Suisse SA in Le Grand-Saconnex GE erzielte 2012 in der Schweiz sogar einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro, die Archer Daniels Midland Company International GmbH in Rolle VD einen solchen von 13 Milliarden Dollar. Neuere Zahlen liegen nicht vor.

Die Firmen wehren sich gegen den Vorwurf, Komplizen für Bolsonaros Urwaldzerstörung zu sein. Eine Sprecherin von Cargill sagt: «Wir haben uns seit 2006 streng an das Sojamoratorium gehalten und beziehen kein Soja aus neu entwaldeten Gebieten.» Das Unternehmen kontrolliere vor Ort die Umsetzung des Moratoriums. Sollten dennoch illegale Abholzungen durch die Lieferanten festgestellt werden, treffe Cargill dagegen «sofortige Massnahmen».

Luftaufnahme eines durch Feuer zerstörten Regenwaldabschnitts im Amazonas-Gebiet. Foto: Getty/Victor Moriyama

Bunge schreibt, das Unternehmen verurteile den Gebrauch von Feuer für die Gewinnung von Landwirtschaftsland. Man überwache die Einhaltung des Sojamoratoriums mittels Satellitenbildern. Auch Archer Daniel Midlands beteuert, kein Soja aus neu entwaldeten Gebieten zu beziehen und dies zu überwachen. Eine Sprecherin von Louis Dreyfus sagt, alles Land, das mittels Waldbränden gerodet worden sei, werde «automatisch aus unserer Lieferkette ausgeschlossen».

Nestlé schliesslich schreibt: «Wir sind zutiefst besorgt über die Brände im Amazonaswald und beobachten die Entwicklung der Situation aufmerksam. Falls es sich herausstellen sollte, dass einer unserer Lieferanten mit Entwaldung im Amazonasgebiet verbunden ist, werden wir die Beschaffung unverzüglich einstellen.»

Mighty Earth schenkt dem aufgrund der Satellitenbilder und Daten keinen Glauben. Und schreibt: «Die neue Welle der Entwaldung in diesem Jahr zeigt, dass die internationalen Getreide-, Fleisch- und Lederhändler, ihre Kunden und ihre Finanzierer damit fortfahren, Anreize für die Zerstörung des Regenwaldes zu schaffen.»

Erstellt: 08.09.2019, 14:01 Uhr

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